Stadt Fürth

Fürther Vereinsgeschichte · Radfahren · 1885–1897

Allgemeine Radfahrer-Union: Von Fürth aus in die Ferne

„Sitz: Fürth–Nürnberg“ verzeichnet das Radfahrer-Jahrbuch von 1897. Dahinter stand ein Verband mit einer weit über Franken hinausreichenden Führung. Sein erster Vorsitzender kam aus Fürth; unter den Beisitzern standen Namen aus Berlin, Tirol, Moskau und St. Petersburg. Die Doppelstadt war ein Knotenpunkt der frühen Radfahrerbewegung.[1]

1885 gegründet, 1886 umbenannt

Der Anfang lässt sich genauer bestimmen als mit der bisherigen Angabe „1885/1886“. Nach dem zeitgenössischen Jahrbuch entstand am 15. November 1885 in Nürnberg auf Anregung des Redakteurs Carl Lutz zunächst der Allgemeine Deutsche Radfahrer-Verein. Am 31. Januar 1886 beschloss eine Versammlung die Umbenennung in Allgemeine Radfahrer-Union. Gründung und Namenswechsel waren somit zwei verschiedene Schritte.[2]

Die Presse gehörte von Beginn an dazu. Lutz leitete die bereits im Oktober 1885 ins Leben gerufene Fachzeitschrift Der deutsche Radfahrer, die zum Verbandsorgan wurde. Sie bot der jungen Organisation eine gemeinsame Stimme. Beim ersten Kongress am 29. August 1886 in Nürnberg wurden 500 Mitglieder gemeldet. Dort übernahm der Fürther Lehrer J. Schäfer das Präsidentenamt von dem Nürnberger Kaufmann J. Schwabe.[2]

Ein Fürther Lehrer an der Verbandsspitze

Hinter dem im Vorstandsverzeichnis als „J. Schaefer“ geführten Vorsitzenden steht Jakob Schäfer. Das Jahrbuch widmet ihm ein eigenes Porträt: 1853 in Rockenhausen geboren, kam er 1878 als Lehrer nach Fürth und wurde 1888 zum Bezirkshauptlehrer ernannt. Die Leitung eines Radfahrerverbandes war damit ein Teil seiner Tätigkeit neben dem Schulberuf.[3]

Sein Weg zum Fahrrad begann der Darstellung zufolge mit einem ärztlichen Rat. Dr. Ludwig Böhm empfahl ihm 1878 angesichts rheumatischer Beschwerden mehr Bewegung durch Radfahren. Schäfer übte zunächst auf schweren eisernen Rädern; eines soll etwa 81 Pfund gewogen haben. Der Bericht verbindet Gesundheitsvorstellungen, technische Neuerungen und persönliche Begeisterung. Er ist zugleich ein wohlwollendes zeitgenössisches Funktionärsporträt, dessen Lob nicht mit einer unabhängigen Bewertung verwechselt werden sollte.[3]

Aus Hunderten wurden Tausende

Die Union wuchs rasch. Auf die 500 Mitglieder von 1886 folgten 1.200 im Jahr 1887 und 2.200 im Jahr 1888. In Mannheim beschlossen die Delegierten 1888, besonders erfolgreiche Tourenfahrer mit dem Titel „Meisterfahrer“ auszuzeichnen. Lange Strecken und die gesammelten Kilometer zählten damit ausdrücklich zur sportlichen Leistung.[2]

1891 meldete der Kongress in Berlin 6.000 Mitglieder. Für 1896 nennt das Jahrbuch schließlich 10.600. Diese Angaben beschreiben den gesamten Verband; sie sind keine Mitgliederzahlen eines Fürther Ortsvereins. Die Kongresse führten die Union unter anderem nach Würzburg, Mannheim, Dresden, München, Berlin und Karlsruhe.[4][5]

Fürth im Netz der Konsulate

Die wachsende Organisation benötigte Ansprechpartner vor Ort. Der Kongress von 1889 beschloss den Ausbau sogenannter Hauptkonsulate; in diesem Zusammenhang wurde Peter Weiss aus Fürth zum Schriftführer gewählt. „Konsulate“ bezeichnete hier Einrichtungen des Radfahrerverbandes, keine staatlichen Auslandsvertretungen.[4]

Die Führung von 1897 zeigt die enge Verbindung zwischen Fürth und Nürnberg. Neben Schäfer standen der Berliner zweite Vorsitzende Alex. Hönig sowie die Nürnberger Georg Habelt, Hans Leibold und Albert Prechtelsbauer. Unter den zahlreichen Beisitzern nennt das Verzeichnis ausdrücklich „Andr. Bonnet, Fürth i. B.“. Mit Schäfer und Bonnet sind damit zwei Fürther Funktionen unmittelbar belegt. Eine bestimmte Geschäftsstelle oder ein Vereinslokal ergibt sich aus der Ortsangabe allein jedoch nicht.[1]

Radfahren zwischen Touren, Wettkampf und Grenzen

Der Verband beschäftigte sich auch mit Konflikten des Sports. 1894 gestattete seine Generalversammlung in Regensburg den Mitgliedern die Annahme von Geldpreisen. Das zeigt, dass die Grenze zwischen sportlicher Anerkennung und finanzieller Vergütung ausgehandelt werden musste.[5]

Für Reisende war eine andere Errungenschaft praktisch bedeutsam: Das Jahrbuch berichtet, dass Unionsmitglieder 1896 bei Fahrten nach Österreich, Frankreich, Belgien, Italien und in die Schweiz ihre Fahrräder ohne die sonst erforderliche Zollhinterlegung über die Grenze bringen konnten. Gemeint ist eine Erleichterung für das mitgeführte Fahrrad, keine allgemeine Aufhebung von Grenzkontrollen. Die Union verband sportliche Betätigung also mit der Organisation des Reisens.[5]

Was die Union für Fürth bedeutete

Die Geschichte führt über einen bloßen Vereinsnamen hinaus: Ein Fürther Lehrer wirkte an der Spitze einer überregionalen Organisation, ein weiterer Fürther saß in ihrem erweiterten Führungskreis. Das Fahrrad eröffnete neue Möglichkeiten, Entfernungen aus eigener Kraft zu überwinden – und brachte Menschen dazu, Reisen, sportliche Leistungen und gemeinsame Interessen neu zu organisieren.[1][3]

Für die spätere Entwicklung am Ort bleiben konkrete Fragen offen: Wo trafen sich die Fürther Mitglieder, welche Touren unternahmen sie gemeinsam, und wie veränderten sich ihre örtlichen Strukturen nach 1897? Aus dem damaligen Verbandssitz lässt sich keine lückenlose Geschichte bis 1945 ableiten.

Quellen

Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine, herausgegeben von Arthur Loewy, Berlin: Hugo & Herman Zeidler, 1897. Die Links führen zu den jeweiligen Digitalisatseiten mit Transkription und Zugang zum Scan.

  1. [1]Digitalisatseite 162: Vorstandschaft, Sitz Fürth–Nürnberg und Beisitzer
  2. [2]Digitalisatseite 147: Gründung 1885, Umbenennung 1886 und erste Kongresse
  3. [3]Digitalisatseite 34: Zeitgenössisches Porträt J. Schaefers: Beruf, Fürth und Radfahren
  4. [4]Digitalisatseite 148: Kongresse, Hauptkonsulate und Mitgliederentwicklung
  5. [5]Digitalisatseite 149: Mitgliederzahl 1896, Geldpreise und grenzüberschreitende Fahrten