Georg Knöpfle – Vom Knopf zum Meisterschmied
Klein war er, so klein, dass sie ihn in Fürth nur den »Knopf« nannten. Gerade mal zwei Jahre trug Georg Knöpfle das Kleeblatt, 38 Ligaspiele, ein einziges Tor. Und doch war er in dieser kurzen Zeit gut genug für drei Länderspiele und eine Olympiareise. Seine größte Stunde aber schlug erst 36 Jahre später, auf einer Trainerbank in Köln. Der kleine Läufer aus dem Schwarzwald wurde der erste Meistertrainer der Bundesliga.
»Georg Knöpfle war die verkörperte Energie.«
Aus der Uhrenstadt an den Ronhof

Georg Knöpfle kommt am 15. Mai 1904 in Schramberg zur Welt, als viertes Kind von Matthias und Christine Knöpfle. Schramberg ist die Stadt der Uhren, und so lernt der Junge laut Wikipedia von 1918 bis 1921 Mechaniker bei Junghans. Präzisionsarbeit also, Zahnrad für Zahnrad.
Fußball spielt er da längst. Ab 1913 kickt er in Schrambergs Jugendmannschaften, 1921 darf er schon gelegentlich bei den Männern ran. Im April 1926 wagt er den großen Sprung, weg aus dem Schwarzwald, hin zur Spielvereinigung Fürth. Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Wenige Wochen später wird Fürth zum zweiten Mal Deutscher Meister, trainiert vom Engländer William Townley. Er beginnt in den unteren Mannschaften.
1927 ist er oben angekommen. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft steht er am 8. Mai in Breslau erstmals in einem Endrundenspiel, als linker Läufer. Fürth gewinnt 3:1 vor 18.000 Zuschauern. Das Statistikheft Libero hält fest, dass neun Spieler aus dem Endspiel von 1926 dabei waren. Neu waren nur zwei auf der linken Seite: »Schorsch« Knöpfle hinten, »Allan« Frank vorne. Zwei Wochen später fegt Fürth im Nürnberger Zabo die Berliner SC Kickers mit 9:0 vom Platz. Im Halbfinale von Leipzig ist dann Schluss, 1:2 gegen Hertha BSC vor 25.000 Zuschauern.
In der Saison 1927/28 fehlt Knöpfle kaum noch. 27 Ligaspiele verzeichnet die Kleeblatt-Chronik für ihn, dazu sein einziges Tor im Fürther Trikot.
Der Knopf mit dem Kämpferherz
Groß war er nicht, ein Zauberer auch nicht. Die Kleeblatt-Chronik beschreibt ihn als dynamischen, unermüdlichen »Kämpfertyp«, der mal links, mal rechts in der Läuferreihe stand. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 wird noch deutlicher. Es lobt sein »unverdrossenes Kämpfertum« und stellt fest: »in der aufopfernden Spielweise ist ihm keiner nachgekommen«. Technisch gab es Feinere, räumt das Buch ein. Fleißigere nicht.
Eine kleine Spitze leistet sich das Lexikon trotzdem. Beim Hamburger Albert Beier paarten sich Technik, Tempo und Härte so ideal »wie z. B. bei dem ihm schon durch den Haarwuchs verwandten Knöpfle«. Übersetzt: Beide hatten eine hohe Stirn. Die sollte Knöpfle später in Köln noch berühmt machen.
Reichstrainer Otto Nerz bemerkte den Fürther Arbeiter jedenfalls. Am 15. April 1928 debütiert Knöpfle in Bern gegen die Schweiz. Neben ihm, in der Mitte der Läuferreihe, steht sein Fürther Vereinskamerad Ludwig Leinberger. Deutschland gewinnt 3:2, Schiedsrichter ist ein Engländer namens Stanley Rous, der später FIFA-Präsident wird.
Sechs Wochen danach folgt das Abenteuer Olympia in Amsterdam. Beim 4:0 gegen die Schweiz am 28. Mai bildet Knöpfle mit dem Nürnberger Hans Kalb und Leinberger die Läuferreihe, ausgerechnet ein Clubberer zwischen zwei Fürthern. Im Viertelfinale gegen Uruguay am 3. Juni geht alles schief. Kalb fliegt vom Platz, und dann meldet eine zeitgenössische Zeitung knapp: »Knöpfle wird am linken Knie verletzt und scheidet aus.« Deutschland verliert 1:4. Es ist sein drittes und letztes Länderspiel als Fürther.
Noch 1928 wechselt er zum FSV Frankfurt. Dort sammelt er zwanzig weitere Länderspiele, am Ende sind es 23. Die Geschichte der Nationalmannschaft nennt ihn 1931 den »Regisseur« unter Nerz' wenigen Konstanten. Am 4. Dezember 1932 führt er die Elf gegen Holland als Kapitän aufs Feld, und die Ostdeutsche Morgenpost urteilt: »Bei den Deutschen bot Knöpfle die einwandfrei beste Leistung.« Sein letztes Länderspiel bestreitet er am Neujahrstag 1933 in Bologna. Mit dem FSV wird er 1933 Süddeutscher Meister, laut Wikipedia entscheidet sein Kopfballtor das Endspiel gegen 1860 München.
Der große Tag: Meister in Müngersdorf (April 1964)
Im Sommer 1963 ist Knöpfle 59 Jahre alt und übernimmt den 1. FC Köln. Es ist die erste Saison der neuen Bundesliga. Sein Vorgänger Zlatko Čajkovski hatte großspurig angekündigt, niemand werde Köln aufhalten können, und war dann selbst zum FC Bayern gegangen. Die Westfälische Rundschau bilanzierte trocken: »Knöpfle sagte nicht erst lange Erfolge voraus — er hatte sie.«
Er hat eine seltene Mischung im Kader: den 36-jährigen Weltmeister Hans Schäfer, dazu zwei 19- und 20-Jährige namens Wolfgang Weber und Wolfgang Overath. Er setzt in der ganzen Saison nur 15 Spieler ein, die er munter zwischen den Positionen tauscht. Der kicker erinnert sich später sogar an die Meldung, er sei ins Geißbockheim gezogen, um seine Spieler besser im Blick zu haben.
Am Samstag, dem 18. April 1964, um 17 Uhr kommt der alte Meister ins Müngersdorfer Stadion: Borussia Dortmund. Es ist der drittletzte Spieltag. Gewinnt Köln, ist die Schale nicht mehr zu nehmen. Laut fussballdaten.de sind 46.000 Zuschauer da, der FC selbst spricht von 40.000. Es pfeift Kurt Tschenscher aus Mannheim.
Dortmund beginnt stark, obwohl die Mannschaft am Mittwoch noch im Europapokal gegen Inter Mailand gespielt hat. Aki Schmidt trifft in der 22. Minute zum 0:1. Die Führung hält bis kurz vor der Pause. Dann gleicht Hans Sturm in der 45. Minute aus. Nach dem Wechsel kippt das Spiel innerhalb einer Minute: Karl-Heinz Thielen köpft in der 59. Minute das 2:1, Heinz Hornig legt in der 60. das 3:1 nach. Franz Brungs verkürzt per Kopf, doch Thielen trifft in der 69. Minute zum 4:2. Den Schlusspunkt setzt Leo Wilden drei Minuten vor dem Ende.
Köln ist Meister, am Ende mit sechs Punkten Vorsprung vor dem Meidericher SV. Für Dortmund war es keine echte Revanche für das Endspiel von 1963, schrieb die Westfälische Rundschau, zu müde seien die Beine gewesen. Knöpfle wurde im Mai 60 Jahre alt, und der kicker stellt fest, dass sein Name seither »an oberster Stelle im Verzeichnis der Bundesliga-Meistertrainer« steht. In Köln nannten sie ihn den »Meisterschmied«.
»Köln ist ein würdiger Meister, der das Erbe der Dortmunder bestimmt gut zu verwalten weiß.«
Lehrjahre, Parteibuch und die Wanderjahre eines Trainers
Die Trainerlaufbahn beginnt früh. Noch als FSV-Spieler lässt sich Knöpfle an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin zum Sport- und Fußballlehrer ausbilden. Eine schwere Verletzung im Mai 1933 gegen Schalke beendet laut Wikipedia seine Zeit als Stammspieler. Zum 1. Mai 1933 trat er der NSDAP bei, so weist es die Mitgliederkartei im Bundesarchiv aus, die Wikipedia zitiert, dazu war er im NS-Kraftfahrkorps aktiv. Er arbeitete als Gausportlehrer in Norddeutschland und gehörte 1936 zum Trainerstab der Olympiamannschaft.
Aus diesem Turnier stammt eine Anekdote, die Sepp Herberger später erzählte. Nach dem blamablen 0:2 gegen Norwegen war es Knöpfle, der ihm die Nachricht brachte: »Ich war gerade dabei, ein Stück Eisbein zu schlucken, als Georg Knöpfle aus dem Poststadion zurückkam und mir die Nachricht überbrachte. Seitdem kann ich kein Eisbein mehr essen.«
Ab 1937 lehrt Knöpfle in Braunschweig an der Hochschule für Lehrerbildung und trainiert die Eintracht. Gegen Kriegsende schnürt er dort selbst noch einmal die Schuhe. 1949 holt ihn der Hamburger SV. Als Antrittsgeschenk bringt er Jupp Posipal aus Hannover mit. Der hatte den HSV lange abblitzen lassen. Dann, so erinnerte sich Posipal: »Eines Tages aber stand ›Schorsch‹ Knöpfle in der Tür und bedeutete mir, ich solle endlich meinen Starrsinn aufgeben und die Koffer packen.« Posipal wurde 1954 Weltmeister, der HSV unter Knöpfle viermal in Folge Nordmeister.
Beim FC Bayern wird er 1954 vor Weihnachten entlassen, die einzige vorzeitige Trennung seiner Laufbahn. In Aachen erlebt er die besten Oberliga-Jahre der Alemannia, mit Werder Bremen gewinnt er 1961 den DFB-Pokal. Dann kommt Köln.
Nach dem Titel verfehlt der FC 1965 die Titelverteidigung, 1966 wechselt Knöpfle vom Platz ins Büro. Als Technischer Direktor gilt er manchen als erster Manager der Bundesliga, noch vor Robert Schwan beim FC Bayern. Wann genau er in gleicher Rolle zum HSV ging, erzählen die Quellen unterschiedlich. 1969/70 sitzt er dort ein letztes Mal als Trainer auf der Bank, die Mannschaft hört auf den 33-jährigen Uwe Seeler. In Seelers Erinnerungen taucht er als »Reizfigur« im Profilager auf.
Mit 66 Jahren betreut er noch zwei Jahre den Meiendorfer SV in den unteren Hamburger Amateurligen. Georg Knöpfle stirbt am 14. Dezember 1987 in Hamburg, er wird 83 Jahre alt. Zu seinem 100. Geburtstag benennt seine Heimatstadt Schramberg 2004 das Vereinsheim der Spielvereinigung 08 nach ihm.
Georg Knöpfle auf einen Blick
Geboren: 15.5.1904 in Schramberg
Gestorben: 14.12.1987 in Hamburg
Spitzname: »Knopf«, »Schorsch«, in Köln »Meisterschmied«
Vereine: Schramberger Vereine (bis 1926), SpVgg Fürth (1926–1928), FSV Frankfurt (1928–1934), Eintracht Braunschweig (1942–1944)
Position: Läufer (rechts oder links)
Titel: Süddeutscher Meister 1933 (FSV); als Trainer Deutscher Meister 1964, DFB-Pokalsieger 1961, Oberliga-Nord-Meister 1950–1953
Bilanz: SpVgg Fürth 38 Ligaspiele, 1 Tor, dazu 3 Endrundenspiele 1927; 23 Länderspiele (1928–1933), davon 3 als Fürther
Beruf: Mechaniker, Sport- und Fußballlehrer
Trainer: u. a. Eintracht Braunschweig (1937–1948), Hamburger SV (1949–1954, 1969/70), Alemannia Aachen (1955–1958), Werder Bremen (1958–1963), 1. FC Köln (1963–1966)
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Georg Knöpfle · Wikipedia: Georg Knöpfle · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1996 · Libero International · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Deutsche Rundschau in Polen, 6.6.1928 · Ostdeutsche Morgenpost, 5.12.1932 · Westfälische Rundschau: Bundesliga 1963/64 · kicker: 60 Jahre Bundesliga · RSSSF: Knöpfles Länderspiele · fussballdaten.de: Köln–Dortmund 1964 · 1. FC Köln: Heute vor 60 Jahren