Stadtgeschichte · Arbeit und Gesundheit · Spiegelindustrie · 1792–2004
Spiegel ohne Gift – Fürths langer Kampf gegen das Quecksilber
Spiegel machten Fürth weithin bekannt. Doch während Kaufleute ihre Waren in alle Welt verschickten, vergifteten sich manche Arbeiter beim Belegen der Gläser – häufig zu Hause, gemeinsam mit ihren Familien. Chemiker und Gewerbefachleute suchten schon um 1860 einen Ausweg. Bis er sich durchsetzte, vergingen Jahrzehnte.
In diesem Artikel 15 Kapitel und Abschnitte
1792: Ein Blick hinter die glänzende Oberfläche
Am Ende des 18. Jahrhunderts war Fürth bereits eine bedeutende Stadt der Spiegelmacher. Werkstätten stellten Spiegelrahmen her, Kaufleute organisierten die Beschaffung von Glas und den Verkauf, Schleif- und Polierwerke veredelten die Tafeln. Der letzte Arbeitsschritt war entscheidend: Erst auf dem Belegtisch erhielt das durchsichtige Glas seine spiegelnde Rückseite.
Ein anonym erschienener Beitrag im Journal von und für Franken von 1792 schildert das Verfahren genau. Dünne Zinnfolie wurde unter Verwendung von Quecksilber mit dem Glas verbunden. Der Verfasser kannte die Herstellungsweise offenbar aus eigener Anschauung. Seine Beschreibung wechselte unvermittelt vom handwerklichen Können zur Gesundheit der Arbeiter: Die Belegarbeit gehöre zu den gefährlichsten Verrichtungen der Spiegelherstellung. Er berichtete von schwer erkrankten Menschen, die wegen ihres Zitterns nicht mehr selbstständig essen und trinken konnten.
Das ist kein späteres Urteil über eine längst vergangene Epoche. Die Gefahr war den Zeitgenossen bekannt. Der Autor empfahl hohe, luftige Arbeitsräume, Sauberkeit und Unterbrechungen der Arbeit – und schilderte zugleich, dass selbst solche Vorsicht nicht zuverlässig schützte. Wir kennen aus diesem Bericht jedoch weder die Namen der beschriebenen Arbeiter noch die Zahl der Erkrankungen. Seine drastischen Beobachtungen ersetzen keine individuellen Krankenakten.

Ein weltweites Geschäft – mit Arbeit in Fürther Wohnungen
Das Spiegelgewerbe war ein enges Netz verschiedener Gewerke. Glas kam aus Hütten in Bayern, Böhmen und anderen Regionen; wassergetriebene Schleifwerke bearbeiteten die Tafeln. In Fürth wurden die fertigen Spiegel belegt, gerahmt, verpackt und gehandelt. Gerade diese arbeitsteilige Organisation half den Kaufleuten, große Märkte zu versorgen.
Der Bericht Über die Silberspiegelfabrication im Polytechnischen Journal von 1860 beschreibt eine für den damaligen Fürther Spiegelhandel kennzeichnende Arbeitsform: Ein Unternehmer lieferte die Gläser, das Quecksilber und die Zinnfolie. Arbeiterinnen und Arbeiter führten das Belegen in eigenen Wohnungen durch, häufig mit Unterstützung von Frauen und Kindern. Die Bezahlung erfolgte nach der Menge der abgelieferten Ware.
Diese Heimarbeit bedeutete, dass sich der Ort des Erwerbs mit dem Wohnraum überschnitt. Werkzeuge, Material und möglicherweise belastete Oberflächen gehörten zum Alltag der Familien. Es wäre dennoch falsch, sämtliche Fürther Spiegelbetriebe jener Jahrzehnte als Heimarbeitsstätten zu bezeichnen: Neben ihnen bestanden Werkstätten und später Fabriken. Die genaue Arbeitsform muss für jeden Betrieb gesondert belegt werden.
Wie groß der Wirtschaftsbereich war, zeigen die von Johann Caspar Beeg für 1857 veröffentlichten Zahlen: Er erfasste 1.575 Beschäftigte in Fürth, darunter 220 in der Spiegelbelegung, und weitere 1.540 Arbeitskräfte außerhalb der Stadt, die für Fürther Firmen schliffen, polierten und facettierten. Das sind historische Angaben zu einem weit verzweigten Wirtschaftsnetz, keine vollständige heutige Beschäftigtenstatistik.
Auch der wirtschaftliche Aufschwung hatte seine Träger: Unter den wichtigen Fürther Handelshäusern befanden sich zahlreiche jüdische Unternehmerfamilien, darunter Seligman Bendit & Söhne. Forschung von Michael Müller zeigt, wie eng jüdische Kaufleute an Handel, Produktionsstandorten und später an Glashütten beteiligt waren. Die gesundheitlichen Folgen der Belegarbeit und der wirtschaftliche Erfolg der Branche gehören zu derselben Geschichte, dürfen aber nicht auf einzelne Firmen ohne konkrete Nachweise übertragen werden.
Beeg und Liebig: Wie ein anderer Spiegel möglich werden sollte
Im 19. Jahrhundert suchte die Chemie nach einem spiegelnden Belag, der ohne Zinnamalgam und damit ohne den Einsatz von metallischem Quecksilber auskam. Justus von Liebig entwickelte ein Verfahren, bei dem sich aus einer chemischen Lösung eine dünne Silberschicht auf sauberem Glas niederschlagen ließ. Das Verfahren war nicht von Anfang an zuverlässig und wirtschaftlich. Gerade bei größeren Tafeln und unterschiedlichen Glasqualitäten gab es Probleme.
In Fürth setzte sich besonders der Gewerbeschulleiter Johann Caspar Beeg (1809–1867) für eine industrielle Erprobung ein. Beeg lehrte seit 1844 an der Fürther Gewerbeschule und gehörte zu den wichtigsten Förderern des Gewerbes in der Stadt. Er kannte die Arbeitsbedingungen und wusste, dass die Einführung einer neuen Technik allein von ihrer chemischen Machbarkeit nicht abhängen würde.
Eine spätere wissenschaftshistorische Darstellung beschreibt, dass Beeg 1856 entsprechende Versuche anstieß und Liebig ihn mit seinem Verfahren sowie bei der Finanzierung unterstützte. Nach einem Vertrag vom 18. November 1858 entstand bei Doos eine Silberbeleganstalt. Ihre Produktion begann nach dieser Überlieferung am 1. Januar 1860. Liebigs Münchner Assistent Dr. C. Schindling übernahm die chemisch-technische Leitung.
Der zeitgenössische Bericht von 1860 nennt daneben C. Crämer in Doos als Unternehmer, der gemeinsam mit Schindling die Herstellung vorantrieb. Die Quellen beleuchten verschiedene Rollen – Beeg als Förderer, Liebig als Chemiker und Beteiligter, Crämer und Schindling bei der praktischen Umsetzung. Aus diesen Hinweisen allein darf noch keine vollständige Gesellschafterliste rekonstruiert werden.
1862: Eine Erfindung scheitert zunächst am Markt
Die neue Technik versprach einen entscheidenden Vorteil: Für die Spiegelbelegung musste kein giftiges Quecksilberamalgam mehr verwendet werden. Doch der Markt folgte nicht so rasch, wie Beeg und Liebig gehofft hatten.
Das Polytechnische Journal schilderte bereits 1860, dass viele Spiegelhändler den neuen Silberspiegeln skeptisch gegenüberstanden. Die Kundschaft war an die herkömmlichen Spiegel gewöhnt, die neue Methode galt als unerprobt, und eingesandte Gläser eigneten sich nicht immer für die chemische Behandlung. Das Unternehmen wollte für Rechnung anderer Hersteller und Händler belegen und war deshalb auf deren Zusammenarbeit angewiesen. Versprechen gleicher Kosten und besserer Qualität reichten nicht aus, um Zurückhaltung und wirtschaftliche Risiken zu überwinden.
Die Versuchsanlage in Doos wurde nach den Angaben der Liebig-Forschung im Dezember 1862 wegen Unrentabilität aufgelöst. Genannt werden technische Schwierigkeiten, Absatzprobleme und die kostengünstige Konkurrenz des Quecksilberverfahrens. Das war kein Beweis, dass die Silberbelegung grundsätzlich untauglich war. Vielmehr zeigte sich, wie schwer eine gesundheitlich vorteilhafte Neuerung durchzusetzen war, solange der bisherige Preis- und Produktionsdruck bestehen blieb.
1882 bis 1885: Auch im Reichstag wird über die Gefahren gesprochen
Die Auseinandersetzung mit dem Quecksilber blieb nicht auf Fürth beschränkt. Eine Edition von Akten zur Sozialpolitik im Kaiserreich weist nach, dass das preußische Handelsministerium am 29. Oktober 1882 die Bezirksregierungen zu Berichten über die Spiegelfabrikation und vorhandene Schutzbestimmungen aufforderte. In einer Mitteilung vom 2. März 1883 wurde festgehalten, dass es in Preußen damals noch keine allgemein geltenden Betriebsvorschriften für die Spiegelmanufakturen gab, wohl aber besondere Vorgaben für einzelne Anlagen.
Am 5. März 1885 verlangte der Reichstagsabgeordnete Karl Baumbach eine einheitliche Regelung im Deutschen Reich. Dahinter stand auch ein wirtschaftliches Problem: Ein überlieferter Vorgang schildert, wie ein Spiegelbetrieb bei strengeren lokalen Auflagen höhere Kosten hatte als konkurrierende Werkstätten, unter anderem in Fürth und München. Der Fall zeigt, weshalb der Arbeitsschutz damals auch von der Konkurrenz zwischen Produktionsorten geprägt war.
Es ist wichtig, die politischen Schritte nicht zu verwechseln: Eine Reichstagsforderung war noch kein Reichsgesetz, und preußische Verwaltungsakten sind keine Belege für die genaue Aufsichtspraxis in jedem Fürther Unternehmen. Die bayerische Regelung von 1889 gehört zu einer längeren, zunächst regional sehr unterschiedlichen Entwicklung. [12].
1883 bis 1889: Arbeitsschutz wird zur öffentlichen Aufgabe
In den folgenden Jahrzehnten war das Problem nicht verschwunden. Nach der Darstellung von Michael Müller in den Fürther Geschichtsblättern legte der Fürther Arzt Dr. Wilhelm Mayer um 1883 eine Denkschrift über die sanitären Zustände der Quecksilber-Spiegelbelegen vor. Sie dokumentierte die Gesundheitsgefahren und entwickelte Vorschläge zum Umgang mit dem Metall.
Ende 1884 gründeten Fürther Beleganstalten einen Glasbeleger-Hilfsverein. Dieser sollte Mittel bereitstellen, damit Beschäftigte ihre gefährliche Arbeit zeitweise unterbrechen konnten. Für Anfang 1885 sind zudem gemeinsame Vorgaben des Vereins und des zuständigen Fabrikinspektors zur Einrichtung und zum Betrieb von Beleganstalten überliefert.
Der entscheidende staatliche Schritt folgte am 30. Juli 1889: Bayern verkündete die Verordnung über die Einrichtung und den Betrieb der Spiegelbelegeanstalten. Sie führte Schutzbestimmungen für die gefährdete Arbeiterschaft ein. Der Wandel trat also nicht einfach ein, weil chemische Verfahren besser wurden. Auch gesetzliche Anforderungen und die dadurch veränderten Kostenbedingungen beeinflussten die Entscheidung der Unternehmen.
Die Silberbelegung war nun zunehmend eine wirtschaftlich tragfähige Alternative. Das bedeutete nicht, dass sämtliche chemischen Gefahren verschwanden. Entscheidend war der Wegfall des besonders problematischen Einsatzes von Quecksilber beim klassischen Zinnamalgamverfahren.
188 Quecksilberbeleger – und wenige Jahre später nur noch 24
Der Wandel lässt sich an einer eindrücklichen historischen Zahlenreihe ablesen, die Müller für die Stadt Fürth zusammenstellt:
| Jahr | In Fürth tätige Quecksilberbeleger |
|---|---|
| 1888 | 188 |
| 1890 | 74 |
| 1895 | 24 |
In nur sieben Jahren sank die erfasste Zahl der Quecksilberbeleger damit drastisch. Diese Zählung betrifft das alte Belegverfahren, nicht alle Menschen, die weiterhin Spiegel herstellten, verkauften oder mit Glas arbeiteten. Ein Rückgang der Quecksilberbeleger ist daher kein Beweis für einen gleich großen Arbeitsplatzverlust in der gesamten Branche.
Für die Firma Seligman Bendit & Söhne nennt Müller spätestens ab 1895 ausschließlich Silberbelegung. Wann die einzelnen anderen Fürther Unternehmen ihre Verfahren wechselten, müsste jeweils anhand ihrer Akten und Adressbucheinträge untersucht werden.
Die Menschen in den Hinterhäusern
Hinter der Statistik der Spiegelindustrie stehen namentlich fassbare Gewerbetreibende. Ein historisches Suchverzeichnis, das Helga Krause 1994 aus alten Adressbüchern und der Untersuchung Bruno Schönlanks zusammenstellte, nennt zum Beispiel Johann Heinrich Ochs. Für ihn ist 1884 ein Standort in der Bergstraße 5 überliefert – nach der späteren Nummerierung Bergstraße 16. Krause führt eine Beschreibung von Räumen im Erdgeschoss des Hinterhauses und einem Stübchen zum Trocknen der Gläser auf Schönlanks Buch von 1888 zurück.
Ein weiterer Eintrag gilt Paul Johann Georg Otto, der als Heimbeleger geführt wird. Das historische Verzeichnis nennt für 1879 die Helmgasse 10, später Helmstraße 4, und für die 1880er-Jahre einen Standort in der Ludwigstraße. Ebenso werden Georg Michael Kittsteiner und Johann Conrad Körber in Adressbüchern als Spiegelglasbeleger genannt. Aus diesen Namens- und Adressnachweisen lässt sich aber noch nicht auf einzelne Erkrankungen, Familienverhältnisse oder eine lückenlose Erwerbsbiografie schließen.
Auch bedeutende Unternehmen arbeiteten in Hinterhöfen und oberen Stockwerken. Krauses Konkordanz verbindet die frühere Schwabacher Straße 20 mit der späteren Nummer 39 für S. Binswanger sowie die frühere Nummer 21 mit der späteren 41 für Simon Bär. An letzterer älteren Adresse erscheint für eine frühere Zeit auch Leopold Heilbronn. Ein gleicher Standort ist jedoch kein Beleg für dieselbe Firma oder eine rechtliche Nachfolge. Bei Jakob Büchenbacher & Söhne führt die Liste die frühere Schwabacher Straße 44 zur späteren Nummer 32 und verweist auf Arbeitsräume in zwei Stockwerken.
Die Sammlung Krauses ist ausdrücklich als mögliche Verdachtsfälle betitelt. Sie belegt historische Suchspuren und Nummernbeziehungen, nicht die heutige Nutzung oder Schadstoffbelastung eines Gebäudes. Ihre Schönlank-Verweise sind zudem erst dann als Wortlaut aus dem Original zitierbar, wenn dessen Seiten überprüft wurden. Für das Stadtbild sind gerade diese Unterscheidungen zwischen Hausnummer, Geschäftssitz und Belegraum wichtig.
Ein Fürther Gewerbe in einer sozialhistorischen Untersuchung
Der Nationalökonom, Journalist und spätere sozialdemokratische Politiker Bruno Schönlank untersuchte die Fürther Quecksilberbelegen eingehend. Teile seiner Studie erschienen bereits 1887 in der Zeitschrift Die Neue Zeit; 1888 folgte die 256-seitige Buchfassung Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter. Ihre Bedeutung liegt nicht allein in der Kritik an den Gesundheitsgefahren, sondern in den Beschreibungen der Arbeitsräume und wirtschaftlichen Abhängigkeiten. Die Buchfassung ist bibliografisch nachgewiesen; einzelne über Krause überlieferte Seitenangaben sollten weiterhin mit dem Original verglichen werden.
1887: Ein Fürther Buch und ein Brief an Friedrich Engels
Schönlanks Untersuchung erregte Aufmerksamkeit weit über Fürth hinaus. Noch während der Vorbereitung der Buchausgabe wandte er sich am 20. August 1887 an Friedrich Engels mit der Bitte, ihm das Werk widmen zu dürfen. Das Datum und den Anlass dokumentiert der Anmerkungsapparat der späteren kritischen Briefedition. Am 29. August 1887 antwortete Engels aus dem englischen Eastbourne: Er hatte die bereits in der Neuen Zeit veröffentlichten Abschnitte über die Spiegelindustrie mit Interesse gelesen. Eine persönliche Widmung betrachtete er allerdings zurückhaltend.
Der Brief wurde 1931 in der deutschsprachigen sozialdemokratischen Presse aus Schönlanks Nachlass veröffentlicht. Damit ist belegt, dass die Fürther Arbeitsverhältnisse Gegenstand eines internationalen intellektuellen Austauschs wurden. Das bedeutet nicht, Engels habe selbst in Fürth geforscht oder die Belegwerkstätten besucht. Auch eine tatsächlich ausgeführte Widmung in der Ausgabe von 1888 ist ohne Prüfung des Titelblattes nicht nachgewiesen. [13].
Die lange Nachwirkung in Fürther Häusern
Die Geschichte endete nicht, als das alte Verfahren aus den Werkstätten verschwand. Weil Quecksilberbelegung zuvor auch in Wohn- und Nebengebäuden stattgefunden hatte, konnten Rückstände im Gebäudebestand noch lange später ein Thema werden.
Ein städtischer Sachstandsbericht von 2014 blickte auf Untersuchungen und Sanierungsprogramme von 1989 bis 2004 zurück. Ausgangspunkt waren Raumluftmessungen im früheren Amtshaus am Kohlenmarkt 3 im Jahr 1989. Bei einer anschließenden historischen Recherche wurden 264 Verdachtsanwesen ausfindig gemacht. Nach Auswertung von Bauakten wurden 124 Häuser für eine orientierende Untersuchung ausgewählt. In 45 Objekten stellte man unterschiedliche Quecksilberbelastungen fest.
Zwischen 1993 und 1995 untersuchte die Stadt außerdem exemplarische Sanierungsverfahren an zwei benachbarten Häusern in der Blumenstraße. Der spätere Abschlussbericht nennt insgesamt 19 fachtechnisch dokumentierte Sanierungsmaßnahmen einschließlich dieser Modellobjekte. Der Bericht von 2014 dokumentiert somit eine ernsthafte Belastungsgeschichte – er ist aber kein aktueller Schadstoffatlas. Insbesondere darf aus einer alten Spiegelbelegen-Adresse nicht abgeleitet werden, dass das betreffende Gebäude heute noch belastet oder unsicher sei.
Die frühere Heimarbeit hinterließ damit eine schwierige Frage an die Stadt: Wie geht man mit Spuren gefährlicher Gewerbe um, wenn die damaligen Werkstätten längst zu Wohnungen, Geschäften oder öffentlichen Gebäuden geworden sind?
1995: Was eine medizinische Untersuchung tatsächlich zeigte
Wie ernst die Nachwirkungen auch Jahrzehnte später waren, belegt eine 1995 veröffentlichte medizinische Untersuchung von P. Lederer und K. Werkmeister. Die Forschenden untersuchten 42 Menschen, darunter Kinder, die in früheren Spiegelbeleg-Räumen mit Quecksilber in der Raumluft gewohnt hatten. Die im Fachaufsatz angegebenen Werte lagen zwischen einem und 70 Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Luft. Bei zwei Personen fanden sich reversible klinische Zeichen einer Vergiftung; ein schwer ausgeprägtes Vergiftungsbild wurde in dieser untersuchten Gruppe nicht festgestellt.
Die Ergebnisse gelten für die damalige Stichprobe. Sie erlauben weder eine Diagnose für einzelne Bewohnerinnen oder Bewohner noch einen Schluss auf den Zustand der betreffenden Häuser heute. Auch die Zahl von 42 untersuchten Personen darf nicht mit den städtischen Zahlen über Gebäude und Sanierungsfälle vermischt werden.
Silbertechnik war nicht automatisch Quecksilberarbeit
Die historische Quellenliste von Helga Krause führt unter den zahlreichen Spiegel- und Glasunternehmen auch Krailsheimer & Miederer ausdrücklich als Silberglas- und Silberspiegelfabrik sowie Johann Prößl als Anbieter von Silberspiegelfabrikaten. Solche Einträge belegen nicht allein, dass dort quecksilberhaltige Spiegel belegt wurden. Auch ein Spiegelrahmenhändler oder ein Glasexporteur betrieb nicht zwangsläufig einen eigenen Belegraum.
Für die Rekonstruktion einzelner Fürther Häuser sind außerdem die alten Hausnummern entscheidend. Krauses Konkordanz verweist auf die Neu-Nummerierung zum 1. Januar 1890. Wo sich ein Betrieb an mehreren Adressen nachweisen lässt, muss unterschieden werden, ob es sich um eine Umnummerierung, einen tatsächlichen Umzug oder eine andere Firma handelt. Ein besonders unklarer Fall ist Stephan Pühler: Die spätere Schwabacher Hausnummer ist in der historischen Suchliste nur als 35 oder 37 ausgewiesen.
Ein weiteres Werk von Ferdinand Cremer aus dem Jahr 1888 behandelt beide Verfahren der Spiegelherstellung und widmet den Vorsichtsmaßnahmen bei der Quecksilberbelegung ein eigenes Kapitel. Es bietet wertvollen technischen Hintergrund, darf jedoch nicht ohne Weiteres einem bestimmten Fürther Betrieb zugeschrieben werden. [14].
Was die Geschichte Fürths über Fortschritt erzählt
Die Spiegelindustrie brachte Fürth Handelsverbindungen, Arbeit, technischen Erfindungsgeist und wirtschaftliche Bedeutung. Gleichzeitig zeigt sie, wie ungleich der Erfolg verteilt sein konnte: Für manche brachte das Geschäft Wachstum, für andere bedeutete es tägliche Gesundheitsgefahren im eigenen Zuhause.
Johann Caspar Beeg und Justus von Liebig suchten schon vor der Mitte des Jahrhunderts nach einem anderen Weg. Die Fabrik in Doos scheiterte zunächst. Erst als Technik, Kosten und staatlicher Arbeitsschutz zusammenwirkten, wurde der Wechsel zur Silberbelegung breit wirksam.
Wer heute einen alten Fürther Spiegel betrachtet, sieht darin nicht nur Handwerkskunst. In ihm spiegelt sich auch ein Stück Sozial-, Medizin- und Stadtgeschichte – und die lange Auseinandersetzung um die Frage, wie viel eine Gesellschaft für die Gesundheit ihrer arbeitenden Menschen zu tun bereit ist.
Quellen und Literatur
- [1]Anonym: Fortsetzung des Versuchs einer Kunst- und Handwerksgeschichte von Fürth, in: Journal von und für Franken, Bd. 4 (1792), S. 708–728, besonders S. 712–714. Zweifach korrigierte historische Transkription, Wikisource.
- [2]Ueber die Silberspiegelfabrication, in: Polytechnisches Journal, Band 157 (1860), Nr. L, ab S. 206. Zeitgenössischer Bericht über Heimarbeit, Gesundheit, die Beleganstalt Doos und die Zurückhaltung des Handels.
- [3]Haus der Bayerischen Geschichte: Dr. Johann Kaspar Beeg, biografischer Eintrag mit Angaben zu Tätigkeit und Gewerbeschule Fürth.
- [4]Liebig und der Silberspiegel, in: Auszüge aus den Kultur-Newslettern zur Reihe „Liebig lebt“, zusammengestellt 2018, S. 5–6. Wissenschaftshistorische Darstellung der Entwicklung und der Fabrik in Doos.
- [5]Gilbert Krapf: Spiegelglas für Fürth. Glashütten, Schleif- und Polierwerke im 18. und 19. Jahrhundert, in: Fürther Geschichtsblätter 1/2006, S. 3–25. Produktion, Lieferketten und regionale Gewerbestrukturen.
- [6]Michael Müller: Seligman Bendit & Söhne. Spiegelglas- und Fensterglasfabriken, in: Fürther Geschichtsblätter 2/2006, insbesondere S. 51–75 und S. 70 zu Arbeitsschutz und dem Übergang zur Silberbelegung.
- [7]Michael Müller: Die Spiegelglas-Stadt Fürth, 3. Oktober 2012. Zur Rolle jüdischer Unternehmerfamilien und den Glas- und Polierwerken außerhalb Fürths.
- [8]Stadt Fürth: Sachstandsbericht Quecksilberbelastung im Stadtgebiet Fürth, Verwaltungsvorlage OA/084/2014. Historische Erkundung, Untersuchungen und Sanierungsmaßnahmen 1989–2004.
- [9]Helga Krause: Mögliche Quecksilber-Verdachtsfälle in Fürth, 1994; historische Firmen-, Berufs- und Hausnummernkonkordanz auf Basis von Adressbüchern und Schönlank. Die Tabelle ist keine aktuelle Gebäudebewertung.
- [10]Bruno Schönlank: Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter, Vorabdruck in Die Neue Zeit, 5. Jahrgang 1887, Hefte 4 bis 6; Buchausgabe 1888 bei J. H. W. Dietz, Stuttgart.
- [11]P. Lederer und K. Werkmeister: Quecksilberbelastung bei Menschen durch Wohnungen in ehemaligen Spiegelbelegsälen, in: Gesundheitswesen 57 (1995), Heft 7, S. 391–396, PMID 7549243; Angaben hier nach Abstract.
- [12]Quellensammlung zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1867–1914, Abteilung II, Band 3; Nachweise zu den Verwaltungsvorgängen 1882/1883 und der Forderung Karl Baumbachs am 5. März 1885. Die Aktenedition wurde anhand des elektronischen Suchtexts geprüft.↩ Zur Textstelle
- [13]Ein unbekannter Brief von Friedrich Engels, historischer deutscher Zeitungsabdruck 1931 in der Sammlung der Friedrich-Ebert-Stiftung; dazu Briefedition vom 29. August 1887.↩ Zur Textstelle
- [14]Ferdinand Cremer: Die Fabrikation der Silber- und Quecksilber-Spiegel, Wien/Leipzig 1888, 168 Seiten, Abschnitt „Vorsichtsmaßregeln für Quecksilberbeleg-Anstalten“, ab S. 87.↩ Zur Textstelle
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