Horst Schade – der Torfabrikant aus Sachsen

Er kam im Januar 1948 aus der bayerischen Provinz an den Ronhof, mitten in eine Abstiegssaison, und traf sofort. Am Ende seiner fünfeinhalb Fürther Jahre standen 104 Tore in 129 Oberligaspielen, ein Aufstieg, eine Süddeutsche Meisterschaft und eine Torjägerkrone. Für Sepp Herberger reichte das trotzdem nur für zwei Länderspiele als Fürther, denn auf der Mittelstürmerposition stand Ottmar Walter. Seinen größten Nachmittag im Kleeblatt-Trikot erlebte Horst Schade im Mai 1951, gegen einen alten Kameraden aus Dresden, der ihn ein Jahr zuvor noch komplett abgemeldet hatte. Und als er 1953 ausgerechnet zum Club ging, war man in Fürth so entsetzt, dass man die Nachbarschaft vertraglich auf Eis legte.

Zeitstrahl: Horst Schades Laufbahn · 1932–1968
Horst Schades Laufbahn · 1932–1968
»dieser Schade ist für das Länderspiel in Stuttgart goldrichtig«
Spielbericht vom 19. November 1950, zitiert in der Kleeblatt-Chronik

Von Döbeln über Dresden an den Laubenweg

Schade Horst – SpVgg Fürth
Horst Schade, Porträtpostkarte aus der Sammlung des Kleeblattmuseums

Horst Schade kommt am 10. Juli 1922 in Döbeln zur Welt. Schon als Achtjähriger soll er dort ein gefürchteter Mittelstürmer gewesen sein, später übernimmt er beim Döbelner SC die Sturmführung. Im Mai 1941 schießt er seinen Heimatverein in die Gauliga Sachsen.

Dann geht es schnell, fast zu schnell. Eine Woche nach seinem letzten Spiel für Döbeln steht er beim großen Dresdner SC auf dem Platz, als Ersatz für den verhinderten Fritz Machate. Wikipedia spricht von einer nicht unumstrittenen »Blitzaktion«. Am 25. Mai 1941 gewinnt der DSC in der Endrunde um die deutsche Meisterschaft 3:0 bei VR Gleiwitz, Schade trifft zweimal. Im Halbfinale in Beuthen verliert er an der Seite von Helmut Schön, den er sich zum Vorbild genommen hat, 1:2 gegen Rapid Wien. In der folgenden Gauliga-Saison erzielt er 18 Tore in 18 Spielen.

Der Krieg beendet diesen Anlauf. Schade wird Soldat der Luftwaffe, spielt in Soldatenelf und Sachsen-Auswahl und gerät schließlich in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Ende 1945 kehrt er zurück, kickt kurz bei der SG Döbeln und wechselt dann in die amerikanische Zone, zum FC Haidhof in die Landesliga Südbayern.

Im Januar 1948 klopft er bei der SpVgg Fürth an. Die steckt in der Oberliga Süd tief im Abstiegskampf und sucht dringend einen Torjäger. Am 8. Februar 1948 spielt Schade erstmals für das Kleeblatt, gegen Bayern München. Danach trifft er in 18 Spielen 18 Mal und wird bester Torschütze der Rückrunde. Nach drei Toren beim 5:0 gegen die Münchner Löwen im Mai tragen ihn die Zuschauer vom Platz. Den Abstieg verhindert das alles nicht.

Der Torjäger mit den Schnörkeln

In der zweitklassigen Bayernliga 1948/49 wird Schade zum Albtraum der Provinz. Die Kleeblatt-Chronik zählt 55 Tore in 30 Spielen, andere Quellen sogar 57. Dazu kommen 15 Treffer in der Aufstiegsrunde, und Fürth ist nach einem Jahr zurück in der Oberliga.

Was dann folgt, nennt die Chronik das »Wunder vom Ronhof«. Mit praktisch unveränderter Mannschaft wird der Aufsteiger 1949/50 Süddeutscher Meister. Schade holt mit 21 Toren die Torjägerkrone, einen Treffer vor Nebenmann Otto Brenzke. Der Angriff Hoffmann, Brenzke, Schade, Appis, Nöth gilt der Fachpresse damals als bester Vereinssturm Deutschlands. Auch in der bayerischen Auswahl trifft Schade: zweimal beim 3:0 gegen Berlin vor 75.000 Zuschauern im Olympiastadion, dazu im Länderpokal-Finale am 19. März 1950 in Stuttgart beim 2:0 gegen die Pfalz, laut Wikipedia beide Tore.

Wie spielte er? Trickreich, technisch fein und mit einem harten Schuss, der aus allen Lagen kam. Freistöße waren seine Spezialität. Die Kehrseite beschreiben die Reporter auch. Im Halbfinale 1950 wirkte er »zu verspielt«, in Worms »für viele allzu unauffällig«. Der Bericht schob allerdings nach: »Aber er fesselte immer zwei Gegner.« Die Nürnberger Vereinszeitung stellte später fest, auf seine Hakentricks fielen gewöhnlich die Gegner herein und leider auch die eigenen Mitspieler. Getadelt wurden dafür ausdrücklich die Mitspieler.

Herberger hatte ihn früh auf dem Zettel. Schon im November 1949 lud er ihn zum ersten Nachkriegslehrgang nach Duisburg, als einen von 30 Kandidaten und einen von drei Mittelstürmern neben Pöschl und Ottmar Walter. Nach einem 7:0 gegen Eintracht Frankfurt im November 1950 waren sich die Experten auf der Tribüne einig, Schade gehöre ins erste Nachkriegsländerspiel. Er saß im Kader, gespielt hat Ottmar Walter. Das Debüt folgte am 15. April 1951 in Zürich: Beim 3:2 gegen die Schweiz kam Schade in der 70. Minute für Berni Klodt. Am 17. Juni 1951 stand er in Berlin gegen die Türkei als Mittelstürmer in der Startelf, Deutschland verlor 1:2. Danach war für den Fürther Schluss. Er stand, wie es die Chronik formuliert, wohl im Schatten von Fritz Walters Bruder.

Der große Tag: Drei Tore gegen Dzur (Mai 1951)

Um diesen Tag zu verstehen, muss man ein Jahr zurückgehen. Im Viertelfinale der deutschen Meisterschaft am 4. Juni 1950 in Gelsenkirchen trifft Fürth auf den FC St. Pauli. Dessen Mittelläufer heißt Walter Dzur, ein Ex-Dresdner und früherer Vereinskamerad Schades. Dzur nimmt Schade an diesem heißen Nachmittag komplett aus dem Spiel. Fürth gewinnt trotzdem 2:1, und nach dem Abpfiff kommt Dzur in die Fürther Kabine, um seinem alten Clubkameraden zu gratulieren.

Ein Jahr später sehen sich die beiden wieder. Fürth ist 1950/51 Vizemeister im Süden geworden, Schade hat 27 Tore geschossen, nur eines weniger als Max Morlock. In der Endrundengruppe mit Kaiserslautern, Schalke und St. Pauli startet das Kleeblatt mit einem 2:2 und einem 0:0. Am Sonntag, dem 20. Mai 1951, kommt St. Pauli, und im Zentrum der Hamburger Abwehr steht wieder Dzur. 23.000 Zuschauer sind da, Schiedsrichter ist Schumann aus Berlin.

In der Fürther Elf stehen zwei junge Männer, die drei Jahre später Weltmeister werden: Herbert Erhard in der Verteidigung und Karl Mai im Sturm. Die Hauptrolle aber spielt der Mittelstürmer. Appis bringt Fürth in der 30. Minute in Führung. In der 45. Minute erhöht Schade auf 2:0, und kaum ist wieder angepfiffen, trifft er in der 46. Minute zum 3:0. Zwei Tore rund um die Pause, dazwischen nur die Kabine. Haß verkürzt in der 66. Minute für die Hamburger, doch acht Minuten vor Schluss macht Schade mit seinem dritten Treffer das 4:1. Drei Tore gegen den Mann, der ihn ein Jahr zuvor noch abgemeldet hatte.

Spielkarte: Endrunde 1951 gegen St. Pauli · drei Schade-Tore, zwei davon rund um die Pause
Endrunde 1951 gegen St. Pauli · drei Schade-Tore, zwei davon rund um die Pause

Zum Endspiel reichte es trotzdem nicht. Die drei folgenden Gruppenspiele gingen allesamt verloren, gegen Schalke, gegen Kaiserslautern und im Rückspiel bei St. Pauli. In zwei Endrunden erzielte Schade für Fürth fünf Tore in neun Spielen, drei davon an diesem einen Nachmittag gegen Dzur.

»Dzur, dieser ›alte Hase‹ auf dem Stopper-Posten, hatte Horst Schade aufs Korn genommen und ließ ihm keine Wirkungsmöglichkeit.«
Album »Deutsche Fußball-Meisterschaft 1950«, über das Viertelfinale ein Jahr zuvor

Der Wechsel zum Club und das frühe Ende

Die Saison 1951/52 ist von Verletzungen gebremst, trotzdem kommen 16 Oberligatore und 13 Treffer im Süddeutschen Pokal zusammen. 1952/53 trifft Schade 22 Mal, Fürth wird Dritter und verpasst die Endrunde. Ob ihm damit eine zweite Torjägerkrone gehört, ist strittig: Wikipedia sagt ja, der Kicker-Almanach von 1959 führt Baitinger vom VfB Stuttgart mit 23 Toren.

Im Juli 1953 folgt der Paukenschlag. Schade wechselt zum 1. FC Nürnberg, und am Laubenweg herrscht laut Chronik das »blanke Entsetzen«. Die Fürther fanden keinen gleichwertigen Ersatz. In der Nürnberger Vereinszeitung hieß es dagegen, das »Tauziehen um Schade« sei »mit Erfolg für uns beendet«. In den Wechselvertrag kam eine Klausel, die für fünf Jahre jeden weiteren Spielertausch zwischen den Nachbarn verbot.

Beim Club schießt Schade 52 Tore in 79 Oberligaspielen und ist 1953/54 mit 22 Treffern wieder Torschützenkönig im Süden, gemeinsam mit dem Offenbacher Preisendörfer. Am 11. Oktober 1953 bestreitet er in Stuttgart sein drittes und letztes Länderspiel, gegen das Saarland, und trifft zum 3:0-Endstand. Im Mai 1954 steht er noch im 40er-Meldekader für die Weltmeisterschaft. In die Schweiz fahren andere, die Nichtnominierung war laut Wikipedia umstritten.

1956 wird Schade Spielertrainer beim 1. FC Bayreuth, führt den Verein in die Bayernliga und schießt dort 1958/59 selbst noch 28 Tore. Vom 1. Juni 1959 bis 31. Juli 1961 trainiert er die SpVgg Fürth in der Oberliga Süd, an der Stätte seiner größten Erfolge. Danach folgen der VfB Bayreuth, der ATS Kulmbach und noch einmal der VfB Bayreuth. Nach dem Ende der aktiven Laufbahn baut er sich laut glubberer.de außerdem ein gut gehendes Geschäft auf.

Am 28. Februar 1968 stirbt Horst Schade an einem Herzinfarkt. Er wurde nur 45 Jahre alt.

Horst Schade auf einen Blick

Geboren: 10.7.1922 in Döbeln
Gestorben: 28.2.1968, laut Wikipedia in Bayreuth
Vereine: Döbelner SC (bis 1941), Dresdner SC (1941–1943), SG Döbeln (1945/46), FC Haidhof (1946–1947), SpVgg Fürth (1948–1953), 1. FC Nürnberg (1953–1956)
Position: Mittelstürmer
Titel: Süddeutscher Meister 1950, Torschützenkönig der Oberliga Süd 1950 (mit Fürth) und 1954 (mit Nürnberg), Länderpokalsieger 1950 mit Bayern
Bilanz: SpVgg Fürth 129 Oberligaspiele, 104 Tore, dazu Bayernliga 1948/49 30 Spiele, 55 Tore (Chronik); 3 Länderspiele, 1 Tor (2 Einsätze als Fürther, 1951)
Beruf: Fußballtrainer, daneben eigenes Geschäft
Trainer: 1. FC Bayreuth (1956–1959), SpVgg Fürth (1959–1961), VfB Bayreuth (1961–1964, 1966–1968), ATS Kulmbach (1964–1966)

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Horst Schade · Kleeblatt-Chronik: Fürth – St. Pauli 4:1 (1951) · Kleeblatt-Chronik: St. Pauli – Fürth 1:2 (1950) · Kleeblatt-Chronik: Horst-Emscher – Fürth 2:3 (1950) · Kleeblatt-Chronik: Fürth – Eintracht Frankfurt 7:0 (1950) · Wikipedia: Horst Schade · glubberer.de: Horst Schade · Kicker-Almanach 1959 · Libero 4/1989 · Deutsche Fußball-Meisterschaft 1950 (Album) · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft