Josef Müller – der Sepp, der die Stürmer kommen ließ

Müller. Einen gewöhnlicheren Namen hätte die Fußballgeschichte kaum aussuchen können, und in den Zwanzigern spielten sogar zwei Verteidiger dieses Namens in der Nationalelf. Der eine kam aus Hamburg. Der andere hieß Josef, wurde »Sepp« gerufen und trug gut fünf Jahre lang das Kleeblatt. In dieser Zeit sammelte er zehn Länderspiele, drei süddeutsche Pokale und 1926 die deutsche Meisterschaft. Seine Länderspielkarriere aber begann im September 1921 im hohen Norden: mit einer Schiffsreise über der Schiffsschraube, ohne Trainer und mit einem 3:3 in Helsingfors.

Zeitstrahl: Josef Müllers Laufbahn · 1909–1952
Josef Müllers Laufbahn · 1909–1952
»… während der ›Sepp‹ mehr die Sache an sich herankommen ließ und im Nahkampf seine großen technischen Fertigkeiten einzusetzen verstand.«
Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Aus Würzburg über die Pfalz an den Ronhof

Müller Sepp – SpVgg Fürth
Josef Müller, Porträtpostkarte aus der Sammlung des Kleeblattmuseums

Josef Müller kommt am 6. Mai 1893 zur Welt. Wo genau, darüber sind sich die Quellen nicht einig. Die Kleeblatt-Chronik, das Nationalspieler-Lexikon von 1939 und das Fachblatt Libero nennen Würzburg. Die deutsche Wikipedia verweist dagegen auf eine Geburtsurkunde aus Ludwigshafen. Sicher ist, dass er in Würzburg zur Schule geht und dort das Kicken lernt.

Groß wird er aber in der Pfalz. 1909 schließt er sich Phönix Ludwigshafen an und bleibt zwölf Jahre. Nach dem Ersten Weltkrieg gehört Phönix zur Spitze der Kreisliga Pfalz. 1921 wird der Verein Meister und steht im Endspiel um die süddeutsche Meisterschaft. Gegner am 1. Mai ist der 1. FC Nürnberg, und Phönix verliert erst in der Verlängerung mit 1:2. Der Club holt wenige Wochen später auch den deutschen Titel.

Im September 1921 wird er zum ersten Mal in die Nationalelf berufen, noch als Spieler von Phönix. Die Reise dorthin ist eine Geschichte für sich, dazu weiter unten mehr.

Im selben Herbst wechselt Müller zur SpVgg Fürth. Die Chronik führt ihn ab September 1921, andere Quellen nennen den Dezember. Er ist 28 und damit kein Talent mehr, sondern ein fertiger Verteidiger. Und doch meinte das Lexikon von 1939, er sei »erst im Kreise seiner Fürther Kameraden zu internationalem Standard« herangewachsen.

Der Sepp, der die Dinge kommen ließ

In Fürth findet Müller ein Umfeld, in dem Verteidiger nicht einfach nur Bälle wegschlagen. Mit Torhüter Theodor Lohrmann und Georg Wellhöfer bildet er das Schlussdreieck, später verteidigt er an der Seite von Hans Hagen. Er ist groß, kräftig und kopfballstark. Das Fachblatt Libero beschreibt ihn als beidfüßigen Außenverteidiger und fasst zusammen: »Seppl« Müller sei »als Abwehrspieler ein Techniker« gewesen. Er war Sportlehrer und entsprechend austrainiert.

Am schönsten erklärt ihn der Vergleich mit dem Namensvetter. Henry Müller aus Hamburg war laut dem Lexikon von 1939 der »energische Angriffsverteidiger«, der dem Stürmer entgegenrannte. Der Sepp dagegen wartete ab und entschied den Zweikampf erst, wenn der Gegner da war. Nur ein einziges Mal standen die beiden gemeinsam in der Nationalelf: im November 1924 in Duisburg gegen Italien, als Henry für den verletzten Toni Kugler einspringen musste. Deutschland verlor 0:1.

Ansonsten kam Müller in der Nationalelf gut herum. Nach dem Debüt noch für Phönix bestritt er als Fürther zehn Länderspiele, vom 2:2 gegen die Schweiz in Frankfurt im März 1922 bis zum 3:2 in Amsterdam im Oktober 1926. Beim ersten dieser Spiele stellte die Spielvereinigung gleich sieben Mann. Im April 1924 gewann in Amsterdam eine Elf nur aus Fürthern und Nürnbergern mit 1:0, obwohl beide Lager in getrennten Waggons angereist waren. Müller verteidigte, das Tor schoss Karl Auer. Diese Geschichte erzählt die Biografie von Karl Auer.

Mit Fürth holt Müller 1923 die süddeutsche Meisterschaft und zieht erstmals in die Endrunde ein. Im Halbfinale ist gegen Union Oberschöneweide überraschend Schluss. Laut Wikipedia ist er von Juli 1923 bis Dezember 1924 sogar Spielertrainer der Kleeblatt-Elf. Andere Belege dafür haben wir nicht gefunden. Dazu kommen die süddeutschen Pokalsiege 1923, 1925 und 1926.

Der größte Vereinserfolg folgt am 13. Juni 1926: Im Endspiel um die deutsche Meisterschaft schlägt Fürth in Frankfurt Hertha BSC mit 4:1. Vor Torwart Gustav Hörgren verteidigen Müller und Hans Hagen. Während alle vom Fürther Sturm schwärmen, hält ein späterer Rückblick fest, dass »harten Burschen wie Sepp Müller und Hans Hagen schwer beizukommen« gewesen sei. Die ganze Geschichte dieses Endspiels erzählt die Biografie von Leonhard Seiderer.

Der große Tag: Über der Schiffsschraube nach Helsingfors (September 1921)

Ein Länderspiel in Finnland ist 1921 keine Kleinigkeit. Deutschland darf nach dem Krieg nur gegen wenige Länder antreten, und Finnland ist gerade erst unabhängig geworden. Die Mannschaft reist mit dem Dampfer Ariadne an. Wie es an Bord zuging, schildert eine Chronik der Nationalmannschaft: Die Spieler schliefen direkt über der Schiffsschraube, deren Lärm an den Nerven zerrte. Die Funktionäre waren mittschiffs untergebracht. Ersatzleute nahm man kaum mit, einen zweiten Torwart gar nicht.

Unter den Passagieren sind gleich fünf Neulinge: Torwart Willy Schwedler, Alfred Au, Willi Hutter, ein gewisser Josef Herberger und Sepp Müller von Phönix Ludwigshafen. Herberger erinnerte sich Jahrzehnte später: »Jeder blieb sich selbst überlassen. Einen Trainer gab es nicht.« Den Ton gaben die Älteren an, allen voran der Nürnberger Hans Kalb.

Gespielt wird am Sonntag, dem 18. September 1921, in Helsingfors, wie Helsinki damals auf Deutsch heißt. Das DFB-Datencenter nennt 8.000 Zuschauer, eine andere Darstellung 6.000. Schiedsrichter ist Ernst Albihn. Müller steht in der Startelf, und vorne geht es rasant los. Herberger trifft in der 5. Minute zum 1:0, Kalb zwei Minuten später zum 2:0.

Spielkarte: Länderspiel in Helsingfors 1921 · Finnland gegen Deutschland 3:3
Länderspiel in Helsingfors 1921 · Finnland gegen Deutschland 3:3

Danach wird es für die Abwehr ungemütlich. Verner Eklöf verkürzt schon in der 12. Minute, zur Pause steht es 1:2. Nach dem Wechsel gleicht Holger Thorn aus. Herberger bringt Deutschland mit seinem zweiten Tor erneut in Führung, laut DFB in der 66. Minute. Zwei Minuten vor Schluss trifft Gunnar Öhman aber doch noch zum 3:3.

Für Herberger war es ein Einstand nach Maß, er schwärmte später von einem »großen und durchschlagenden Einstand«. Für den Verteidiger Müller war es eher ein Lehrstück, denn drei Gegentore gegen das, was die Chronik das »zweitklassige Finnland« nennt, sind keine Empfehlung. Trotzdem wird er wieder berufen, zum nächsten Länderspiel im März 1922, dann schon als Fürther.

»Das Spiel in Helsingfors endete mit einem enttäuschenden 3:3.«
Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft

Würzburg, Bremen und ein langes Trainerleben

Im März 1927 zieht Müller weiter und geht als Spielertrainer zum FV 04 Würzburg. Das Nationaltrikot ist er damit nicht los. Am 15. April 1928 spielt er in Bern gegen die Schweiz, laut Wikipedia als Kapitän. Deutschland gewinnt 3:2. Es ist sein zwölftes und letztes Länderspiel. Für das Olympiaturnier 1928 in Amsterdam wird er noch nominiert, eingesetzt wird er dort nicht mehr.

1932 holt ihn Werder Bremen als Spielertrainer. Es ist die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, und der Verein verschafft ihm eine Stelle bei einem großen Kaufhaus, wo er eine Sportabteilung aufbauen soll. 1934 erreicht Werder die Endrunde um die deutsche Meisterschaft. An seinem 41. Geburtstag, dem 6. Mai 1934, verteidigt Müller rechts beim FC Schalke 04. Werder verliert 0:3.

Im Oktober 1934 wird er wegen eines »Verstoßes gegen die Amateurbestimmungen« gesperrt. Im Januar 1936 wird er begnadigt. Danach arbeitet er als Trainer, unter anderem beim FC St. Pauli, erneut in Bremen, beim FK Pirmasens, bei den Stuttgarter Kickers, beim VfR Mannheim und bei TuRa Ludwigshafen. Später ist er Sportlehrer beim Regionalverband Südwest.

Am 31. August 1940 beantragte Müller die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. Oktober 1940 Mitglied. Das belegt seine Karteikarte im Bundesarchiv.

Nach dem Fußball betreibt er eine Toto-Lotto-Annahmestelle in Würzburg und später eine Weinstube in Heidelberg. Den Ruhestand verbringt er in Ludwigshafen, wo er am 22. März 1984 stirbt, sechs Wochen vor seinem 91. Geburtstag.

Josef Müller auf einen Blick

Geboren: 6.5.1893 in Würzburg (laut anderer Quelle Ludwigshafen)
Gestorben: 22.3.1984 in Ludwigshafen
Spitzname: »Sepp«, »Seppl«
Vereine: Phönix Ludwigshafen (1909–1921), SpVgg Fürth (1921–1927), FV 04 Würzburg (1927–1932), Werder Bremen (1932–1934)
Position: Verteidiger
Titel: Deutscher Meister 1926; Süddeutscher Meister 1923; Süddeutscher Pokalsieger 1923, 1925, 1926
Bilanz: für Fürth 108 Ligaspiele, 1 Tor, dazu 18 Pokal- und 6 Endrundenspiele; 12 Länderspiele (1921–1928), davon 10 als Fürther
Beruf: Sportlehrer, später Lotto-Annahmestelle und Weinstube
Trainer: u. a. FV 04 Würzburg und Werder Bremen (jeweils Spielertrainer), FC St. Pauli, FK Pirmasens, Stuttgarter Kickers, VfR Mannheim, TuRa Ludwigshafen

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Josef Müller · Kleeblatt-Chronik: Endspiel 1926 · DFB-Datencenter: Finnland – Deutschland 1921 · Länderspiele gegen Finnland · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero International · Libero 36 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · RSSSF: Länderspiele von Josef Müller · Olympedia · Wikipedia · Tygodnik Sportowy, April 1924