Fürther Vereinsgeschichte
Jüdischer Sport-Club Fürth (historisch, 1933–1939)
Vereinsgeschichte in der NS-Zeit
Die Geschichte des Jüdischen Sport-Clubs Fürth beginnt nicht mit einer sportlichen Mode, sondern mit gesellschaftlichem Ausschluss. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 wurden jüdische Sportler aus bisherigen Vereinen verdraengt. Der TV Fürth 1860 fuehrte am 9. April 1933 laut der von Peter Budig aufgearbeiteten zeitgenoessischen Berichterstattung einen antisemitischen Ausschlussparagrafen ein. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten gruendete am 9. Juni 1933 in Fürth eine eigene Turn- und Sportvereinigung. Schon am 25. Juni nahmen laut der von Gisela Naomi Blume dokumentierten Chronik rund 140 Erwachsene und Jugendliche an den Angeboten teil. Ein Sportplatz und eine zur Turnhalle umfunktionierte Wellblechhalle entstanden an der Karolinenstrasse 148.
Vereinsleben und weitere Entwicklung
Bis 1937 wuchs der Verein nach der Stadtteilgeschichte auf etwa 600 Mitglieder. Das bedeutet mehr als Fussball: Die eigene Sportgemeinschaft bot Begegnung, Ausbildung und Wettkampf unter zunehmend einschraenkenden politischen Bedingungen. Am 23. August 1936 veranstalteten jüdische Sportverbaende in Fürth ein bemerkenswertes Leichtathletikfest mit rund 100 Aktiven und etwa 1.000 Zuschauern. Unter den erfolgreichen Sportlern waren die von den Olympischen Spielen ausgegrenzte Hochspringerin Gretel Bergmann sowie Erich Klaber und Julius Bendorf. Dieses regionale Treffen darf nicht ungeprüft als Veranstaltung ausschliesslich des JSC etikettiert werden. Erich Klaber war 1937/38 als Sportlehrer in Fürth taetig.
Auch Ergebnisse sind überliefert. Am 21. November 1937 verlor die Fürther Fussballmannschaft das bayerische Finale gegen ITUS Nuernberg 3:5. Am 24. April 1938 gewann die Fürther Jugend dagegen 4:0 gegen die Nuernberger und erreichte laut zeitgenoessischem Bericht ungeschlagen die bayerische Jugendmeisterschaft. Die Chronologie von Wolfgang Roth weist für den 19. Juni 1938 einen vereinsinternen Leichtathletikwettkampf mit rund 180 Aktiven nach. Namen wie Rafael, C. Mauder und Ottenstein bleiben einzelne Quellenstrings; ohne Personennachweis werden sie nicht mit anderen Biografien verschmolzen.
1939 wurde jüdisches Vereinsleben durch NS-Zwangsmassnahmen zerschlagen. Diese historische Gewalt darf nicht als freiwilliges Vereinsende beschrieben werden. Quellenkritisch offen bleibt der Widerspruch zu einem internationalen Verzeichnis, das einen JSC Fürth bereits ab 1917 nennt. Daraus folgt weder eine widerlegte Gründung von 1933 noch automatisch eine identische Rechtskontinuitaet. Es bedarf Vereinsregister-, Zeitungs- und Gemeindearchiven, um einen möglichen frueheren Namensvetter oder Vorlaeufer zu erkennen.
Der Blick auf den jüdischen Sport in Fürth darf nicht 1939 enden. Nach der NS-Verfolgung und dem Zweiten Weltkrieg entstanden in der Stadt neue Gemeinschaften aus jüdischen Überlebenden und Displaced Persons, die in den provisorisch organisierten Lagern wieder ein gesellschaftliches und kulturelles Leben aufbauten. Das Haus der Bayerischen Geschichte dokumentiert für das DP-Lager Finkenschlag einen eigenen Sportclub mit Angeboten in Fußball, Tennis, Volleyball und Boxen. Die Fußballmannschaft gehörte sogar zu den Gründungsmitgliedern einer Liga jüdischer DP-Sportler im Bezirk Franken. Sport war damit auch ein Mittel des sozialen Wiederbeginns und einer neuen Gemeinschaftsbildung nach Deportation, Zwangsarbeit und Vernichtung.
Neubeginn und weitere Entwicklung
Wissenschaftlich entscheidend ist die Trennung der Organisationsgeschichten: Der Sportclub im Lager Finkenschlag ist für die Zeit nach 1945 belegt, während der Jüdische Sport-Club Fürth aus dem Jahr 1933 im Zusammenhang mit der NS-Ausgrenzung entstand und 1939 nicht frei über sein Weiterbestehen entscheiden konnte. Dass beide Gruppen jüdische Sportler in Fürth organisierten, beweist weder dieselbe Rechtsperson noch eine durchgängige Mitgliedschaft. Ein Eigenname, ein Gründungsprotokoll und eine offizielle Rechtsform für den DP-Sportclub sind in der derzeit ausgewerteten Nachkriegsdarstellung nicht angegeben. Er wird deshalb zunächst als eigenständiger Forschungsknoten geführt und nicht unter dem JSC von 1933 als vermeintliche Vereinsfortsetzung veröffentlicht.
Vereinsleben und weitere Entwicklung
Weiter offen bleibt der von einem internationalen Fußballverzeichnis abweichend angegebene Zeitraum 1917–1938 für einen Jüdischen Sportclub Fürth. Ohne zeitgenössische Vereinsanzeigen, Urkunden oder Registerbestätigung kann er die gut belegte Gründungsphase von 1933 nicht ersetzen. Der neue Finkenschlag-Befund hat mit dieser ungeklärten Vorkriegsfrage nichts zu tun und darf nicht als Indiz für eine historische Kontinuität missbraucht werden.
Vereinsgeschichte in der NS-Zeit
Die Geschichte des Jüdischen Sport-Clubs Fürth muss in die politische und soziale Situation des Jahres 1933 eingeordnet werden. Die sporthistorische Forschung von Andreas Mau wertet für die SpVgg Fürth einen vom nationalsozialistischen Staat verlangten Vereinsfragebogen im Stadtarchiv Fürth, Signatur 5/424, aus. Am 3. Juli 1933 fuehrte die SpVgg noch 42 jüdische Mitglieder bei insgesamt 963 Vereinsmitgliedern, also rund 4,4 Prozent. Die Quelle bezeichnet die Austritte vieler anderer jüdischer Mitglieder als Folge antisemitischer Massnahmen; eine pauschale Beschreibung als freiwilliger Rückzug waere irrefuehrend. Anordnungen zur Gleichschaltung waren am 23. Juni 1933 von staatlicher Seite an die Stadt gerichtet worden, und im August 1933 vollzog die SpVgg die organisatorische Neuordnung und den Ausschluss jüdischer Mitglieder.
Vereinsleben und weitere Entwicklung
Die Zahlen gehoeren zur SpVgg und sind keinesfalls als Mitgliederzahl des JSC Fürth von 1933 auszugeben.
Der bereits 1933 bezeugte Jüdische Sport-Club ist somit vor dem Hintergrund von Entrechtung und dem Verlust bisheriger Sportmöglichkeiten zu verstehen. Seine Existenz und seine nachfolgend belegten sportlichen Wettkaempfe werden als eigene historische Organisationsgeschichte behandelt. Die nicht mit Urkunden überpruefte Angabe 1917 in einem internationalen Vereinsverzeichnis bleibt als möglicher Vorlaeufer, anderer Club oder Fehler in der Quellenkonkordanz; aus ihr folgt keine gesicherte Gründung des JSC von 1933.
Neubeginn und weitere Entwicklung
Erst nach dem Ende der NS-Herrschaft entstand im Fürther DP-Lager ein neuer jüdischer Sportbetrieb. Makkabi Fürth ist 1946 als Mannschaft beziehungsweise Sportverein in einer fränkischen DP-Fußballliga nachweisbar, zudem nennt eine Lagerdokumentation Hapoel Fürth. Diese Nachkriegsgruppen sind nicht ohne Vereinsakten als juristische oder personelle Fortsetzung des JSC Fürth zu behandeln. Der neue Nachkriegs-Forschungszweig wird mit Quellenverweisen erschlossen, ohne eine unbelegte Kontinuitaet zu behaupten.
Vereinsleben und weitere Entwicklung
Eine weiterführende Quellenkonkordanz unterscheidet den 1933 entstandenen jüdischen Sport-Club vom nach 1945 organisierten Sport jüdischer Displaced Persons. Die Ähnlichkeit der Sportarten und Vereinsnamen begründet weder eine durchgehende Mitgliedschaft noch einen unveränderten Rechtsträger. Für 1933 zeigt die wissenschaftliche Auswertung der Stadtarchivakte Fürth 5/424 durch Andreas Mau, dass am 3. Juli 42 der 963 erfassten SpVgg-Mitglieder jüdisch waren und fünf von zehn Vorstandsmitgliedern der NSDAP angehörten. Das sind ausdrücklich Angaben zur SpVgg, nicht zur Größe des jüdischen Sport-Clubs. Sie beschreiben den Hintergrund von Ausgrenzung und Gleichschaltung; die einzelnen Mitgliedernamen und Beschlüsse bleiben für die Originalaktenprüfung vorgemerkt.
Quellen
- [1]Stadtheimatpflege: Sport und Suedstadt, Peter Budig, S. 160-166
- [2]Stadtarchiv Nuernberg: Jüdischer Fussball 1933-1938, Spiel 21.11.1937
- [3]Wolfgang Roth: Bayerische jüdische Sportvereine vor 1938
- [4]Jim Tobias: Sportfest der jüdischen Athleten in Fürth 1936
- [5]RSSSF: Jewish Teams Worldwide, JSC Fürth Eintrag 1917-1938
- [6]Rijo: Rolle jüdischer Buerger beim Sport, JSC Geschichte und Vorlaeufer
- [7]Haus der Bayerischen Geschichte: Fürth, jüdische DPs im Lager Finkenschlag
- [8]Bundeszentrale für politische Bildung: Jüdischer Sport und Antisemitismus
- [9]Andreas Mau: Gleichschaltung der SpVgg Fürth 1933, Vorabdruck
- [10]H-Soz-Kult: Gleichschaltung Fußball 1933, Konferenzbericht
- [11]Nurinst / after-the-shoah: DP Lager Fürth 1945-1949
- [12]Historische Fußballsportstudie: jüdische DP-Ligen und Schreiben des Makkabi Fürth 03.09.1946
- [13]Fürther Nachrichten: 1933 Gleichschaltung des Kleeblatts