Historische Rechnungen und Geschäftspapiere aus der eigenen Sammlung Zweckerl, mit Freigabe zur Wiedergabe auf Kleeblattmuseum. Die Scans sind lokal auf dem Museumsserver gesichert; Datum und Firmenbezeichnung beruhen zunächst auf der Galeriebeschriftung. Die Zuordnung beweist weder einen Inhaberwechsel noch eine Firmenrechtsnachfolge.
Unternehmensgeschichte – quellengebundener Forschungsstand
Die Firmenkorrespondenz vom 3. September 1923 nennt N. Wiederer & Co. als Spiegel- und Spiegelglasfabriken, Glasschleiferei sowie Holz-, Metall- und Celluloidwarenfabrik mit eigener Glashütte in Freiberg/Sachsen. Das Sortiment reicht deutlich über einfache Spiegel hinaus.
Dem Geschäftspartner Hermann von Grafenstein in Röthenbach wird ein Scheck über 10.805.587.600 Papiermark überreicht. Die Milliardenabrechnung macht die Hyperinflation von 1923 in einer einzelnen konkreten Geschäftsbeziehung sichtbar. Sie ist kein moderner Kaufkraftwert und kein Jahresumsatz. Die spätere Unternehmenskrise 1932 ist gesondert aus Konkursakten zu erzählen.
Für den Ausbau der Fabrikanlagen existiert im Stadtarchiv Fürth ein Aktenbestand zum Industriegleis der Firma (AGr. 8 / 2233, Laufzeit 1893–1913). Der Archivnachweis erschließt damit eine weitere Geschichte von Produktion und Verkehr; ob die Akten konkrete Gleispläne oder Frachtmengen enthalten, ist vor Einsicht offen.
Schon im März 1888 kam es in der Wiederer'schen Facettenschleiferei zu einem eigenen Streik. Die bearbeitete Chronik Paul Käppners nennt zum 12. März eine umstrittene Lohnminderung beziehungsweise die Entlassung dreier Agitatoren als gegensätzliche Deutungen des Anlasses. Unter den Streikenden waren 67 Familienväter mit insgesamt 131 Kindern; hinzu kamen ledige Arbeiter. Das sind keine Gesamtzahlen der Belegschaft.
Am 13. März 1888 berieten Glasarbeiter im Grünen Baum über Entlassungsschutz, Arbeitszeiten und Überstunden. Historisch aufschlussreich, aber aus heutiger Sicht ausgrenzend war die Forderung, Frauen und Mädchen künftig nicht mehr neu an den direkten Werkzeugen einzustellen; bereits Beschäftigte sollten bleiben. Die Chronik berichtet am 21. März, das Streikkomitee habe den Ausstand für gescheitert erklärt: 28 Arbeiter seien noch arbeitslos und unterstützungsbedürftig gewesen. Der Ausgang des anderen Wiederer-Streiks 1912 ist dadurch nicht geklärt.
Für 1896 nennt die Stadtheimatpflege rund 600 Beschäftigte bei Wiederer. Im Mai 1906 beteiligten sich nach ihrer Darstellung 1.700 Beschäftigte aus zwölf Fürther Spiegelfabriken an einem Arbeitskampf. Diese Zahl ist branchenweit und darf nicht als Belegschaft von Wiederer oder als Teilnahmebeweis für einzelne Arbeiter ausgegeben werden.
Ein zeitgenössischer Zeitungsbericht vom 12. Oktober 1912 meldet dagegen einen eigens auf N. Wiederer & Co. bezogenen Arbeitsausstand von Frauen und Männern. Als Forderungen nennt er Lohnerhöhungen, geringere Abzüge für Mischlohn und Glasbruch, eine geregelte Akkordentlohnung und die Abschaffung des Prämiensystems. Der Bericht schildert die Sicht der Arbeitnehmerseite; Beginn, Teilnehmerzahl, Verhandlungsablauf und Ausgang des Streiks sind nicht abschließend belegt.
Zwei Bauwerke erzählen verschiedene Phasen der Firma: die Villa Leyher Straße 1 von Adam Egerer (1888; Denkmal D-5-63-000-732) und der erhaltene viergeschossige Fabrik-Eckbau Leyher Straße 10 von Fritz Walter (1913; D-5-63-000-1593). Dessen Giebelaufbau von 1939 entstand nach dem Konkurs der ursprünglichen Wiederer-Firma. Villa, Fabrikbau und das archivisch nachgewiesene Industriegleis sind keine identischen Objekte.
Historischer Quellenbefund (Originalseitenbilder bei OCR-Auszügen noch nicht vollständig geprüft): Originaldokument der Sammlung Zweckerl (direkte Sichtprüfung des archivierten Scans) · Fürther Industrie- und Unternehmensgeschichte · Stadtarchiv Fürth: Industriegleis, AGr. 8 / 2233 (1893–1913) · Käppner-Chronik: Wiederer-Streik im März 1888, Seite 8 · Zeitgenössischer Bericht: Glasarbeiterstreik in Fürth, 12. Oktober 1912 · Bayerische Denkmalliste, Leyher Straße 1 und 10 (Stand August 2026). Namensgleichheiten belegen nicht automatisch Familien- oder Rechtsnachfolgen.
Vertiefte Firmengeschichte
Die Familie Schwarz und die Fabrik an der Leyher Straße
Nicolaus Wiederer erwarb laut Stadtheimatpflege 1859 die Genehmigung, sich als Glasschleifer und Graveur in Fürth niederzulassen. Andere Firmendarstellungen nennen 1858 als Gründungsjahr; die Unterschiede sind noch zu klären. Seine Ehefrau Katharina Schwarz brachte die Kinder Georg, Konrad und Peter in die Ehe. Die Stiefsöhne Georg und Konrad Schwarz führten den Betrieb fort und bauten ihn aus. Die Fabrikantenvilla von 1888 vereinte Wohn- und Kontornähe zum Werksgelände; 1896 sollen dort etwa 600 Menschen gearbeitet haben.
Quellen: Stadtheimatpflege: Die Wiederer-Villa.
Arbeitsbedingungen und der Streik von 1906
Die Stadtheimatpflege schildert lange Arbeitstage, niedrige Löhne und Gesundheitsrisiken durch Quecksilber bei der Spiegelbelegung. Für Mai 1906 berichtet sie einen Ausstand von 1.700 Beschäftigten aus zwölf Fürther Spiegelglasfabriken. Diese stadtweite Zahl darf nicht als Personalzahl oder gesicherte Streikbeteiligung allein bei Wiederer ausgegeben werden. Ein eigener archivalischer Beschäftigungsnachweis für den Glasschleifer Johann Steger, der seit dem 5. April 1892 beschäftigt war, zeigt, wie sich einzelne Lebenswege künftig rekonstruieren lassen.
Quellen: Stadtheimatpflege: Sozial- und Fabrikgeschichte · DDB: Beschäftigungsnachweis Johann Steger.
Konkurs und spätere Nutzung des Fabrikgeländes
Nach den Kriegs- und Inflationsjahren und dem Wegfall wichtiger Absatzmärkte geriet der auf Massenproduktion ausgerichtete Betrieb in die Krise. 1932 folgte der Konkurs; ab 1939 nutzte die Metz-Apparatefabrik später Teile des ehemaligen Standorts. Die Entwicklung des Geländes gehört zur Fürther Bau- und Industriegeschichte, ist jedoch keine Rechtsnachfolge der Firma N. Wiederer & Co. Weil der Konkurs vor 1933 lag, darf er nicht ohne eigene Aktenbeweise als nationalsozialistische Enteignung erklärt werden.
Quellen: Stadtheimatpflege – Konkurs und Nachnutzung.
Ein Unternehmen unter vielen: Werknetz und Statistik
Die Spiegelfabrik Wiederer lag in einer weit über Fürth hinausreichenden Glaslandschaft. Michael Müller ermittelte für 1897 rund 200 namentlich fassbare Schleif- und Polierwerke: 106 gehörten 34 Fürther Firmen, 94 weiteren 30 Firmen mit auswärtigem Sitz. Für die Mitte des 19. Jahrhunderts nennt er 41 Werke im Besitz von 24 Fürther Firmen. Diese 41 sind jedoch eine Eigentümer-Teilmenge und nicht mit den rund 200 Werken der späteren Gesamterfassung gleichzusetzen. Die Zahlen beschreiben die Branche, ausdrücklich nicht die Zahl der Werke oder Beschäftigten von Wiederer allein.
Quellen: Michael Müller: Die Spiegelglas-Stadt Fürth (2012) · Michael Müller: Marktredwitzer Glasschleif, 2007 (Branchenzahlen).
Warum historische Firmenzahlen auseinandergehen
Schon die historischen Zählungen beruhen nicht auf einer einheitlichen Definition: Für 1857 unterscheidet Müllers jüngere Branchenübersicht 19 Spiegelglasfabriken, zwei Spiegelfabriken, 26 Spiegelglashandlungen und fünf Glashandlungen, während der ältere Fachaufsatz unter der Rubrik „im Spiegelglasgeschäft tätige Fürther Firmen“ für 1857 nur 41 nennt und für 1895 77 sowie für 1913 66. Die genaue Differenz zwischen Gewerbekategorien, aktiven Firmen, Mehrfachzählungen und den jeweils benutzten Adressbüchern ist anhand der Primärstatistiken erst zu klären. Diese Branchenwerte dürfen daher weder addiert noch als vermeintliche Wiederer-Unternehmensdaten gelesen werden.
Quellen: Müller: Seligman Bendit & Söhne, Fürther Geschichtsblätter 2006 · Müller: Die Spiegelglas-Stadt Fürth, 2012.
Streik 1912: Die offenen Fragen
Der Zeitungsbericht vom 12. Oktober 1912 belegt den gemeldeten Ausstand von Arbeiterinnen und Arbeitern bei Wiederer sowie Forderungen nach höherem Lohn, weniger Abzügen bei Glasbruch und Mischlohn, transparentem Akkordtarif und Abschaffung von Prämien. Eine verlässliche Nachricht zu Dauer, Ergebnis oder Teilnehmerzahl des Ausstands konnte bisher nicht ermittelt werden. Die Angaben sind daher als berichtete Arbeitnehmerforderungen und nicht als erreichte Tarifänderungen zu erzählen. Der Bericht betrifft eine andere Arbeitskampfsituation als den Fürther Branchenstreik von Mai 1906.
Quellen: Zeitgenössischer Pressebericht vom 12. Oktober 1912.
Die Menschen hinter den Fürther Spiegeln
Die Stadtheimatpflege Fürth führt die Anfänge des Glasgraveurs und Facetiers Nicolaus Wiederer auf eine Niederlassungsgenehmigung von 1859 zurück. Sie beschreibt den Weg über die Friedrichstraße 18 und Helmplatz 7 in das große Fabrikgelände zwischen Leyher, Ritter-, Wald- und Kaiserstraße. Die Stiefsöhne Georg und Konrad Schwarz übernahmen die Führung nach dem Tod des Gründers; 1888 entstand direkt neben dem Werk ihre repräsentative Villa.
Für 1896 nennt die Stadtheimatpflege 600 Beschäftigte. Hinter Spiegeln und weltweitem Warenhandel standen schwere körperliche Arbeit und Gesundheitsrisiken durch Quecksilber. Beim stadtweiten Streik von 1906 forderten nach der örtlichen Darstellung 1.700 Arbeiter aus zwölf Spiegelglasbetrieben Verbesserungen. Diese Gesamtzahl ist ausdrücklich nicht die Belegschaft von Wiederer allein.
Ein seltener namentlicher Beschäftigungsnachweis wird im Stadtarchiv Fürth unter Aut 133 geführt: Am 24. August 1896 bestätigte N. Wiederer & Co. die Arbeit des Glasschleifers Johann Steger aus Waidhaus seit dem 5. April 1892. Unter Aut 135 ist zudem eine frühere Bescheinigung der Spiegelfabrik Max Offenbacher vom 12. Dezember 1891 zu einer Beschäftigung seit dem 30. Juni 1890 überliefert. Ob beide Bescheinigungen dieselbe vollständig identifizierte Person betreffen, ist am Original und an Meldeunterlagen abzusichern; der zeitliche Arbeitsweg ist eine starke Forschungsspur.
Die Briefe aus der Hyperinflation von 1923 zeigen die wirtschaftliche Belastung konkreter Geschäftsbeziehungen. 1932 geriet N. Wiederer & Co. in Konkurs. Die spätere Nutzung des Geländes durch die Metz-Apparatefabrik ab 1939 ist eine Standortnachgeschichte, keine rechtliche Nachfolge des Spiegelunternehmens.
Quellen und Nachweise: Stadtheimatpflege Fürth: Die Wiederer-Villa · Stadtarchiv Fürth, Aut 133: Beschäftigungsnachweis Johann Steger, 1896 · Stadtarchiv Fürth, Aut 135: Beschäftigung bei Max Offenbacher, 1891. Sekundärdarstellungen und Archivaliennachweise sind von selbst eingesehenen Originalakten zu unterscheiden.