Karl Auer – der Kopfball von Amsterdam

Elf Deutsche auf dem Platz, und fünf davon wollten nicht jubeln. Als Karl Auer im April 1924 in Amsterdam den Ball ins holländische Tor köpfte, feierten ihn nur seine Fürther Kameraden. Die Nürnberger in derselben Elf drehten ihm, so ist es überliefert, den Rücken zu. Dabei hatte der schmächtige Rechtsaußen gerade den ersten deutschen Sieg über Holland überhaupt besorgt. Drei Länderspiele, zwei Tore, eine deutsche Meisterschaft: Das ist die Bilanz eines Mannes, der später ausgerechnet von seinem kleinen Bruder aus der Mannschaft verdrängt wurde.

Zeitstrahl: Karl Auers Laufbahn · 1917–1945
Karl Auers Laufbahn · 1917–1945
»Ein kleiner, kraftvoller und torgefährlicher Rechtsaußen.«
Libero International (IFFHS)

Aus der Jugend auf den rechten Flügel

Auer Karl – SpVgg Fürth
Karl Auer, Porträtpostkarte aus der Sammlung des Kleeblattmuseums

Schon bei der Geburt fangen die Rätsel an. Das Nationalspieler-Lexikon von 1939 und die Kleeblatt-Chronik nennen den 12. August 1898 und Fürth als Heimatort. Wikipedia und das FürthWiki setzen denselben Tag ins Jahr 1903 und den Geburtsort nach Markt Taschendorf. Die Chronik räumt offen ein, dass »andere glaubwürdige Quellen« das spätere Jahr nennen. Fünf Jahre Unterschied, und keiner weiß es sicher.

Gesichert ist der Weg. Im Juli 1917 kommt Auer in die Jugend der Spielvereinigung, im Sommer 1920 rückt er in die erste Mannschaft auf. Der Verein ist damals schon eine Adresse in Europa, Deutscher Meister von 1914, Vizemeister von 1920. Für einen Neuling ist da wenig Platz. In seinen ersten beiden Spielzeiten kommt Auer laut Chronik auf ganze sieben Ligaspiele.

Dann platzt der Knoten. In der Saison 1922/23 stehen 20 Ligaspiele und 12 Tore in seiner Statistik. Fürth wird Süddeutscher Meister und scheitert in der deutschen Endrunde erst im Halbfinale, 1:2 gegen Union Oberschöneweide. Mit der Auswahl Süddeutschlands gewinnt Auer im Februar 1923 zudem den Bundespokal, damals der Wettbewerb der Regionalverbände.

Zu dieser Zeit gehört auch ein Ergebnis, über das man in Fürth heute noch spricht: das 10:0 gegen den Hamburger SV im Ronhof, an einem 7. Januar. Die Chronik datiert das Spiel auf 1922, Wikipedia auf 1923. Auer stand jedenfalls auf dem rechten Flügel.

Der Kleinste am rechten Flügel

Auer war kein Hüne, und das war sein Kapital. Die Chronik beschreibt ihn als klein und flink. Das Lexikon von 1939 nennt ihn liebevoll »unser Kleinster am rechten Flügel«. Wikipedia ergänzt, dass er links wie rechts spielen konnte. Seine Stärke lag im Zusammenspiel: Mit »Resi« Franz und »Lony« Seiderer bildete er eine Angriffsseite, die sich blind verstand.

Genau diese Achse holte der DFB in die Nationalelf. Am 13. Januar 1924 debütiert Auer in Nürnberg gegen Österreich. Der Spielausschuss setzt auf eine Elf, die nur aus Spielern des 1. FC Nürnberg und der SpVgg Fürth besteht, auf leicht verschneitem Rasen im Zabo. Deutschland gewinnt 4:3. Franz trifft dreimal, Auer einmal. Laut Wikipedia ist es sein Tor, das die Führung bringt.

Drei Monate später folgt Amsterdam, von dem gleich die Rede ist. Das dritte und letzte Länderspiel bestreitet Auer am 20. Juni 1926 in Nürnberg gegen Schweden, 3:3. Wieder steht Franz neben ihm. In allen drei Länderspielen, so hält es die Chronik fest, bildeten die beiden Fürther die rechte Sturmseite.

Sieben Tage vor diesem letzten Länderspiel hatte Auer seinen größten Vereinserfolg gefeiert. Am 13. Juni 1926 schlägt Fürth im Frankfurter Stadion Hertha BSC mit 4:1, vor 40.000 Zuschauern. Auer erzielt in der 35. Minute das 2:1, die Führung, die hält. Es ist die zweite deutsche Meisterschaft für die Spielvereinigung.

Seine torreichste Zeit kommt danach. In der Saison 1926/27 trifft er in 27 Ligaspielen 21-mal. Im Viertelfinale der Endrunde am 22. Mai 1927 schießt er beim 9:0 gegen den Berliner SC Kickers vier Tore. Eine Woche später ist trotzdem Schluss: Hertha nimmt in Leipzig mit einem 2:1 Revanche für das Endspiel.

Der große Tag: Kopfball von Amsterdam (April 1924)

Der 21. April 1924 ist Ostermontag. In Amsterdam, im Nederlandsch Sportpark, trifft Holland auf Deutschland. Die Bilanz ist für die Gäste peinlich: Seit 14 Jahren spielt man gegeneinander, und Deutschland hat die Holländer noch nie geschlagen. Das DFB-Datencenter nennt 26.000 Zuschauer. Schiedsrichter ist der Schweizer Félix Herren.

Die Anreise ist schon ein Kapitel für sich. Wieder hat der DFB eine reine Nürnberg-Fürther Elf aufgeboten, sechs Kleeblättler und fünf Cluberer. Wegen der Besetzung des Rheinlands muss die Mannschaft laut dem Lexikon von 1939 einen Umweg über Rheine nehmen. Und die beiden Lager sprechen nicht miteinander. Acht Tage vorher hatte es im Frankenderby laut einer Nationalmannschafts-Chronik »zahlreiche brutale Fouls und Raufereien« gegeben. Also sitzen Fürther und Nürnberger in getrennten Eisenbahnwaggons und würdigen einander keines Blickes.

Auf dem Platz läuft es trotzdem, wenn auch holprig. Die deutschen Angreifer laufen laut derselben Quelle insgesamt 32-mal ins Abseits. Das Lexikon von 1939 spricht von »tausend Abseitsfallen«.

Dann kommt die eine Szene. Eine hohe Flanke segelt in den Strafraum, Hollands Torwart Jan de Boer und der kleine Auer springen gleichzeitig hoch. Der Kleinere kommt zuerst an den Ball. Ein Kopfstoß aus kurzer Entfernung, der Torwart greift ins Leere, 1:0 für Deutschland. Wann genau, ist umstritten: Das DFB-Datencenter nennt die 14. Minute, Wikipedia die 26.

Auch wer die Flanke schlug, erzählen die Quellen unterschiedlich. Das Lexikon von 1939 beschreibt einen Angriffszug über Träg und Ascherl. Eine spätere Geschichte der Nationalmannschaft nennt den Nürnberger Hans Kalb als Flankengeber, und sie erzählt die bitterste Pointe des Tages: Beim Jubel blieben die Fürther unter sich. Die Nürnberger, Kalb eingeschlossen, drehten dem Torschützen demonstrativ den Rücken zu.

Aufstellung: Holland – Deutschland 0:1 · Amsterdam, 21. April 1924 · Fürther Spieler grün umrandet
Holland – Deutschland 0:1 · Amsterdam, 21. April 1924 · Fürther Spieler grün umrandet

Das 1:0 hält bis zum Schluss. Es ist der erste deutsche Sieg über Holland und der dritte Länderspielsieg in Folge, das hatte es zuvor noch nie gegeben. Den Frieden zwischen den Franken stiftete erst später »Kicker«-Herausgeber Walther Bensemann. Er lud beide Mannschaften zum Gespräch, ohne ihnen zu verraten, dass die Rivalen auch kommen. Als sie sich gegenüberstanden, hatte er schon Wein eingeschenkt.

»Dieses Tor, eines der schönsten unserer Länderspielgeschichte, entschied den Kampf. Deutschland besiegte zum erstenmal die Holländer, sogar auf ihrem eigenen Heimatboden.«
Die Deutschen Nationalspieler, 1939

Vom Bruder verdrängt

Ende der Zwanziger wird es eng für Auer am rechten Flügel. 1927/28 spielt er noch 21-mal in der Liga, 1928/29 nur noch zehnmal, danach gar nicht mehr. Sein Nachfolger kommt aus der eigenen Familie: der jüngere Bruder Heinrich, geboren 1909. Die Chronik nennt das »kurios«, das IFFHS-Heft »Libero« ebenso.

Heinrich, in den Aufstellungen »Auer II«, wird 1929 Deutscher Meister und köpft im Endspiel gegen Hertha das 1:0. Wer das Tor in manchen Übersichten Karl zuschreibt, verwechselt die Brüder. Karl stand in jener Endrunde laut Chronik in keinem einzigen Spiel.

Im Sommer 1930 wechselt Karl Auer zum Würzburger FV und lässt dort seine Laufbahn ausklingen. Von Beruf ist er Kaufmann, so steht es im Lexikon von 1939 und in der Chronik.

Im Zweiten Weltkrieg wird Karl Auer Soldat. Er fällt im Februar 1945. Die Angaben gehen auseinander: Die Chronik nennt den 21. Februar und sowjetisches Gebiet, die deutsche Wikipedia den 23. Februar und einen Ort bei Greiffenberg in Niederschlesien, die englische den 22. Februar an der Ostfront. Er wurde je nach Geburtsjahr 41 oder 46 Jahre alt.

Karl Auer auf einen Blick

Geboren: 12.8.1898 in Fürth (laut anderen Quellen 12.8.1903 in Markt Taschendorf)
Gestorben: Februar 1945 als Soldat (21., 22. oder 23.2.; Ostfront bzw. bei Greiffenberg)
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1917, 1. Mannschaft 1920–1930), Würzburger FV (ab 1930)
Position: Rechtsaußen, auch links einsetzbar
Titel: Deutscher Meister 1926, Süddeutscher Meister 1923, Süddeutscher Pokalsieger 1925 und 1926, Bundespokal mit Süddeutschland 1923 und 1924
Bilanz: 130 Ligaspiele, 48 Tore; 9 Endrundenspiele, 6 Tore; 3 Länderspiele, 2 Tore (1924–1926)
Beruf: Kaufmann

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Karl Auer · Kleeblatt-Chronik: Endspiel 1929 · Die Deutschen Nationalspieler (1939) · Libero International · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Kicker-Almanach 1959 · DFB-Datencenter: Niederlande – Deutschland 0:1 · Wikipedia: Karl Auer · Wikipedia: Heinrich Auer · Wikipedia (en): Karl Auer · FürthWiki: Karl Auer