Stadt Fürth

Arbeitswelt · Brauereigeschichte · 1892/93

Fünf Brauburschen gegen eine Großbrauerei

Wie ein Fürther Bierboykott von 1892/93 bis in die Berliner Gewerkschaftspresse wirkte

Fünf entlassene Arbeiter, eine Versammlung im Grünen Baum und der Aufruf, kein Evora-Bier mehr zu trinken: Was als Konflikt in einer Fürther Brauerei begann, wurde zu einer überregional beachteten Kraftprobe zwischen Unternehmern, Gastwirten und organisierter Arbeiterschaft.

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Ehemaliges Wohnhaus des Brauereibesitzers Wilhelm Evora an der Königswarterstraße 52 in Fürth.
Das ehemalige Wohnhaus des Brauereibesitzers Wilhelm Evora, Königswarterstraße 52, aufgenommen 2021. Es ist kein Bild des Boykotts oder der Brauerei. Foto: Asio otus / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Im November 1892 lag der Streit noch innerhalb einer einzigen Fürther Brauerei. Wenige Wochen später beschäftigte er Gewerkschafter und Zeitungsleser weit über die Stadt hinaus. Dabei hatte alles mit fünf Männern begonnen, deren Namen wir bis heute nicht mit Sicherheit kennen.

Eine Brauerei auf dem Weg nach oben

Evora & Meyer gehörte zu den aufstrebenden Fürther Bierproduzenten des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Wilhelm Evora und Johann Jakob Meyer hatten die Vorgängerbrauerei 1878 übernommen. In den Jahren danach wurde der Standort an der Erlanger Straße ausgebaut. Hinter der Brauerei lag der weitläufige Evora-Keller, ein Ausflugslokal mit Platz für Tausende Gäste. Bier war hier Industrieerzeugnis, Handelsware und Bestandteil des öffentlichen Lebens.

Von diesem Aufschwung profitierten nicht alle Beteiligten gleichermaßen. In der Brauerei arbeiteten Menschen, für die der Verlust der Stelle unmittelbar den Lebensunterhalt gefährden konnte. Die organisierten Braugehilfen beanspruchten deshalb, bei Streitigkeiten mit den Unternehmern gemeinsam aufzutreten. Zugleich war Bier ein besonders geeignetes Druckmittel: Es wurde nicht nur hergestellt, sondern täglich in Gaststätten ausgeschenkt, die von der Kundschaft abhängig waren.

Fünf Entlassungen – und eine umstrittene Begründung

Die Fürther Chronik des Paul Käppner berichtet, dass Evora & Meyer fünf Brauburschen entlassen hatte. Als Grund wurde ihnen, ausdrücklich als Vorwurf, böswilliges Verschütten von Bier angelastet. Ob sich der behauptete Vorfall tatsächlich so ereignete, ist damit nicht bewiesen. Für die Betroffenen war die Konsequenz jedoch eindeutig: Sie hatten ihre Beschäftigung verloren und wandten sich an ihre Brauerorganisation.

Die Organisation versuchte, mit der Brauerei zu verhandeln. Ohne Erfolg. Am 24. November 1892 versammelten sich zahlreiche Teilnehmer im Gasthaus Grüner Baum. Der Fürther Gewerkschafter und Politiker Martin Segitz hielt das Referat. Auch Evora und sein Braumeister waren anwesend. Nach längerer Debatte sollte eine Kommission nochmals mit der Unternehmensseite sprechen. Die Versammlung war deshalb kein bloßer Protestabend: Sie setzte eine letzte Verhandlung vor der angedrohten Eskalation an.

Die Kundschaft wird zur Konfliktpartei

Als die erneute Verhandlung scheiterte, wurde am 26. November 1892 der förmliche Boykott gegen das Bier von Evora & Meyer beschlossen. Die Unterstützer verteilten Zettel in den Wirtschaften und baten Arbeiter und andere Gäste, auf Evora-Bier zu verzichten. Ein kurzer Satz aus dem von Käppner überlieferten Aufruf brachte die Strategie auf den Punkt: Man solle sich „so lange des Genusses von Evora-Bier“ enthalten, bis den Arbeitern Recht verschafft werde.

Das war eine andere Form des Arbeitskampfes als die klassische Arbeitsniederlegung. Nicht allein die Produktion, sondern der Absatz sollte unter Druck geraten. Ein Wirt, der Evora-Bier ausschenkte, musste fürchten, Gäste zu verlieren. Wer den Boykott unterstützte, konnte ihn dagegen schon durch seine Entscheidung an der Theke mittragen. Fürth erlebte damit einen frühen Konflikt, in dem Konsumverhalten als kollektives politisches Mittel eingesetzt wurde.

Warum Berlin und Hamburg mitredeten

Die Auseinandersetzung blieb nicht auf Fürth beschränkt. Evora-Bier war auch überregional bekannt; zudem beobachteten Gewerkschaftszeitungen Arbeitskonflikte im Braugewerbe besonders aufmerksam. Der Historiker Martin Gerth weist nach, dass die Berliner Streik-Kontrollkommission den Fürther Boykott unterstützte. Seine Untersuchung nennt dafür ausdrücklich den Vorwärts vom 18. und 24. Dezember 1892 sowie das Correspondenzblatt der Gewerkschaften vom 5. Dezember.

In den projektübergreifenden Fürther Forschungsunterlagen ist außerdem eine Meldung des Hamburger Echo vom 25. Dezember 1892 verzeichnet: Vom Boykott geschädigte Wirte sollen angeboten haben, den Lohnausfall der fünf Entlassenen zu ersetzen. Die Boykottkommission habe dies abgelehnt. Dieser Pressebefund wird hier ausdrücklich als Ergebnis der früheren Materialsammlung wiedergegeben; für eine wörtliche Wiedergabe ist der Originalzeitungsdruck nochmals zu kontrollieren.

Auch die Möglichkeit einer größeren Auseinandersetzung wurde diskutiert. Eine überregionale Meldung vom 28. November warnte vor einem allgemeinen Konflikt im Braugewerbe. Daraus folgt nicht, dass tatsächlich sämtliche deutschen Brauereien bestreikt wurden. Die Bedeutung des Fürther Falles liegt vielmehr darin, dass eine lokale Entlassung zu einem Streit wurde, auf den organisierte Arbeiter und Presseorgane andernorts reagierten.

Der lange Winter des Boykotts

Der Konflikt zog sich durch den Winter. Sein Verlauf berührte mindestens drei Gruppen mit unterschiedlichen Interessen: die fünf entlassenen Braugehilfen, die Brauereiführung mit ihren Unternehmerverbündeten und die Wirte, deren Gäste das Bier meiden sollten. Auch andere Fürther Brauereien gerieten in die Debatte. Wie hoch der tatsächliche Umsatzverlust ausfiel, ist aus den bisher geprüften Quellen nicht zuverlässig zu beziffern.

Dass ein solcher Boykott wochenlang aufrechterhalten werden konnte, zeigt die organisatorische Seite des Konflikts. Er brauchte Versammlungen, Verhandlungskommissionen, öffentliche Aufrufe, Solidarität und die Bereitschaft einzelner Menschen, auf eine gewohnte Biermarke zu verzichten. Gerade deshalb ist die Geschichte nicht nur eine Brauereianekdote, sondern ein Kapitel der entstehenden modernen Arbeiterbewegung.

Die Einigung im Februar 1893

Im Grünen Baum, wo die Eskalation beschlossen worden war, fiel Ende Februar auch die Entscheidung zu ihrem Ende. Nach Käppners Chronik wurde am 23. Februar 1893 beschlossen, den Boykott ab 24. Februar aufzuheben. Die Brauerei Humbser hatte zugesagt, drei der entlassenen Braugehilfen in einer ihrer Brauereien aufzunehmen. Die beiden anderen hatten sich mittlerweile als Wirte selbstständig gemacht.

Eine Anfang März überregional verbreitete Meldung formulierte die Einigung allgemeiner: Der Brauereiverband habe sich zur Beschäftigung aller fünf gemaßregelten Arbeiter bereit erklärt. Das ist kein zwingender Widerspruch zur örtlichen Nachricht über drei Stellen und zwei neue Wirte. Möglich ist, dass die überregionale Meldung eine allgemeine Zusage und Käppner die konkreten Wege der Betroffenen beschreibt. Eine vollständig gesicherte Vertrags- und Beschäftigungsgeschichte liegt jedoch noch nicht vor.

Wer waren die fünf Männer?

Hier beginnt der vielleicht spannendste Teil der noch offenen Forschung. Über Monate wurden alte Adressbücher, Brauervereinsnachweise, Personenregister und Gewerbeverzeichnisse auf mögliche Namen hin abgeglichen. Johann Christoph Düll ist für 1893 bis 1895 als Braugehilfe bei Evora & Meyer nachgewiesen und war 1893 im Vorstand des Fürther Brauervereins tätig. Joseph Vöckl – in manchen Forschungsständen Völkl geschrieben – ist ebenfalls im Umfeld der Evora-Brauerei dokumentiert. Doch keiner dieser Befunde beweist, dass einer von beiden zu den fünf Entlassenen gehörte.

Besonders interessant sind Ernst Stirner und Matthäus Vierheilig. Beide erscheinen vor dem Konflikt als Braugehilfen und 1895 als Wirte. Damit entsprechen ihre späteren Berufe auffällig dem Hinweis, zwei der Entlassenen hätten sich selbstständig gemacht. Aber auch hier fehlt die entscheidende Brücke: eine datierte Quelle, die einen von ihnen ausdrücklich als 1892 bei Evora entlassenen Arbeiter identifiziert. Georg Haas wiederum war nach den Adressbüchern Braumeister bei Evora & Meyer und ist ein Kandidat für den anonym erwähnten Braumeister der Versammlung – nicht automatisch einer der Entlassenen.

Die fünf Namen dürfen deshalb nicht aus Vermutungen zusammengesetzt werden. Für ihre Identifizierung sind vor allem die Fürther Bürgerzeitung, das Fürther Tagblatt, Wirtschaftskonzessionen aus dem Winter 1892/93 und der Presseausschnittbestand BayHStA E 432 von Bedeutung. Der bisherige Forschungsstand hält diese Frage ausdrücklich offen.

Was von diesem Bierkrieg bleibt

Der Fürther Bierboykott endete nach knapp drei Monaten. Aber er hinterließ ein sprechendes Beispiel dafür, wie sehr Brauerei, Gastwirtschaft, organisierte Arbeiterschaft und öffentliche Meinung miteinander verbunden waren. Fünf Entlassungen reichten aus, um ein Unternehmensprodukt zum Gegenstand öffentlicher Solidarität zu machen. Aus Fürth wurde ein Thema für die Arbeiterpresse anderer Städte.

Ein bloßer „Brauereistreik“ wäre dafür eine zu enge Bezeichnung. Die überlieferten Quellen beschreiben vor allem einen organisierten Konsumboykott nach Entlassungen und gescheiterten Verhandlungen. Genau diese Strategie macht den Fall geschichtlich bemerkenswert – und die fünf noch namenlosen Brauburschen zu einem lohnenden Gegenstand weiterer Forschung.

Quellen und Forschungsstand

  1. [1]Paul Käppner: Fürther Chronik, Einträge vom 24. und 26. November 1892 und 24. Februar 1893
  2. [2]Martin Gerth: Konsumboykotte in der deutschen Arbeiterbewegung, S. 68 (mit zeitgenössischen Pressenachweisen)
  3. [3]Stadtheimatpflege Fürth: Das Evora-Haus, mit lokalhistorischer Darstellung des Boykotts

Weitere Recherchehinweise: Vorwärts, 18. und 24. Dezember 1892 sowie 1. März 1893; Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands, 5. Dezember 1892, S. 112; Hamburger Echo, 25. Dezember 1892. Diese Zeitungsangaben stammen aus dem wissenschaftlichen Nachweis beziehungsweise den früheren Forschungsarbeitsblättern. Die dort dokumentierten Personenkandidaten sind keine bestätigten Entlassungsidentitäten.

Zur Einordnung: Käppners Chronik ist eine zeitnahe, später bearbeitete Lokalchronik. Das Verhältnis zwischen frühem Boykottaufruf, förmlichem Beginn am 26. November und Aufhebung am 24. Februar wird deshalb bewusst differenziert. Die Reichweite des Konflikts war überregional; ein tatsächlicher reichsweiter Generalstreik ist nicht nachgewiesen.