Nathan Krautheimer (1854–1910) – Händler, Familienunternehmer und die Vorgeschichte der Krautheimer-Krippe
Forschungsentwurf, nicht zur öffentlichen Publikation freigegeben. Family v525 + Wikimedia Commons Quellen im Text. Alle abweichenden Datierungen und Verwandtschaftszuschreibungen stehen unter Quellenprüfung.
Herkunft und ein wirtschaftlicher Anfang
Nathan Krautheimer wurde am 28. Oktober 1854 in Unterschlüpf, heute ein Ortsteil von Boxberg in Baden, geboren. Die Deutsche Biographie nennt als seine Eltern den Viehhändler Raphael Krautheimer (1826–1892) und Sophie Krautheimer, geborene Berneis (1822–1888). Dieser kleine genealogische Ausschnitt führt aus dem späteren industriellen Fürth in die Handelswelt des badisch-fränkischen Umlands. Zugleich zeigt er, weshalb der Name Berneis nicht bloß der eines Geschäftspartners, sondern Teil einer verwandtschaftlichen Verbindung war. Ohne Originalurkunden lässt sich der Stammbaum über diese belegte Generation hinaus allerdings nicht beliebig verlängern. 1
Nathan trat in eine Zeit ein, in der sich der Großhandel mit Kurz- und Schuhwaren, die industrielle Fertigung und der Absatz überregional neu organisierten. Fürth war nicht allein Produktionsstadt; es verband Fabriken, Kaufleute, Lager, Hausierer- und Vertreterstrukturen. Bei Nathan ist deshalb präzise zwischen dem selbständigen Großhandelsgeschäft und den Produktionsunternehmen der Berneis-Familie zu unterscheiden. Für eine persönliche Tätigkeit an bestimmten Maschinen oder als Leiter eines Berneis-Werks ist in den hier ausgewerteten Quellen kein Beleg vorhanden. 2
Krautheimer & Co. und die Verwandten Berneis
1885 machte sich Nathan mit dem Unternehmen „Krautheimer & Co. – Kurz- und Schuhwaren en gros“ selbständig. Das Haus der Bayerischen Geschichte nennt ausdrücklich die Unterstützung seiner Cousins Albert und Louis Berneis; der Betrieb saß in seinen frühen Jahren in der Hallstraße 9. Seit 1890 führte er das Geschäft nach dieser Darstellung allein. Diese Einzelheiten machen die Familienbeziehung in der Fürther Wirtschaftsgeschichte sichtbar: Verwandte unterstützten einen eigenständigen Unternehmer, doch die Identität der Firmen sollte im Forschungsregister nicht vermischt werden. „Krautheimer & Co.“ ist nicht automatisch die Schuhfabrik „B. Berneis“. 2
Die Brüder Berneis hatten bereits 1875 eine Schuhfabrik gegründet, die später expandierte und wechselnde Unternehmensformen durchlief. Louis' Fachbiografie erwähnt Nathan als Mitgesellschafter im Fürther industriellen Ausbau. Die beiden Publikationen beleuchten also zwei perspektivisch unterschiedliche Rollen: Nathan als Großhändler mit eigener Firma und als Kapital- beziehungsweise Geschäftspartner im Berneis-Umfeld. Welche genaue Beteiligung wann bestand, muss das Handelsregister mit Eintragungsdatum, Kapitalverhältnis und späteren Umfirmierungen noch zeigen. Das ist eine konkrete Archivfrage, keine bloße Lücke in einer hübschen Erzählung. 2 3
Martha Landmann und das Haus an der Hornschuchpromenade
1895 heiratete Nathan die aus Fürth stammende Martha Landmann (1875–1967). Ihre Herkunft aus einer Hopfenhändlerfamilie zeigt einen weiteren Zweig im sozialen und wirtschaftlichen Netzwerk. 1895/96 ließ das Paar den angesehenen Architekten Adam Egerer ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus an der Hornschuchpromenade 18 errichten. Es war ein dreigeschossiger Bau im Stil der Neurenaissance. Die Familie nutzte die oberen Geschosse, während im Erdgeschoss und im rückwärtigen Bau Geschäftsräume lagen. Das Haus war damit zugleich privater Lebensraum und sichtbare Adresse eines expandierenden Handelsunternehmens. Für die Museumsdatenbank gehört die Hausgeschichte unmittelbar an die Personen- und Firmenprofile. 2
Das Ehepaar verlor 1896 seine erstgeborenen Zwillinge kurz nach der Geburt. Später wurden Richard (1897), Sophie Gertrude (1900) und Lotte (1909) geboren. Die Fachbiografie stellt vorsichtig die Vermutung auf, die frühen Todesfälle hätten Marthas späteres Engagement für Säuglingspflege beeinflusst. Diese psychologische Deutung ist als Vermutung der Darstellung kenntlich zu machen. Persönliche Briefe Nathans oder Marthas, die den Beweggrund ausdrücklich formulieren, sind in diesem Forschungsblock nicht eingesehen worden. 2
Testament und städtische Fürsorge
Nathan starb am 1. August 1910 in Fürth, wie die genealogische Tafel der Deutschen Biographie konkret datiert. Er wurde auf dem Neuen Jüdischen Friedhof beigesetzt. Die publizierte Martha-Biografie berichtet von einer testamentarisch vorgesehenen Summe von 60.000 Mark für einen sozialen Zweck. Entscheidend ist die zeitliche und persönliche Trennung: Nathan bestimmte die Zuwendung; Martha stockte die Mittel auf, entschied sich für eine Säuglingskrippe, bestimmte ihren sozialen Zugang und begleitete ihre Finanzierung. Die Eröffnung 1912 ist deshalb nicht als persönlich von Nathan vollzogene Stiftungshandlung darzustellen. 1 2
Die Krautheimer-Krippe in der Maistraße 18 nahm 1912 ihre Arbeit auf, benachbart zum Nathanstift. Die Einrichtung sollte Säuglingssterblichkeit bekämpfen und die Arbeit von Müttern erleichtern. Nach den überlieferten Statuten sollten auch unverheiratete Mütter und Kinder ungeachtet der Konfession aufgenommen werden. Das soziale Konzept ist ein wichtiger Teil von Marthas Handlungsspielraum, zugleich eine Konsequenz des Stiftervermögens aus Nathans Unternehmensgeschichte. Damit entstand aus privatem Handelsreichtum ein öffentlich sichtbares Fürsorgeangebot. 2 4
Die lange Geschichte der Namen
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde der jüdische Stiftername aus der Bezeichnung der Krippe entfernt; nach 1945 kehrte er zurück. Die Stiftungsgeschichte reicht also weit über Nathans Lebenszeit hinaus. Als die Krippe Mitte der 1960er Jahre ihren Betrieb einstellte, war das Gebäude längst zu einem Erinnerungsort mit mehreren historischen Schichten geworden. Heute erschließt die Dependance des Jüdischen Museums Franken die Familiengeschichte am früheren Standort. Die Restaurierung der Fassade 2025 macht diese Geschichte erneut im Stadtbild erkennbar. 4 5
Was ein belastbarer Museumsartikel noch benötigt
Einzelfragen bleiben offen: Welche Rechtsform hatte Krautheimer & Co. 1885? Welche Registereintragung belegt Nathans Alleinführung seit 1890? Welche Einlagen und zeitlichen Beteiligungen verbanden ihn mit den Berneis-Unternehmen? Wie lautet der Originalwortlaut des Testaments von 1910? Für die Antwort braucht es das Fürther Handelsregister, Erb- und Nachlassakten, Bau- und Grundakten Hornschuchpromenade 18 sowie die Stiftungssatzung. Erst dadurch lassen sich das wirtschaftliche Werk, der Wille des Verstorbenen und Marthas eigenständige Leistung vollständig unterscheiden. 1 2
Quellen und Nachweise
<a id="quelle-1"></a> [1] Deutsche Biographie, Richard Krautheimer, genealogische Daten. Geburt und Tod Nathans; Eltern und Kinder.
<a id="quelle-2"></a> [2] Haus der Bayerischen Geschichte, Martha Krautheimer. Unternehmen, Hausbau, Ehe, Testament, Krippe.
<a id="quelle-3"></a> [3] Haus der Bayerischen Geschichte, Louis Berneis. Berneis-Unternehmen und Nathan Krautheimers Beteiligung aus Unternehmerperspektive.
<a id="quelle-4"></a> [4] Online-Ausstellung Krautheimer-Krippe, Jüdisches Museum Franken. Museale Überlieferung, Erinnerungsgeschichte.
<a id="quelle-5"></a> [5] Stadt Fürth, denkmalgerechte Fassadenrestaurierung 2025. Gebäude- und Nachnutzungsgeschichte.
Redaktionsstand: Forschungstext mit Quellenkritik. Testament, Handelsregister und Personenstand nicht selbst eingesehen. Bildrechte offen.
Bild- und Filmnachweise zum historischen Umfeld
- Krautheimer-Krippe, Maistraße 18, restaurierte Fassade 2025 – Fassade der Krautheimer-Krippe nach Restaurierung; Quelle Stadt Fürth, 2025. Nutzungsstand: Nur Link, kein Re-Upload. Nutzungsanfrage an Rechteinhaber nötig
- Online-Ausstellung: Familie Krautheimer und Krippe – Digitale Ausstellung des Jüdischen Museums Franken. Nutzungsstand: Nur Link. Fotos auf Ausstellungswebsite nicht ohne Rechteklärung übernehmen
- Krautheimer-Krippe auf Wikimedia Commons – Fotografien der Krautheimer-Krippe. Nutzungsstand: Nur Kategorie verlinkt. Kategorie erreichbar ggf. via Wikimedia-Suche; Lizenz direkt am Einzelbild prüfen
Bildredaktion: Historischer Gegenstand und Lizenzstatus werden separat geprüft; Kontextfotos sind keine Porträts der genannten Personen. Die verlinkten Videos sind keine Caspary-Filmaufnahmen.
Bildquellen, Sammlungen und Kontextmaterial
- Krautheimer-Krippe, Maistraße 18, restaurierte Fassade 2025: Nur Link, kein Re-Upload; © Stadt Fürth; keine freie Lizenz nachgewiesen
- Online-Ausstellung: Familie Krautheimer und Krippe: Nur Link; Externer Link, Medienrechte nicht geprüft
- Krautheimer-Krippe auf Wikimedia Commons: Nur Kategorie verlinkt; Lizenz der Einzeldateien noch offen