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Stadtgeschichte · Kunsthandel · 19. Jahrhundert

Die Dürer-Auktion, die nicht stattfand

Joseph Maillinger aus Fürth sollte 1867 eine berühmte Dürer-Sammlung in München versteigern. Doch die Geschichte nahm eine andere Wendung: Über einen Pariser Käufer gelangte die Sammlung später in das Berliner Kupferstichkabinett.

Eine Auktion ist geplant

Im September 1867 machte ein gedruckter Auktionskatalog unter Kunstfreunden auf eine bemerkenswerte Sammlung aufmerksam. Alexander Emil Posonyi, ein Wiener Kunsthändler und Sammler, hatte über Jahre Zeichnungen und Druckgrafiken zusammengetragen, die damals Albrecht Dürer zugeschrieben wurden. Für die öffentliche Versteigerung war München vorgesehen – genauer die Montmorillon’sche Kunst- und Antiquitätenhandlung unter ihrem Leiter Joseph Maillinger, der 1831 in Fürth geboren worden war.

Der französische Katalog kündigte die Auktion für den 11. bis 13. November 1867 an. Bereits auf dem Titelblatt stand allerdings eine entscheidende Einschränkung: Die Versteigerung sollte nur stattfinden, falls die Sammlung nicht schon vorher als Ganzes verkauft würde. Das Datum ist deshalb kein Beweis, dass an diesen Tagen tatsächlich Lose zugeschlagen wurden.

Der Wunsch, die Sammlung zusammenzuhalten

Posonyi berichtete in seinem Vorwort, er habe 1860 mit dem gezielten Ankauf besonders guter Dürer-Drucke begonnen. Später ergänzte er diese um Blätter aus einer älteren Wiener Sammlung und tauschte wiederholt Exemplare aus, wenn er bessere Druckzustände oder einen günstigeren Erhaltungszustand finden konnte. Dazu reiste er, besuchte Versteigerungen und verglich seine Erwerbungen mit öffentlichen und privaten Sammlungen.

Die Arbeiten sollten nach Möglichkeit nicht auseinandergerissen werden. Posonyi hoffte ausdrücklich auf einen Gesamtverkauf; der Auktionskatalog diente zugleich als Vorbereitung für den Fall, dass sich kein Käufer für die geschlossene Sammlung fand.

Joseph Maillinger steuerte zur französischen Ausgabe ein eigenes, in München im September 1867 datiertes Nachwort bei. Er bestätigte den Auftrag für die geplante Versteigerung und erklärte, die Entwicklung der Sammlung von ihrem Anfang an mit Interesse verfolgt zu haben. Das ist ein unmittelbarer historischer Beleg für die Verbindung des Fürther Kunsthändlers zu Alexander Posonyi.

Auch die vorgesehenen Bedingungen sind überliefert: Barzahlung, fünf Prozent Käuferaufgeld sowie die Umrechnung von sieben Gulden in 15 Francs. Diese Angaben betreffen die angekündigte Auktion, nicht tatsächlich nachgewiesene Käufer oder Zuschlagspreise.

1867: Ein Käufer aus Paris

Das Berliner Kupferstichkabinett dokumentiert, dass Auguste Anatole Hulot, ein Pariser Drucker, die bereits katalogisierte Sammlung noch 1867 als Ganzes übernahm. Ein Einzelverkauf nach dem im Katalog angekündigten Verfahren ist damit nicht nachgewiesen. Ob Joseph Maillinger den Vertrag zwischen Posonyi und Hulot vermittelte oder eine Provision erhielt, lässt sich aus den bisher bekannten Unterlagen nicht feststellen.

Gerade darin liegt die Besonderheit dieser Geschichte. Die Ankündigung einer Versteigerung war öffentlich und gedruckt, doch die Sammlung wechselte auf anderem Wege den Besitzer. Ein historischer Katalog ist ein Beleg für einen geplanten Geschäftsvorgang, nicht automatisch für dessen Durchführung.

1877: Die Reise der Blätter endet in Berlin

Zehn Jahre später hielt sich Friedrich Lippmann, der Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, in Paris auf. Dort erfuhr er, dass Hulot die Sammlung verkaufen wollte. Nach den Ausstellungstexten der Staatlichen Museen zu Berlin erhielt Lippmann die erforderliche Zustimmung zum Ankauf auf telegrafischem Weg. So gelangte die Sammlung Posonyi–Hulot 1877 nach Berlin.

Einzelne Werke sind heute in der [3] nachweisbar, darunter das Landschaftsaquarell Die Drahtziehmühle (KdZ 4). Auch die Zeichnung [4] (KdZ 36) trägt eine einschlägige Provenienz. Diese Besitzfolge beweist nicht, dass Maillinger das einzelne Werk 1867 versteigerte.

Bei Zuschreibungen ist ebenfalls Vorsicht nötig: Nicht alle Werke, die im 19. Jahrhundert als Arbeiten Dürers galten, werden heute noch entsprechend eingeordnet. Die historische Sammlungsgeschichte und die moderne kunsthistorische Werkbestimmung müssen voneinander unterschieden werden.

1872: Die Verbindung zur Familie Posonyi

Fünf Jahre später trat Maillinger erneut als Kunsthändler für die Familie Posonyi auf. Ab 24. Oktober 1872 wurde in München die Druckgrafiksammlung des Wiener Juristen Edmund J. Posonyi, eines Bruders Alexanders, angeboten. Der [5] führt 1.311 Positionen auf.

Edmund Posonyi verwies in seinem Vorwort auf die langjährige Bekanntschaft mit Maillinger und dessen genaue Kenntnis der Entstehung seiner Sammlung. Damit wird aus dem einmaligen Auktionsauftrag von 1867 eine über mehrere Jahre nachweisbare Verbindung. Die beiden Kataloge betreffen jedoch verschiedene Sammler und verschiedene Bestände.

Ein Fürther im europäischen Kunsthandel

Joseph Maillinger ist vor allem als Sammler Münchner Stadtansichten und als Begründer einer bedeutenden Bilder-Chronik bekannt. Die Posonyi-Verbindung zeigt eine andere Seite seines Wirkens: Als Kunsthändler war er an Geschäftsbeziehungen beteiligt, die Wien, München, Paris und später Berlin miteinander verbanden.

Das Schicksal der Dürer-Sammlung macht zugleich deutlich, wie wichtig es ist, historische Ankündigungen mit späteren Eigentumsnachweisen abzugleichen. Was für November 1867 geplant war, muss von dem unterschieden werden, was anschließend tatsächlich geschah.

Quellen und Nachweise

  1. [1]Catalogue d’une collection extraordinaire d’estampes, de dessins et de sculptures de Albert Durer, 1867, Titelblatt, Posonyis Vorwort, Maillingers Nachwort und Verkaufsbedingungen; University of Illinois, Digitalisat des zeitgenössischen Drucks.
  2. [2]Staatliche Museen zu Berlin: Dürer für Berlin. Eine Spurensuche im Kupferstichkabinett, Ausstellungstexte, 11. Mai 2023, Abschnitt „Posonyi-Hulot & der Lippmann-Coup“.
  3. [3]Staatliche Museen zu Berlin, Objektdatenbank: Die Drahtziehmühle, Inventarnummer KdZ 4.↩ Zur Textstelle
  4. [4]Staatliche Museen zu Berlin, Objektdatenbank: Agnes Dürer in niederländischer Tracht, Inventarnummer KdZ 36.↩ Zur Textstelle
  5. [5]Montmorillon’sche Kunsthandlung, Katalog der Sammlung Dr. Edmund J. Posonyi, München 1872, Universitätsbibliothek Heidelberg, DOI: 10.11588/diglit.56590.↩ Zur Textstelle

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