Hans Fiederer – das Talent, das zur Feder griff
Mit 21 Jahren hatte Hans Fiederer sechs Länderspiele beisammen, so viele wie Wolfgang Overath im selben Alter. Er war blond, geschmeidig und halblinks kaum zu halten, Sepp Herberger hatte ihn fest im Blick. Dann flogen im August 1942 in Paris Handgranaten auf einen Trainingsplatz, und die Karriere des Fürthers war nach fünf Jahren in der ersten Mannschaft vorbei. Fiederer verlor ein Bein. Den Fußball verlor er nicht: Er schrieb fast vier Jahrzehnte lang über ihn, ab 1949 als Chefredakteur. Seinen größten Auftritt als Spieler hatte er an einem Sommersonntag 1940, an dem ein gewisser Fritz Walter debütierte.
»Der Fiederer-Hansl, einer der feinsten Fußballer Fürths, voller Tricks und Technik und begabt mit einem pfeilgeraden und schmetternden Schuss …«
Ein Neffe vom Ronhof

Hans Fiederer kommt am 21. Januar 1920 in Fürth zur Welt. Fußball liegt in der Familie. Sein Onkel Leo Fiederer steht im selben Jahr mit der Spielvereinigung im Endspiel um die deutsche Meisterschaft und wird 1920 selbst Nationalspieler. Ein Heft der Fußballstatistiker von Libero urteilte später, der Neffe sei »ein noch besserer Fussballer und berühmterer Nationalspieler« geworden.
Im Juli 1928, mit acht Jahren, tritt Hans in die Jugend der SpVgg ein. Neun Jahre später, im Juli 1937, steht er in der ersten Mannschaft, die inzwischen in der Gauliga Bayern spielt. Die Fürther Glanzzeit mit drei Meistertiteln liegt da schon ein paar Jahre zurück. Für die Zukunft hat der Verein aber einen Hoffnungsträger. Im Lexikon »Die Deutschen Nationalspieler« von 1939 steht er mit dem Stammposten »Halblinks« und dem Beruf »techn. Angestellter«.
Seine Bilanz in Fürth kann sich sehen lassen: Laut Kleeblatt-Chronik bestreitet er von 1937 bis 1942 genau 81 Gauligaspiele und erzielt 44 Tore. In seinen letzten drei Spielzeiten trifft er zwölf, zwölf und zehn Mal.
Der Blondschopf in Herbergers Notizbuch
Wie spielte Fiederer? Die Quellen sind sich erstaunlich einig. Elegante Ballbehandlung, Dribblings, Schusskraft. Der Journalist Richard Kirn nannte ihn einen der »feinsten Fußballer Fürths«. Die Kleeblatt-Chronik beschreibt einen geschmeidigen Stürmer, der sich im Nu einen Platz in Herbergers legendärem Notizbuch erobert habe.
Den Weg dorthin ebnete ihm die bayerische Gauauswahl. Im Reichsbundpokal, dem Wettbewerb der regionalen Auswahlteams, schoss er Bayern 1938/39 mit zwei Toren in der Schlussphase an der starken Niederrhein-Elf vorbei. Das Finale am 5. März 1939 in Dresden ging vor 40.000 Zuschauern mit 1:2 gegen Schlesien verloren. Fiederer hatte trotzdem Eindruck gemacht.
Drei Wochen später, am 26. März 1939, debütierte er in Differdingen gegen Luxemburg. Es war ein kurioser Tag: Der DFB bestritt zwei Länderspiele gleichzeitig, die erste Garnitur spielte in Florenz gegen Italien. Die junge Elf in Luxemburg verlor 1:2. Fiederer war da gerade 19.
Schon im Herbst 1938 hatte Herberger ihn einmal mitgenommen, zu einem inoffiziellen Spiel einer Nachwuchsauswahl nach Sofia. Richard Kirn hat davon eine hübsche Geschichte überliefert. Fiederer und der Riesaer Willi Arlt, die beiden Jüngsten, kamen zu jedem Treffpunkt zu spät. Als sie auch noch den Ausflug mit festlichem Abendessen verschliefen, richtete es Herberger so ein, dass die Mannschaft am Abend abreiste, ohne dass die beiden noch etwas zu essen bekamen. Einen Speisewagen hatte der Schlafwagenzug nicht. Dafür hatten die Bulgaren drei Kisten Weintrauben als Abschiedsgeschenk mitgegeben. Am nächsten Morgen waren sie leer, und Kirn lässt wenig Zweifel, wer da nachts Hunger hatte.
Das zweite Länderspiel folgte am 3. Dezember 1939 in Chemnitz, 3:1 gegen die Slowakei, und Fiederer erzielte sein erstes Tor. Dazu kamen Einsätze in Zagreb gegen Jugoslawien (0:2), in Wien gegen Kroatien (5:1) und am 16. November 1941 in Dresden gegen Dänemark (1:1). Unterm Strich standen sechs Länderspiele, drei Siege, ein Remis, zwei Niederlagen und drei Tore. Mit der Bayern-Auswahl gewann er 1940 in Augsburg den Reichsbundpokal durch ein 3:1 gegen Sachsen, 1941 stand er zum dritten Mal im Finale.
Der große Tag: Neun Tore in Frankfurt (Juli 1940)
Sonntag, 14. Juli 1940, Frankfurt am Main. Deutschland empfängt Rumänien zu einem Freundschaftsspiel, und Herberger hat ein Problem: Am selben Tag laufen die Halbfinals der deutschen Meisterschaft, viele Stammkräfte sind gebunden. Die rumänische Gazeta Sporturilor registrierte in ihrem Vorbericht, dass nur vier bewährte Internationale in der deutschen Elf stünden. Der Rest seien junge Spieler, auf die der Reichstrainer »große Hoffnungen« setze.
Einer dieser jungen Spieler ist Hans Fiederer, 20 Jahre alt, auf halblinks. Neben ihm im Sturmzentrum steht ein 19-jähriger Debütant aus Kaiserslautern: Fritz Walter. Rechts außen stürmt Ernst Plener, dazu kommen der Wiener Wilhelm Hahnemann und links außen Fiederers Sofia-Kompagnon Willi Arlt. Schiedsrichter ist der Italiener Raffaele Scorzoni. Eine rumänische Statistik nennt 40.000 Zuschauer.
Was folgt, ist eine Demonstration. Plener trifft in der 16. Minute, Hahnemann in der 19. und 26., Walter in der 33. Zur Pause steht es 4:0. Nach dem Wechsel verkürzt Iuliu Baratky per Elfmeter auf 4:1, doch das weckt die Deutschen erst richtig. In der 58. Minute trifft Fiederer, eine Minute später Plener, in der 63. wieder Fiederer. 7:1. Die Rumänen kommen noch zweimal heran, Walter macht mit zwei weiteren Toren das 9:3 perfekt.
Die Schlagzeilen gehören am Ende Fritz Walter, der mit drei Toren debütiert und vierzehn Jahre später in Bern Weltmeister wird. Fiederer steuert zwei Tore bei, beide binnen fünf Minuten, in einem Sturm, in dem vier von fünf Angreifern treffen. Eine rumänische Zeitung berichtete übrigens, Fiederer sei nach einer Verletzung eines Mitspielers in der zweiten Halbzeit in die Läuferreihe zurückgezogen worden. Das Detail lässt sich nicht weiter prüfen, würde aber passen: Wer halblinks stürmen kann, kann auch aushelfen.
Walter und Fiederer standen danach noch mehrfach gemeinsam auf dem Platz, laut Wikipedia in vier von Fiederers sechs Länderspielen. Es hätte der Beginn einer langen Partnerschaft sein können.
»Innerhalb von nur einer Minute (58. und 59.) treffen Fiederer und Plener, ehe wiederum Fiederer in der 63. Minute markiert. Der Spielstand war auf 7:1 angewachsen.«
Paris, 5. August 1942
Im Krieg dient Fiederer als Funker bei der Luftwaffe. Weil er als guter Fußballer bekannt ist, wird er nach Paris versetzt, in die Kompanie des Nachrichtenoffiziers Richard Herrmann. Der hatte dort die sogenannte Pariser Soldatenelf aufgebaut, eine Militärmannschaft mit vielen bekannten Spielern, die vor großem Publikum zur Truppenunterhaltung antrat.
Am 19. Juli 1942 bestreitet Fiederer sein letztes Pflichtspiel für Fürth, eine 1:4-Niederlage im Tschammerpokal bei Eintracht Frankfurt. Gut zwei Wochen später, am 5. August 1942, trainiert die Pariser Soldatenelf, als Widerstandskämpfer der Résistance Handgranaten auf den Platz werfen. Es gibt Tote und Schwerverletzte, nach neueren Recherchen starben acht Deutsche. Hans Fiederer überlebt, verliert aber das rechte Bein. Er ist 22 Jahre alt.
Laut Kleeblatt-Chronik folgen zwei endlos lange Jahre im Lazarett. Eine Prothese kann er wegen der Schmerzen am Stumpf nicht tragen, er geht fortan an Krücken. Im Herbst 1943 erwirbt er das Versehrtensportabzeichen. Schon in dieser Zeit beginnt er zu schreiben. Laut einem Spiegel-Bericht von 2025 erschien sein erster Artikel am 6. April 1943 in der Berliner Fußball-Woche, vermittelt von Sepp Herberger.
Vom Halblinken zum Chefredakteur
Nach dem Krieg arbeitet Fiederer ab Ende 1945 als Sportredakteur der Nürnberger Nachrichten. Im November 1946 holt ihn Friedebert Becker in die Redaktion des Sport, des späteren Sport-Magazins. Am 1. April 1949 ist er bereits Chefredakteur, mit 29 Jahren. Die Kleeblatt-Chronik spricht von einem zweiten Senkrechtstart, und das trifft es.
Der gute Draht zu seinen früheren Mitspielern hilft ihm dabei. Er berichtet von unzähligen Länderspielen und sitzt 1954 in Bern auf der Pressetribüne, als sein alter Sturmpartner Fritz Walter Weltmeister wird. Nach dem Halbfinale der WM 1958 schrieb er im Sport-Magazin, die Ehre des deutschen Fußballs sei »im Halbfinale von Göteborg wiederhergestellt worden«. Später gehört er zur Chefredaktion des kicker-sportmagazin, im Impressum als Chefkommentator geführt.
Seinen Humor hat er offenbar behalten. Richard Kirn schrieb 1944, Fiederer habe ein Bein verloren, »aber nicht seinen Humor«, und er mache im Versehrtensport mit.
Hans Fiederer stirbt am 15. Dezember 1980 im Alter von 60 Jahren, zwei Monate nach seinem letzten Bericht von einem Bundesligaspiel im Nürnberger Stadion. Beerdigt wird er auf dem Nürnberger Westfriedhof. Unter den Trauergästen sind viele alte Weggefährten aus Fußball und Journalismus.
Hans Fiederer auf einen Blick
Geboren: 21.1.1920 in Fürth
Gestorben: 15.12.1980
Spitzname: »Fiederer-Hansl« (bei Richard Kirn)
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1928, erste Mannschaft 1937–1942)
Position: Halblinks
Titel: Reichsbundpokal 1940 mit der Gauauswahl Bayern (Finalist 1939 und 1941)
Bilanz: 81 Gauligaspiele, 44 Tore; 6 Länderspiele, 3 Tore (1939–1941)
Beruf: Technischer Angestellter; nach 1945 Sportjournalist, ab 1949 Chefredakteur des »Sport-Magazins«
Familie: Neffe des Fürther Nationalspielers Leo Fiederer
Quellen
Kleeblatt-Chronik · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Libero 36 · Libero D 17 (1998) · Kicker-Almanach 1959 · 100 de ani – Istoria echipei naționale de fotbal a României · Gazeta Sporturilor, Juli 1940 · Universul, Juli 1940 · DFB-Datencenter · Wikipedia: Hans Fiederer · Wikipedia: Pariser Soldatenelf