Karl Mai – der Schatten von Kocsis
Elf Tore hatte Sándor Kocsis bei der Weltmeisterschaft 1954 schon geschossen, als er zum Endspiel in Bern auflief. Vier davon gegen Deutschland. Dann bekam er für 90 Minuten einen Schatten aus Fürth, einen gelernten Konditor mit Sonderauftrag von Sepp Herberger. Kocsis traf nur noch die Latte. Karl »Charly« Mai spielte 18 Länderspiele als Fürther, wurde Weltmeister und blieb trotzdem der Held, dessen Namen man beim Aufzählen der Berner Elf gern vergisst.
»… ein Mai mit seiner verbissenen, ballgewandten Zerstörungskraft …«
Vom Kriegsgefangenen zum Kleeblatt-Läufer

Karl Mai kommt am 27. Juli 1928 in Fürth zur Welt. Laut FürthWiki war er als Kind ein Zögling im Kinderheim St. Michael. Den Kontakt dorthin hält er auch als Nationalspieler. Am 1. April 1942, mit 13 Jahren, tritt er der Jugend der Spielvereinigung bei.
Zwei Jahre später ist der Fußball erst einmal vorbei. 1944 wird der Jugendliche zur Wehrmacht eingezogen und gerät in französische Kriegsgefangenschaft. Erst Ende 1946 kehrt er nach Fürth zurück. Er schließt seine Konditorlehre ab und spielt bei den Junioren und in der Reserve, wo es ihm laut Chronik besonders gut gefällt.
Im Sommer 1948 rückt er in die erste Mannschaft auf. Die Spielvereinigung ist gerade aus der Oberliga abgestiegen und spielt in der bayerischen Landesliga. Mai steuert in zehn Spielen drei Tore zum sofortigen Wiederaufstieg bei. Damals ist er noch Stürmer. In der Meistersaison 1949/50 wird Fürth Süddeutscher Meister, und Mai ist mit genau einem Oberligaspiel dabei: am 30. April 1950 beim 1:1 in Mühlburg, als Halbrechter. Ein Jahr später steht er schon in fünf Endrundenspielen um die deutsche Meisterschaft auf dem Platz.
Vom Sturm in die Läuferreihe
Den Durchbruch schafft Mai unter Trainer »Urbel« Krauß. Ab 1951/52 gehört er zur Stammelf, ab der Saison 1952/53 spielt er als linker Läufer. Das ist die Rolle seines Lebens: ein Mann, der hinten zerstört und vorne antreibt. Die Chronik beschreibt ihn als einen, der 90 Minuten lang kämpfte, aber auch technisch versiert war. Ein Arbeiter mit Ballgefühl also.
Sepp Herberger wird 1952 auf ihn aufmerksam. Das Debüt folgt am 11. Oktober 1953 in Stuttgart, und zwar gleich in einem Ernstfall: WM-Qualifikation gegen das Saarland, dessen Trainer ein gewisser Helmut Schön ist. Deutschland gewinnt 3:0. Neben Mai stehen seine Fürther Vereinskameraden Herbert Erhard und Richard Gottinger auf dem Platz, dazu die Nürnberger Horst Schade und Max Morlock. Halb Mittelfranken fuhr also mit zur Arbeit. Nach dem 5:1 gegen Norwegen im November ist die Reise in die Schweiz gebucht.
Herberger hatte allerdings einen Einwand. Mai spielte ihm zu forsch nach vorne. In einem WM-Buch des Agon-Verlags wird der Bundestrainer mit dem Satz zitiert, »der Mai« habe »anfangs immer noch zu offensiv gespielt«. Also bekam Mai im Trainingslager den Hamburger Jupp Posipal als Zimmernachbarn, einen Spezialisten fürs Decken. Herbergers Pädagogik reichte bis ins Doppelzimmer.
Bei der WM ist Mai in fünf von sechs Spielen dabei, zweimal gegen die Türkei, im Viertelfinale gegen Jugoslawien und beim 6:1 im Halbfinale gegen Österreich. Nur beim 3:8 in der Vorrunde gegen Ungarn fehlt er. Das Spiel gilt als taktisches Schonspiel Herbergers, auch wenn diese Lesart umstritten ist. Kocsis erzielte damals vier Tore.
Der große Tag: Der Schatten von Kocsis (Juli 1954)
Wenn man von Charly Mai nur eine Geschichte erzählen darf, dann diese.
Sonntag, 4. Juli 1954, Wankdorfstadion in Bern, Anpfiff 17 Uhr. 62.500 Zuschauer sind da, es regnet. Schiedsrichter ist der Engländer William Ling. Gegner ist Ungarn, seit vier Jahren ungeschlagen und haushoher Favorit. Mai läuft als linker Läufer auf, neben Werner Liebrich und Horst Eckel. Seine Aufgabe hat nichts mit Spielgestaltung zu tun. Er soll Sándor Kocsis bewachen, den besten Kopfballspieler des Turniers. Kocsis hat im Viertelfinale gegen Brasilien zweimal getroffen, im Halbfinale gegen Uruguay in der Verlängerung erneut zweimal.
Der Start ist ein Albtraum. Nach sechs Minuten trifft Ferenc Puskás, nach acht Minuten Zoltán Czibor. 0:2. Doch Max Morlock verkürzt in der 10. Minute, Helmut Rahn gleicht in der 18. Minute aus. Danach wird es ein Abwehrkampf. Die Ungarn stürmen, Toni Turek pariert, einmal rettet Werner Kohlmeyer in höchster Not.
Und Kocsis? Laut der Agon-WM-Chronik war seine einzige Ausbeute ein Lattenkopfball in der zweiten Halbzeit. Mai wich ihm nicht von der Seite. Eine Auswertung der Radioreportage und der Filmaufnahmen aus dem Jahr 2014 kam für Mai und Liebrich auf eine Zweikampfquote von 100 Prozent. Das klingt nach Übertreibung, ist aber ein statistischer Befund.
In der 84. Minute schießt Rahn das 3:2. Zwei Minuten später liegt der Ball noch einmal im deutschen Netz, nach einer Kopfballvorlage von Kocsis auf Puskás. Doch der walisische Linienrichter Mervyn Griffiths hat die Fahne oben: Abseits. Dann ist Schluss. Deutschland ist Weltmeister.
Mai selbst hat später schlicht festgehalten, er habe den Torschützenkönig »so ausschalten« können, »dass ihm im Endspiel kein Tor gelang«. Die Ehrungen folgten. Mit den anderen Weltmeistern erhielt er von Bundespräsident Theodor Heuss das Silberne Lorbeerblatt, im Berliner Olympiastadion vor 100.000 Menschen, wie er selbst erzählte.
»Einen ganz wesentlichen Anteil am Titelgewinn hatte ›Charly Mai‹.«
Weltmeister für 320 Mark im Monat
Nach Bern kehrt der Alltag zurück, und der ist bescheiden. Im Oktober 1954 heiratet Mai seine Else, geborene Steinmetz. Bei der Spielvereinigung verdient der Weltmeister laut Chronik 320 D-Mark im Monat. Er bleibt noch vier Jahre. Der junge Uwe Seeler, gerade Nationalspieler geworden, erzählt dem Spiegel im Oktober 1954 von seinen Freunden »Charly« Mai und »Berni« Klodt. Von vielen Länderspielreisen schickt Mai Postkarten an den Pfarrer von St. Michael, Karl Will, unterschrieben von der halben Nationalmannschaft.
Sein einziges Länderspieltor erzielt er am 28. Mai 1955 in Hamburg gegen Irland, das 2:0 beim 2:1-Sieg. Sein 18. und letztes Länderspiel als Fürther bestreitet er im November 1957 gegen Schweden. Am 13. April 1958 macht er sein letztes Punktspiel für das Kleeblatt, ein 2:0 gegen Schweinfurt im Ronhof. Die Bilanz: 182 Oberligaspiele, 17 Tore.
Mit 30 wechselt er 1958 zum FC Bayern München, der ihm auch ein Schreibwarengeschäft vermittelt. Drei Spielzeiten, 67 Punktspiele und dazu drei weitere Länderspiele folgen. Das 21. und letzte ist am 20. Mai 1959 ein 1:1 gegen Polen. Zum WM-Kader 1958 gehört er nicht mehr. Über Young Fellows Zürich geht es 1962 nach Österreich zum FC Dornbirn, mit dem er 1963 in die Staatsliga aufsteigt. Das sei ein »schöner Abschluss« seiner aktiven Laufbahn gewesen, sagte Mai.
Als Trainer macht er unter Dettmar Cramer die A-Lizenz. Er führt den MTV Ingolstadt in zwei Jahren von der Bezirksliga in die Bayernliga und Wacker München 1968 ins Endspiel um die deutsche Amateurmeisterschaft. Nebenbei betreibt er mit seiner Frau in München ein Geschäft für Bürobedarf mit Toto-Lotto-Annahme. 1975 beendet eine schwere Magen-Darm-Erkrankung die Trainerlaufbahn. Mai gibt das Geschäft auf und kehrt nach Fürth zurück. Dort unterrichtet er als Sportlehrer an einer Hauptschule, betreut zeitweise die Fürther Jugend und trainiert noch 1982 laut kicker den Nürnberger A-Klassenverein Johannis 83.
Anfang der Neunzigerjahre wird ihm der rechte Lungenflügel entfernt. Karl Mai stirbt am 15. März 1993 in Fürth an Leukämie, mit 64 Jahren. Bei der Beerdigung auf dem Fürther Friedhof geben ihm seine Berner Mitspieler Fritz und Ottmar Walter, Horst Eckel, Werner Liebrich und Jupp Posipal das letzte Geleit. Seit 2004 trägt die Sportanlage am Schießanger seinen Namen: Charly-Mai-Sportanlage.
Karl Mai auf einen Blick
Geboren: 27.7.1928 in Fürth
Gestorben: 15.3.1993 in Fürth
Spitzname: »Charly«
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1942, erste Mannschaft 1948–1958), FC Bayern München (1958–1961), Young Fellows Zürich (1961), FC Dornbirn (1962–1963)
Position: anfangs Stürmer, ab 1952/53 linker Läufer
Titel: Weltmeister 1954, Süddeutscher Meister 1950
Bilanz: 182 Oberligaspiele und 17 Tore für Fürth; 21 Länderspiele (1953–1959), davon 18 als Fürther, 1 Tor
Beruf: Konditor, Geschäftsinhaber in München, Sportlehrer in Fürth
Trainer: u. a. ESV Ingolstadt, MTV Ingolstadt, Wacker München, SpVgg Fürth A-Jugend, Johannis 83 Nürnberg
Quellen
Kleeblatt-Chronik: Karl Mai · Wikipedia: Karl Mai · Wikipedia: WM 1954, Finalrunde · Wikipedia: Wunder von Bern · RSSSF: Karl Mai – International Appearances · FürthWiki: Karl Mai · kicker-Sonderhefte 1954–1982 · Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft · Der Spiegel, 27.10.1954 · Fußballweltmeisterschaft 1954 Schweiz (Agon)