Richard Gottinger – 38 Minuten Nationalspieler

Sein Länderspiel dauerte 38 Minuten. Dann humpelte Richard Gottinger vom Rasen des Stuttgarter Neckarstadions, und ein 21-jähriger Pfälzer namens Horst Eckel lief für ihn auf. Eckel wurde ein gutes halbes Jahr später Weltmeister, Gottinger kam nie wieder in die A-Elf. Und doch ist der kleine Außenläufer aus der Theaterstraße einer der Großen des Ronhofs: 670 Spiele für die Spielvereinigung, 347 davon in der Oberliga Süd, dazu fünfzehn Jahre Treue in der ersten Mannschaft. Seine Laufbahn ist die Geschichte eines Mannes, dem das Pech zweimal in die Beine fuhr.

Zeitstrahl: Richard Gottingers Laufbahn · 1937–1985
Richard Gottingers Laufbahn · 1937–1985
»Vielleicht war ich zu impulsiv und zu ballverliebt.«
Richard Gottinger über sich selbst, nach der Kleeblatt-Chronik

Vom Freibad-Bolzplatz in den Ronhof

Gottinger Richard – SpVgg Fürth
Richard Gottinger, Porträtpostkarte aus der Sammlung des Kleeblattmuseums

Richard Gottinger kommt am 4. Juni 1926 in der Fürther Theaterstraße zur Welt. Das Timing passt: Im selben Jahr holt die Spielvereinigung ihre zweite deutsche Meisterschaft. Fußball liegt ohnehin in der Familie. Als Vater nennen die Kleeblatt-Chronik und ein Nachruf Konrad Krauß, der 1929 mit Fürth Deutscher Meister wurde. Warum Vater und Sohn verschiedene Nachnamen tragen, verraten die Quellen nicht.

Angefangen hat alles auf einem Bolzplatz vor dem Fürther Freibad. Geld für den Eintritt in den Ronhof hatten die Buben keines. Also baten sie Spieler der ersten Mannschaft, sie mit hineinzunehmen, und wenn das nicht klappte, fanden sie laut Gottinger »andere versteckte Wege«. Mit elf Jahren, 1937, tritt er dem Verein bei. Die ersten Fußballstiefel schenkt ihm sein Freund Max Appis, später selbst Kapitän der Spielvereinigung.

1943 wird Gottinger zum Militär eingezogen. Als er rund zwei Jahre später aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrt, ist an Vereinsfußball kaum zu denken. Im Ronhof stehen die Zelte der amerikanischen Besatzer. Gespielt wird am Schießanger, von Straßenmannschaften wie dem »Mond-Club« aus der Mondstraße. Als die SpVgg Ende 1945 den Betrieb wieder aufnimmt, läuft Gottinger noch ein paar Mal in der ersten Jugend auf, obwohl er dafür eigentlich zu alt ist. Er sah eben recht jung aus.

Im Januar 1946 wechselt er zum Lokalrivalen ASV Fürth, erst Bezirksliga, dann Landesliga. Im Sommer 1947 kehrt er zurück, zunächst als Halbrechter, bald als Läufer. In seiner ersten Oberliga-Saison bestreitet er 31 Spiele und schießt drei Tore. Am Ende steigt Fürth trotzdem ab.

Der kleine große Außenläufer

Der Abstieg bleibt eine Episode. In der neuen Bayernliga 1948/49 werden die Fürther Vizemeister mit 113 Toren und kehren über die Aufstiegsrunde sofort zurück. Unter Trainer Helmut Schneider geht es gleich weiter nach oben, bis zur Süddeutschen Meisterschaft 1950.

Gottinger ist in dieser Zeit auf dem Sprung. Im Oktober 1949 wird er beim 2:2 der Süddeutschen gegen die Norddeutschen Auswahl in München zur Pause eingewechselt. Wenige Wochen später lädt ihn Sepp Herberger zum ersten Nachkriegslehrgang nach Duisburg-Wedau ein. Nach einem Nachruf galt er Anfang der Fünfziger als bester Außenläufer Süddeutschlands. Die Chronik beschreibt ihn als intelligent, äußerst fair und zuverlässig. Gottinger selbst sah es kritischer: Erst im Alter sei es ihm leichter gefallen, sich vom Ball zu trennen.

Dann kommt der 5. Februar 1950. Im Regensburger Jahn-Stadion prallt Gottinger in der 28. Minute mit dem Regensburger Koller zusammen. Diagnose: komplizierter Schienbeinbruch. Er wird vom Platz getragen und muss die Endrunde um die deutsche Meisterschaft von außen verfolgen. Die Chronik ist sich sicher, dass er zu seiner alten Form nie ganz zurückfand.

Ein Comeback gelingt trotzdem. 1950/51 bestreitet er 33 Oberligaspiele und alle sechs Gruppenspiele der Endrunde. 1953 ist er wieder im Blick des Bundestrainers. Am 14. Juni 1953 debütiert er in Düsseldorf in der B-Nationalelf, beim 5:2 gegen Spanien. Die Kleeblatt-Chronik berichtet, er sei dort als herausragender Spieler bezeichnet worden. Beim 1:1 im WM-Qualifikationsspiel in Oslo sitzt er auf der Bank, im September gewinnt er mit einer DFB-Auswahl in Konstanz 2:0 gegen eine Schweizer Auswahl. Dann ruft Herberger ihn für den Ernstfall.

Der große Tag: 38 Minuten gegen die Saar (Oktober 1953)

Sonntag, 11. Oktober 1953, Neckarstadion Stuttgart. Deutschland spielt in der WM-Qualifikation gegen das Saarland, das damals eine eigene Nationalmannschaft stellt. Trainer der Saarländer ist ein gewisser Helmut Schön. Laut DFB-Datencenter sind 53.000 Zuschauer da, Schiedsrichter ist der Niederländer Karel van der Meer.

Für Fürth ist es ein besonderer Tag. Drei Kleeblättler geben gleichzeitig ihr Debüt: Herbert Erhardt in der Verteidigung, Karl Mai und Richard Gottinger in der Läuferreihe. Die Aufstellung laut Kicker-Almanach: Turek; Retter, Erhardt; Mai, Posipal, Gottinger; Rahn, Morlock, Schade, Metzner, Schäfer. Kapitän ist Jupp Posipal.

In der 13. Minute trifft Max Morlock zum 1:0. Kurz darauf ist Gottingers Abend gelaufen. Er verletzt sich in der ersten Halbzeit und muss in der 38. Minute raus. Die Regeln erlaubten damals, einen verletzten Spieler vor der Pause zu ersetzen. Für ihn kommt Horst Eckel vom frischgebackenen Deutschen Meister 1. FC Kaiserslautern. Nach dem Wechsel erhöht Morlock in der 51. Minute auf 2:0, der Nürnberger Horst Schade macht in der 71. Minute das 3:0.

Spielkarte: WM-Qualifikation gegen das Saarland · Gottingers einziges A-Länderspiel endete nach 38 Minuten
WM-Qualifikation gegen das Saarland · Gottingers einziges A-Länderspiel endete nach 38 Minuten

Gefeiert wurde der Sieg kaum. Der kicker fand, das Ergebnis täusche. Ein späteres Buch zur WM 1954 zählt ausgerechnet die Debütanten Erhardt und Gottinger zu denen, die »zu schwach« gespielt hätten. Das ist hart für einen Mann, der nicht einmal die Pause erreichte.

Für Mai und Erhardt begann an diesem Tag eine große Karriere, beide fuhren im Sommer 1954 mit in die Schweiz. Gottinger war beim letzten Test in Bern im April 1954 noch als Ersatzspieler dabei und stand auf der vorläufigen 40er-Liste für die FIFA. Ins endgültige 22er-Aufgebot schaffte er es nicht. Das »Wunder von Bern« erlebte er, wie ein Nachruf festhält, nur aus der Ferne.

Kurios ist, wo die Szene bis heute auftaucht: in Rekordbüchern. Dort wird Eckel als einer der ersten Einwechselspieler der WM-Geschichte geführt, weil er in der Qualifikation für Gottinger kam. Manche englische Ausgabe dreht die Sache sogar um und lässt Eckel für Gottinger vom Platz gehen. Ein deutsches Rekordbuch bringt es auf den Punkt: Gottingers Einsatz war sein erster und zugleich letzter.

»Das 3:0 täuscht. Nur durch Sololeistungen kamen wir zu unseren Torerfolgen, nicht durch Mannschaftsarbeit.«
kicker, 1953, zitiert nach kicker.de

Kapitän in Sheffield, Doppelpacker im Zabo

Abgeschrieben war Gottinger damit nicht. Am 23. März 1955 läuft er in Sheffield für die B-Nationalelf gegen England auf, und diesmal als Mannschaftsführer. Das Spiel endet 1:1. Es bleibt sein letzter internationaler Einsatz.

Im Verein hatte er seine schönsten Tage noch vor sich. Am 30. September 1956, dem Kirchweihsonntag, gewinnt Fürth das Derby beim 1. FC Nürnberg im Zabo mit 7:2. Trainer Hans Schmidt stellt Gottinger erstmals als Rechtsaußen auf, und der Läufer bedankt sich mit zwei Toren. Wer in Fürth über große Derbys redet, landet früher oder später bei diesem Nachmittag.

Meist spielte er links in der Läuferreihe, bei Bedarf aber auch Verteidiger oder Außenstürmer. Am 15. April 1962 bestreitet er beim 3:1 gegen den BC Augsburg sein letztes Oberligaspiel, mit 35 Jahren. Die Bilanz: 347 Oberligaspiele, 30 Tore, dazu viele Einsätze in bayerischen und süddeutschen Auswahlmannschaften.

Jugendamt, Trainerbank und späte Jahre

Gottinger war nie Vollprofi. Laut FürthWiki arbeitete er von 1947 bis 1989 beim Jugendamt der Stadt Fürth und kümmerte sich um straffällig gewordene Jugendliche. Der Kicker-Almanach 1959 führt ihn als städtischen Angestellten.

Auch als Trainer blieb er dem Nachwuchs nah. Er übernahm die Fürther A-Jugend, ging 1964 für zwei Jahre zum 1. FC Bamberg und kehrte danach zur A-Jugend zurück. In Hirschaid schrieb er eine kleine Legende. Im Februar 1971 übernahm er den TSV auf einem Abstiegsplatz der Bezirksliga. Aus den letzten zwölf Spielen holte die Mannschaft 15 Punkte, am Ende stand Rang sieben. Nach der Rettung zog Gottinger weiter, unter anderem zur SG Quelle Fürth, zum ASV Zirndorf und zuletzt 1984/85 zur BSG Schickedanz.

Im November 2007 ehrte ihn die Spielvereinigung für 70 Jahre Mitgliedschaft. Persönlich kommen konnte er da schon nicht mehr. Richard Gottinger starb am 5. März 2008 nach langer, schwerer Krankheit, im Alter von 81 Jahren.

Richard Gottinger auf einen Blick

Geboren: 4.6.1926 in Fürth (Theaterstraße)
Gestorben: 5.3.2008
Vereine: SpVgg Fürth (Jugend ab 1937), ASV Fürth (1946–1947), SpVgg Fürth (1947–1962)
Position: Linker Läufer, auch Verteidiger und Außenstürmer
Titel: Süddeutscher Meister 1950
Bilanz: 347 Oberligaspiele, 30 Tore; 28 Bayernligaspiele, 1 Tor; laut Chronik 670 Spiele für Fürth insgesamt; 1 A-Länderspiel (1953), 2 B-Länderspiele (1953, 1955)
Beruf: Städtischer Angestellter, Jugendamt Fürth
Trainer: u. a. SpVgg Fürth A-Jugend, 1. FC Bamberg (1964–1966), TSV Hirschaid (1971), SG Quelle Fürth (1973–1975), ASV Zirndorf (1975)

Quellen

Kleeblatt-Chronik: Richard Gottinger · Wikipedia: Richard Gottinger · FürthWiki: Richard Gottinger · anpfiff.info: Nachruf vom 15.3.2008 · DFB-Datencenter: BRD – Saarland 3:0 · kicker.de: Harsche Kritik im kicker · Wikipedia: 1954 FIFA World Cup qualification Group 1 · Kicker-Almanach 1959 · Kicker-Almanach 1996 · Fußballweltmeisterschaft 1954 Schweiz (2003) · Welt-Fußball-Rekorde 2017