Georg Wellhöfer – 153 Minuten bis zum Titel

Heute beschwert man sich, wenn ein Spiel ins Elfmeterschießen geht. Georg Wellhöfer musste 1914 für seine Meisterschaft 153 Minuten verteidigen, auf einem Sportplatz in Magdeburg, bis endlich das entscheidende Tor fiel. Er war 21 und Verteidiger der SpVgg Fürth, genannt »Schorsch«. Wenige Wochen später trug er Uniform statt Trikot. Vier Mitspieler aus dieser Elf sollten nicht aus dem Krieg zurückkommen. Wellhöfer kam zurück, und er spielte weiter.

Zeitstrahl: Laufbahn von Georg Wellhöfer 1906–1952
Laufbahn von Georg Wellhöfer · 1906–1952
»Doch die Franken besaßen in ›Schorsch‹ Wellhöfer, ›Bumbes‹ Schmidt und dem Österreicher Adolf Riebe außergewöhnliche Abwehrspieler.«
Libero International über die Endrunde 1914

Vom Union-Platz zum Kleeblatt

Georg Wellhöfer in Uniform, Porträt von der Meisterkarte der SpVgg Fürth 1914
Georg Wellhöfer in Uniform – Ausschnitt aus der Meisterkarte 1914 (Atelier Gg. Krehn)

Georg Wellhöfer kommt am 16. März 1893 in Fürth zur Welt. Mit 13 kickt er bei Union Fürth, mit 15 wagt er einen Abstecher über die Stadtgrenze zum FC Pfeil Nürnberg. In Fürth ist das beinahe Landesverrat, zumindest fußballerisch. Er bleibt nur eine Saison.

Im Juli 1911 landet er dort, wo in Fürth die Musik spielt: bei der Spielvereinigung. Bis 1914 versammelt der Verein ein bemerkenswert internationales Ensemble: den englischen Trainer William Townley, den Österreicher Adolf Riebe, den ungarischen Stürmer Frigyes Weicz und den Nationalspieler Karl Burger aus Stuttgart. Mitten in dieser kleinen Fremdenlegion steht ein Einheimischer, der hinten aufräumt: Schorsch Wellhöfer.

1914 wird die Spielvereinigung süddeutscher Meister und fährt zur Endrunde. Im Viertelfinale geht es nach Leipzig, »mit Respekt und gemischten Gefühlen«, wie die Chronik schreibt. Fürth gewinnt 2:1, auch weil die Abwehr steht. Im Halbfinale kommt der Berliner BC nach Fürth, 12.000 Zuschauer sind da. Nach 90 Minuten steht es 2:2, nach 120 Minuten 3:3, und dann wird weitergespielt, bis einer trifft. Nach 146 Minuten trifft Karl Franz zum 4:3. Das war, wie sich zeigen sollte, erst die Generalprobe.

Der große Tag: 153 Minuten von Magdeburg (31. Mai 1914)

Wenn man von Schorsch Wellhöfer nur eine Geschichte erzählen darf, dann diese.

Der Ärger beginnt schon vor dem Anpfiff. Rund 400 Fürther Anhänger wollen mit nach Magdeburg, aber die Nürnberger Eisenbahndirektion stellt keine zusätzlichen Waggons bereit. Wie viele es trotzdem schafften, verrät die Chronik nicht. Auf dem Victoria-’96-Platz sehen am Ende 6.000 Zuschauer zu, wie Fürth gegen den Titelverteidiger VfB Leipzig antritt. Wellhöfer verteidigt neben Karl Burger, im Tor steht Hermann Polenski.

Spielkarte: Endspiel 1914, SpVgg Fürth – VfB Leipzig 3:2 n. V.
Spielverlauf Endspiel 1914 · entschieden in der 153. Minute

Karl Franz bringt Fürth früh in Führung. Ab der 42. Minute spielt Leipzig nur noch zu zehnt, weil Außenläufer Paul Michel verletzt ausscheidet. Auswechseln durfte man damals nicht. Fürth scheint also auf Kurs, doch Leipzigs »wieder überragender« Mittelläufer Edy Pendorf gleicht sieben Minuten vor Schluss aus.

In der Verlängerung geht es hin und her, Weicz trifft für Fürth, Hesse gleicht aus. Nach 120 Minuten steht es 2:2, und es gilt dieselbe Regel wie im Halbfinale: Weiterspielen, bis ein Tor fällt. In der 138. Minute fliegt Fürths Hans »Bumbes« Schmidt vom Platz, jetzt stehen zehn gegen zehn. Für Wellhöfer heißt das: noch mehr laufen, noch mehr absichern, und das in einer Partie, die längst länger dauert als anderthalb normale Spiele.

In der 153. Minute ist Schluss. Karl Franz, schon der Held des Halbfinales, trifft zum 3:2. Die Spielvereinigung Fürth ist zum ersten Mal Deutscher Meister, und Georg Wellhöfer ist mit 21 Jahren am Ziel.

Doch die Chronik setzt einen Satz dahinter, der alles andere überschattet: »Lange konnten sich die Fürther darüber nicht freuen.« Neun Wochen später beginnt der Erste Weltkrieg.

Krieg und Rückkehr

Nur Wochen nach dem Titel wird Wellhöfer eingezogen. Sechs Spieler der Meisterelf müssen an die Front, und vier von ihnen kehren nicht zurück. Karl Franz, der Mann mit den zwei Siegtoren nach 146 und 153 Minuten, fällt schon im September 1914. Auch Sebastian Seidel, Hans Jakob und der Ungar Frigyes Weicz sterben im Krieg. Von den Helden von Magdeburg bleibt nach vier Jahren nicht mehr viel übrig.

Wellhöfer überlebt. Zwischendurch läuft er als Gastspieler für Phönix Ludwigshafen auf. Das war im Krieg nicht ungewöhnlich, man spielte, wo man gerade stationiert war. Im April 1918, der Krieg ist noch nicht vorbei, gewinnt Fürth in Stuttgart den süddeutschen Pokal mit 2:1 gegen die Kickers, und Wellhöfer steht in der Abwehr.

Dann kommt 1920, sechs Jahre nach Magdeburg. Fürth steht wieder in der Endrunde, schlägt Breslau 4:0 und erreicht das Finale. Gegner ist ausgerechnet der große Nachbar, der 1. FC Nürnberg. 35.000 Zuschauer kommen nach Frankfurt, sechsmal so viele wie 1914. Diesmal gibt es keine Verlängerung und kein Happy End: Der Club gewinnt 2:0. Ein Blick auf die Aufstellungen zeigt, wie gründlich der Krieg die Mannschaft verändert hat: Von der Meisterelf 1914 steht 1920 nur noch ein einziger Spieler auf dem Platz, Schorsch Wellhöfer.

»›Schorsch‹, wie ihn alle nannten, kehrte aus dem Krieg zurück und stand nach sechs Jahren erneut mit seinem alten Verein im deutschen Endspiel.«
Libero International

Im März 1922 kommt der Lohn in anderer Währung: sein Länderspiel gegen die Schweiz. Es bleibt das einzige. In der deutschen Abwehr steht er neben seinem Fürther Mitspieler Josef Müller, vor ihnen Hans Hagen und die Nürnberger Kalb und Riegel. 1923 holt er mit Fürth noch einmal den süddeutschen Pokal und steht in seiner dritten Endrunde. Nach dem Halbfinal-Aus gegen Union Oberschöneweide ist seine Endrunden-Bilanz komplett: acht Spiele in drei Anläufen.

Wanderjahre

Im November 1924 verlässt Wellhöfer nach 13 Jahren die Spielvereinigung. Er geht aber nicht zum Nachbarn, sondern ans andere Ende der Republik, zu Arminia Bielefeld. Warum ausgerechnet Ostwestfalen, verraten die Quellen nicht. Lange bleibt er nicht: 1925 zieht es ihn zurück nach Ludwigshafen, zu Phönix, wo er schon im Krieg ausgeholfen hatte. Dort spielt er bis 1928.

Dann macht der ausgebildete Sportlehrer das, was so viele Spieler seiner Generation taten: Er gibt weiter, was er kann. Seine Trainerstationen lesen sich wie eine Deutschlandreise der Zwischenkriegszeit: 1. FC Bayreuth, VfR Fürth, Sportfreunde Saarbrücken, Saar 05, FV Saarbrücken, Vorwärts-Rasensport Gleiwitz im fernen Oberschlesien und Phönix Karlsruhe. Dazu kommt ein Posten als Gausportlehrer im Gau Saarpfalz. Wann er wo war, lässt sich aus den verfügbaren Quellen nicht genau sagen.

Ganz von den Fußballschuhen lässt er nie. Bis 1952, da ist er 59, spielt er bei den Alten Herren des SV Kirchheimbolanden in der Pfalz. Wer 1914 153 Minuten durchgehalten hat, hält eben auch sonst länger durch als andere.

Georg Wellhöfer stirbt im Dezember 1968 mit 75 Jahren. Er war der letzte Verbindungsmann zwischen Fürths erster Meisterelf und der Mannschaft nach dem Krieg, ein Verteidiger, der zwei Epochen überspannte.

Georg Wellhöfer auf einen Blick

Geboren: 16.3.1893 in Fürth
Gestorben: Dezember 1968
Spitzname: »Schorsch«
Position: Verteidiger
Vereine: Union Fürth, FC Pfeil Nürnberg, SpVgg Fürth (1911–1924), Arminia Bielefeld (1924/25), Phönix Ludwigshafen (1925–1928)
Titel: Deutscher Meister 1914, Vizemeister 1920, Süddeutscher Pokal 1918 und 1923
Bilanz: 8 Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft, 1 Länderspiel (1922 gegen die Schweiz)
Beruf: Sportlehrer, Trainer (u. a. Bayreuth, Saarbrücken, Gleiwitz, Karlsruhe)

Quellen

Kleeblatt-Chronik · Libero International · Libero D 3/1992 · Libero D 6-7/1993 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Kicker-Almanach 1959 · Przegląd Sportowy 1922