Andreas Franz – »Resi« und die drei Tore im Zabo
Wer in Fürth »Franz« und »Endspiel 1914« in einem Satz sagt, meint meistens den falschen Bruder. Die beiden Tore von Magdeburg, darunter das Siegtor nach 153 Minuten, schoss Karl Franz. Andreas, der jüngere, war damals 16 und kickte in der Jugend der Spielvereinigung. Er wurde trotzdem der berühmtere Franz: zehn Länderspiele, zwei deutsche Meisterschaften, 26 Tore in 20 Endrundenspielen und in der ganzen Karriere keine einzige Verwarnung. Und einen Nachmittag im Januar 1924, an dem er ausgerechnet im Stadion des großen Nachbarn dreimal traf.
»Ruft man in Nürnberg heute nach einem Träg, so erhebt sich in der Nachbarschaft der Schrei nach einem Franz.«
Fünf Brüder und ein Kleeblatt

Andreas Franz kommt am 27. Juni 1897 in Fürth zur Welt, als einer von fünf Brüdern. Laut einem Nationalspieler-Lexikon von 1939 waren sie »alle mehr oder weniger Sportleute«. Andreas ist der zweitjüngste. Mit elf Jahren spielt er beim TV Fürth 1860, im Juli 1912 wechselt er in die Jugend der SpVgg Fürth. Dort sind schon die älteren Brüder Fritz und Karl.
Karl ist 1914 der Mann der Stunde. Er schießt Fürth im Viertelfinale, im Halbfinale und im Endspiel zum ersten deutschen Meistertitel. Drei Monate später ist er tot. Karl Franz fällt am 4. September 1914 in Lothringen, 22 Jahre alt. Das Lexikon von 1939 hält fest, der Talentierteste der fünf sei eigentlich Karl gewesen. Karl als Halblinker, Andreas als Halbrechter und Seiderer in der Mitte, dieses Trio hätte laut dem Lexikon sogar den Club neidisch machen können. Es blieb beim Duo.
Im Juli 1915 rückt Andreas in die erste Mannschaft auf. Der Krieg bremst den Spielbetrieb, ganz still steht er aber nicht: Laut Kleeblatt-Chronik trifft der junge Stürmer schon in den Kriegsjahren regelmäßig, und im April 1918 gewinnt er mit Fürth den süddeutschen Pokal gegen die Stuttgarter Kickers. Ab 1920 ist er aus der Kleeblatt-Elf nicht mehr wegzudenken. Im Beruf ist er Kürschner, er verarbeitet also Pelze. Auf dem Platz verarbeitet er Bälle.
Der Resi und die Fürther Schule
Woher der Spitzname »Resi« kommt, verraten die Quellen nicht. Belegt ist nur, dass ihn in Fürth alle so nannten. Gemeinsam mit Mittelstürmer Leonhard »Loni« Seiderer prägt er in den Zwanzigern die sogenannte »Fürther Schule«, ein Angriffsspiel aus feiner Technik und schnellen Kombinationen. Ein Fußballbuch von 1973 nennt die beiden ein »Zwillingspaar«, das sich fast blind versteht.
Franz hatte beides, was man von einem Halbstürmer will. Das Lexikon von 1939 lobt »Technik und Schußvermögen« und betont, er habe nicht nur freigespielt werden müssen, sondern auch seine Mitspieler freispielen können. Nach dem Endspiel 1926 gegen Hertha, das Fürth 4:1 gewann, schrieb ein Kritiker, man müsse Franz nach Einzelleistung, Schusskraft und Fußballintelligenz »als den besten Stürmer auf dem Platz bezeichnen«. Getroffen hatte er in diesem Finale nicht.
Dazu kam eine seltene Tugend. Franz spielte nach übereinstimmenden Quellen außergewöhnlich fair, eine Chronik der Nationalmannschaft notiert, er habe in seiner gesamten Laufbahn keine einzige Verwarnung erhalten. Bei einem Stürmer, der ständig im Getümmel stand, ist das eine eigene Kunst.
In der Nationalelf debütiert er am 26. März 1922 in Frankfurt gegen die Schweiz und trifft nach 26 Minuten. Es endet 2:2. Zehn Länderspiele werden es bis 1926, in einer Zeit, in der Deutschland oft nur vier- bis siebenmal im Jahr spielte. Im April 1924 steht er in Amsterdam in einer Elf, die nur aus Nürnbergern und Fürthern besteht. Die beiden Lager reisten damals nach einem ruppigen Derby in getrennten Eisenbahnwaggons an und sprachen kaum miteinander. Gewonnen wurde trotzdem, 1:0. Sein letztes Länderspiel bestreitet Franz am 20. Juni 1926 in Nürnberg gegen Schweden, sieben Tage nach dem Meistertitel.
Der große Tag: Drei Tore im Zabo (Januar 1924)
Am 13. Januar 1924 empfängt Deutschland die Österreicher, betreut von Hugo Meisl. Das Spiel findet im Zabo statt, dem Platz des 1. FC Nürnberg in Zerzabelshof. Der Rasen ist leicht verschneit, 20.000 Zuschauer sind gekommen. Schiedsrichter ist Ernst Hebak aus der Tschechoslowakei.
Der DFB setzt auf eine Blockbildung: Die Elf besteht ausschließlich aus Spielern des Clubs und der Spielvereinigung. Aus Fürth sind Josef Müller, Hans Hagen, Karl Auer, Loni Seiderer und Resi Franz dabei. Vor ihnen hält Heiner Stuhlfauth das Tor, dazu kommen Nürnberger wie Hans Kalb und Hans Sutor. Ein Fürther Halbstürmer spielt also im Wohnzimmer des Rivalen, fünf Kleeblättler neben sechs Cluberern.
Nach 24 Minuten bringt sein Fürther Vereinskollege Karl Auer Deutschland in Führung. Dann ist Franz an der Reihe. In der 35. Minute trifft er zum 2:0, in der 42. Minute verwandelt er einen Elfmeter zum 3:0. Mit diesem Stand geht es in die Pause.
Doch die Österreicher kommen zurück. Swatosch verkürzt nach 67 Minuten. Fünf Minuten später stellt Franz mit seinem dritten Treffer auf 4:1, und dieser Hattrick sollte sich noch als wertvoll erweisen. Denn Jiszda und Horvath treffen in der 79. und 83. Minute, am Ende steht es nur noch 4:3. Ohne das dritte Franz-Tor hätte es an diesem Tag keinen Sieger gegeben.
Drei Tore in einem Länderspiel sind eine Seltenheit, und für Franz blieben es die einzigen, die er nach dem Debüt noch für Deutschland schoss. Der Zabo aber schien ihm zu liegen: Im Mai 1927 traf er dort im Endrundenspiel gegen den Berliner SC Kickers schon wieder dreimal, diesmal in den ersten 25 Minuten. Fürth gewann 9:0, und Franz wurde in jener Endrunde mit sechs Treffern bester Torschütze.
»Begabt mit Technik und Schußvermögen, wie sie einmal nur der Resi in solcher Vollkommenheit besaß.«
Meistertitel, Heilbronn und ein zerbombtes Haus
Mit Fürth wird Franz 1926 und 1929 Deutscher Meister. Auf dem Weg ins Finale 1929 schießt er beim 6:1 gegen Breslau 08 drei Tore, im Endspiel gegen Hertha trifft er, wie schon 1926, nicht. 1930 spielt er mit Fürth in Genf um die Coupe des Nations, 1931 gewinnt er noch einmal die süddeutsche Meisterschaft. Seine letzte Endrundenpartie verliert er im Mai 1931 in Berlin gegen Hertha. Laut Kleeblatt-Chronik stehen am Ende 309 Ligaspiele mit 333 Toren für die Spielvereinigung zu Buche.
Im Sommer 1933 geht er als Spielertrainer zum VfR Heilbronn, und hier wird die Geschichte ernst. Ab 1. September 1933 ist er dort als Sportlehrer für monatlich 250 Reichsmark angestellt. Nach wenigen Wochen gibt er den Trainerposten auf, stürmt aber weiter für den VfR, während ein örtlicher Gewerbebetrieb ihm das Gehalt zahlt. Nach den gerade verschärften Amateurregeln des DFB galt das als »Berufsspielertum«. Im Januar 1934 bezichtigt ihn ein Spieler des Lokalrivalen Union Böckingen genau dessen. Der Denunziant wird zwar wegen Beleidigung vier Wochen gesperrt, doch im Februar 1934 fällt das Urteil: Franz wird zum »Berufsspieler« erklärt, was einer befristeten Sperre gleichkommt, der VfR wird bis Mitte 1934 aus dem DFB ausgeschlossen. Danach verliert der Verein seine Punkte und steigt ab. NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz löst den Klub auf und lässt ihn als SV Heilbronn 96 neu gründen. Die »Affäre Franz« blieb in Heilbronn jahrzehntelang ein Begriff.
Franz kehrt nach Fürth zurück und ist von 1934 bis 1939 Spielertrainer seines Jugendvereins TV 1860. 1936 verpasst er mit dem Bezirksklassenmeister nur knapp den Aufstieg in die Gauliga. Ab Ende der dreißiger Jahre arbeitet er beim Bekleidungsamt der Stadt Fürth.
Der Zweite Weltkrieg trifft ihn schwer. Als er aus dem Krieg heimkehrt, ist sein Haus zerbombt, unter den 40 Todesopfern ist laut Kleeblatt-Chronik auch seine Frau. Aus den Trümmern rettet er ein Nadelkissen mit gesammelten Fußballabzeichen und ein Album mit etwa 1.000 Fotos von Spielszenen.
Nach dem Krieg trainiert er den ASV Fürth, den TV 48 Erlangen und von 1952 bis 1958 die Amateure der Spielvereinigung. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit einer Toto-Annahmestelle in der Gustavstraße, die für viele Fürther Fußballfreunde auch ein Treffpunkt zum Erzählen alter Ronhof-Geschichten war. Andreas Franz stirbt am 2. Mai 1970 in Fürth und wird auf dem Fürther Friedhof beigesetzt.
Andreas Franz auf einen Blick
Geboren: 27.6.1897 in Fürth
Gestorben: 2.5.1970 in Fürth
Spitzname: »Resi«
Vereine: TV Fürth 1860 (1908–1912), SpVgg Fürth (Jugend ab 1912, erste Mannschaft 1915–1933), VfR Heilbronn (1933/34), TV Fürth 1860 (1934–1939)
Position: Halbrechter Stürmer
Titel: Deutscher Meister 1926 und 1929, Süddeutscher Meister 1923 und 1931, Süddeutscher Pokal 1918, 1923 und 1925–1927, Bundespokal mit Süddeutschland 1922, 1923, 1924 und 1926
Bilanz: 309 Ligaspiele und 333 Tore für Fürth; 20 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft mit 26 Toren; 10 Länderspiele (1922–1926) mit 4 oder 5 Toren
Beruf: Kürschner, später Angestellter beim Bekleidungsamt Fürth, nach 1945 Inhaber einer Toto-Annahmestelle
Trainer: VfR Heilbronn (1933), TV Fürth 1860 (1934–1939), ASV Fürth (1946/47), TV 48 Erlangen, SpVgg Fürth Amateure (1952–1958)
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Andreas Franz · Kleeblatt-Chronik: Karl Franz · Kleeblatt-Chronik: Endspiel 1926 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero 38 (2002) · RSSSF: Andreas Franz – International Appearances · National Football Teams: Deutschland – Österreich 1924 · 11v11: Deutschland – Österreich 1924 · Rudolf Oswald: Der VfR Heilbronn und die »Affäre Franz« (heilbronnica 4) · Wikipedia: Andreas Franz · FürthWiki: Andreas Franz