Stadtgeschichte Fürth · Historische Biografie
Joseph Midas
Stadt Fürth
Biografie
Die Geschichte der Fürther Spiegel- und Spiegelglasfabrik J. L. Lehmann ist mit den jüdischen Unternehmerfamilien Lehmann und Midas verbunden. Joseph Midas, in amtlichen Unterlagen auch Joseph Max Midas genannt, gehörte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den Inhabern dieses Unternehmens. Die historische Branchenübersicht „Deutschlands Glasindustrie 1930/31“ führt ihn zusammen mit Lothar Midas beim Betrieb. Die Firmenbezeichnung J. L. Lehmann blieb bestehen, obwohl sich die Eigentümerstruktur über Generationen verändert hatte.
Das Unternehmen in Fürth
Die Firma ging auf eine Gründung von Jonatan Levi Lehmann in den Jahren 1848/49 zurück. Seit 1906 befand sich ihr Werk in der Langen Straße 53. Der Name Joseph Midas ist deshalb nicht mit dem Gründer zu verwechseln. Das amtliche Verzeichnis jüdischer Gewerbebetriebe der Industrie- und Handelskammer von 1938, das in der Forschungsdokumentation zur Spiegelfabrik zitiert und mit Archivmaterial wiedergegeben wird, nennt ihn als Inhaber beziehungsweise Gesellschafter; dort erscheint für ihn das Geburtsdatum 6. Oktober 1873.
Zwangsveräußerung im Jahr 1938
Unter dem nationalsozialistischen Regime geriet das jüdische Unternehmen unter massiven wirtschaftlichen und politischen Druck. Am 13. August 1938 wurde die Firma im Rahmen der sogenannten „Arisierung“ unter Zwang verkauft. Die überlieferten Unterlagen des späteren Rückerstattungsverfahrens beschreiben Drohungen, einen nicht frei ausgehandelten Preis und die Verfolgung der Inhaber. Joseph Midas und Lothar Midas stellten am 29. Juli 1948 einen Rückerstattungsantrag. Dieser Vorgang ist als erzwungener Eigentumsentzug zu verstehen und nicht als gewöhnlicher freiwilliger Firmenverkauf.
Joseph Midas verließ Deutschland 1939 zunächst in Richtung England. 1943 gelangte er mit seiner Ehefrau in die Vereinigten Staaten. In einer eidesstattlichen Erklärung seines Sohnes aus dem Jahr 1956 werden die wirtschaftlichen Folgen des Exils beschrieben. Demnach starb Joseph Midas im März 1949 in den USA.
Bedeutung und Quellenstand
Der Lebensweg verbindet Fürther Industriegeschichte mit nationalsozialistischer Verfolgung, Flucht und dem langwierigen Umgang mit entzogenen Vermögenswerten nach 1945. 1950 wurde das Rückerstattungsverfahren durch einen Vergleich abgeschlossen. Die Datierungen der NS-Zwangsveräußerung und der Entschädigung stammen aus der dokumentierten Aktenüberlieferung; sie dürfen nicht mit einer vollständigen Rekonstruktion der privaten Lebensgeschichte verwechselt werden.
Das Firmenverzeichnis von 1930/31 und die Dokumentation der Spiegelfabrik mit archivierten IHK-, Rückerstattungs- und Familienunterlagen liefern zwei getrennte, nachvollziehbare Belegstränge. Offene Fragen betreffen unter anderem die vollständige persönliche Chronologie und die einzelnen Rechtsformwechsel der Firma.