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Verschmolzen – und doch nicht verschwunden

In diesem Artikel 15 Kapitel und Abschnitte

Im Oktober 1908 sollte die Fürther Bürgerzeitung mit der Fränkischen Tagespost verschmelzen. 1909 meldete die Sozialdemokratie die Vereinigung als vollzogen. Sechs Jahre nach der Ankündigung erscheint der Fürther Zeitungstitel jedoch noch in einem Branchenhandbuch. Ein Widerspruch? Nur, wenn man Zeitungstitel, Redaktion, Verlag und Druckerei für dasselbe hält.

Zwei Zeitungen, eine politische Öffentlichkeit

Als sich Fürth und Nürnberg im 19. Jahrhundert zu Industriestädten entwickelten, wurde die Zeitungslandschaft zum Schauplatz politischer und sozialer Auseinandersetzungen. Die Arbeiterbewegung brauchte eine Presse, die über Arbeitskämpfe, Versammlungen und Wahlen berichtete und eine eigene Öffentlichkeit herstellte. Die spätere Fränkische Tagespost war 1871 zunächst als Fürther demokratisches Wochenblatt gegründet worden. Ihr Titel wandelte sich mehrfach; seit 1878 hieß sie Fränkische Tagespost. Das Historische Lexikon Bayerns dokumentiert diese Entwicklung und die außergewöhnliche Kontinuität der sozialdemokratischen Zeitung trotz staatlicher Verfolgung. [5]

Eine andere historische Linie ist die Fürther Bürgerzeitung. Das Jahrbuch des Vereins Arbeiterpresse von 1908 nennt 1879 als ihr Gründungsjahr und Karl Grillenberger sowie Gabriel Löwenstein als Gründer. Es berichtet außerdem von Beschlagnahmungen und Presseverfahren unter dem Sozialistengesetz. Solche Erinnerungen sind wertvolle Zeugnisse aus dem eigenen Presseumfeld, aber nicht mit einem unabhängig eingesehenen Gründungstitelblatt von 1879 gleichzusetzen. Die Beziehungen beider Zeitungen zu ihren Herausgebern und frühen Verlagshäusern bedürfen daher weiterer Originalakten. [1] [5]

Die Redaktion in der Hirschenstraße

Das Jahrbuch 1908 gibt für die Bürgerzeitung die Fürther Hirschenstraße 24 und die Telefonnummer 728 an. Auch der Verkauf wird konkret fassbar: Der angegebene Vierteljahrespreis sollte von 1,95 auf 2,10 Mark steigen, die gemeldete Auflage betrug 7.000 Exemplare. Diese Auflage ist eine Zahl aus einem Branchenverzeichnis – kein unabhängig geprüfter Absatz aus einer Jahresbilanz. [1]

Unter den Mitarbeitern erscheint Emil Zöllner als damals alleiniger Redakteur. Die zweite redaktionelle Kraft Erwin Barth, ein aus Zwickau stammender Graveur, wird für den 1. Oktober 1908 zunächst nur vorgeschlagen. Der Eintrag beweist also noch keinen Arbeitsbeginn an diesem Tag. Karl Fentz ist als Geschäftsführer genannt, Fritz Graun als Expedient. Beides sind geschäftliche beziehungsweise vertriebliche Funktionen, keine zusätzliche Redaktionsleitung. [1]

Diese Namen machen deutlich, dass eine Zeitung nicht nur aus publizistischen Texten bestand. Abonnements mussten aufgenommen, Anzeigen bearbeitet, Exemplare verteilt und die Herstellung bezahlt werden. Wo Zöllner, Barth, Fentz und Graun privat lebten und wie ihre späteren Berufswege verliefen, lässt sich aus der hier benutzten Geschäftsanschrift nicht ableiten. Eine berufliche Adresse ist kein Meldeeintrag. [1]

Die Zusammenlegung von 1908 – ein Plan und sein Nachweis

Der zeitgenössische Eintrag kündigt für den 1. Oktober 1908 eine Verschmelzung der Bürgerzeitung mit der Fränkischen Tagespost an. Für sich allein genommen wäre das nur eine Prognose. Der Bericht des sozialdemokratischen Parteivorstands zum Leipziger Parteitag von 1909 liefert ein wichtiges zweites Glied der Beweiskette. Er schildert, dass die Fränkische Tagespost einen Neubau in der Nürnberger Breitegasse bezogen habe und die beiden Titel anschließend verschmolzen worden seien. Der organisatorische Zusammenschluss wurde dort somit bereits als vollzogener Vorgang dargestellt. [1] [4]

Damit ist aber keineswegs jedes rechtliche Detail geklärt: Der Parteibericht erläutert weder sämtliche Eigentumsverhältnisse noch die individuellen Arbeitsverträge oder den Tag, an dem jede einzelne lokale Redaktion ihre Zuständigkeit änderte. Für die Geschichte einer Druckerei oder Verlagsgesellschaft werden weiterhin Handelsregister und Unternehmensakten benötigt. Die Quellen lassen zuverlässig sagen, dass ein Zusammenschluss vorgesehen und später als geschehen berichtet wurde; über dessen juristische Umsetzung darf man nichts hinzufügen, was sie nicht belegen. [4]

1910: Die Wiederholung als Quellenproblem

Besonders aufschlussreich ist das Jahrbuch von 1910. Es nennt Emil Zöllner und Erwin Barth gemeinsam als Redakteure und führt die Geschäftsstelle weiterhin in der Hirschenstraße 24. Zugleich enthält derselbe Eintrag noch immer die Formulierung von der Verschmelzung „ab 1. Oktober“, einschließlich älterer Preis- und Beilageankündigungen aus dem Jahrgang 1908. Damit liefert die Ausgabe von 1910 keine unabhängige Bestätigung dafür, dass die Zusammenlegung erst 1910 geplant gewesen sei. [1] [2]

Hier zeigt sich ein allgemeines Problem historischer Jahrbücher: Adressverzeichnisse konnten ihre älteren Einträge mit kleinen Änderungen fortschreiben. Eine aktualisierte Redaktionsliste steht dann neben einer veralteten Ankündigung. Deshalb sollte jede Einzelangabe einen eigenen Prüfstatus tragen, statt dass das gesamte Blatt pauschal als durchgehend aktuell behandelt wird. Auch Barths Tätigkeit lässt sich für 1910 als Eintrag belegen; der tatsächliche Beginn im Jahr 1908 bleibt ohne das damalige Impressum offen. [1] [2]

1914: Der Fürther Zeitungskopf bleibt erhalten

Das Handbuch des Vereins Arbeiterpresse von 1914 nennt die Fürther Bürgerzeitung ausdrücklich ein Kopfblatt der Fränkischen Tagespost. Im Verzeichnis stehen jetzt Emil Zöllner und Georg Schirmer als Redakteure, abermals die Hirschenstraße 24 sowie die Telefonnummer 728. Auch dort ist eine Auflage von 7.000 angegeben. Dies ist ein klarer Nachweis des weitergeführten Fürther Zeitungsnamens – nicht jedoch für einen nach 1908 vollständig eigenständigen Verlag. [3]

Für die Geschäftsführung erscheint 1914 in der digitalen Texterfassung die Namensform Karl Senf; die Jahrbücher von 1908 und 1910 nennen Karl Fentz. Das kann auf einen Personalwechsel, eine andere Person oder einen Lesefehler zurückgehen. Bevor diese Identitäten verbunden werden, müssen das Druckbild sowie Personal- oder Firmenunterlagen geprüft werden. Auch ein gleich lautender Nachname wäre allein kein hinreichender Identitätsbeweis. [1] [2] [3]

Ein weiterer Irrtum lässt sich vermeiden: Die Hirschenstraße 24 ist in diesen Quellen eine Zeitungsanschrift. Die Kirchenstraße 24 begegnet im Zusammenhang mit Fürther Partei- und Gewerkschaftsstellen. Gleiche Hausnummern bedeuten keine identischen Gebäude; aus einer geschäftlichen Anschrift folgt weder Eigentum noch privater Wohnsitz. [1] [3]

Die rekonstruierte Zeitfolge

1871

Beginn des Fürther demokratischen Wochenblatts als Vorläufer der Fränkischen Tagespost. [5]

1878

Die Zeitung trägt den Namen Fränkische Tagespost. [5]

1879

Das Jahrbuch 1908 datiert die Gründung der Bürgerzeitung rückblickend auf dieses Jahr. [1]

September 1908

Das gedruckte Jahrbuch kündigt die Verschmelzung zum 1. Oktober an. [1]

1909

Der Parteivorstand spricht rückblickend von einer erfolgten Verschmelzung nach dem Nürnberger Verlagsneubau. [4]

1910

Ein weiteres Jahrbuch führt die Fürther Redaktion auf, übernimmt aber teils überholte Formulierungen von 1908. [2]

1914

Das Handbuch führt die Fürther Bürgerzeitung weiterhin ausdrücklich als Kopfblatt. [3]

Welche Belege noch fehlen

Die ausstehenden Originalhefte der Bürgerzeitung von September/Oktober 1908 und erhaltene Exemplare von 1914 könnten zeigen, wie der Zeitungskopf tatsächlich aussah, wer im Impressum verantwortlich zeichnete und welche eigenen Fürther Inhalte fortgeführt wurden. Die FES-Jahrbücher sind in digitalem Volltext erschlossen; ihre hier einschlägigen Bildseiten konnten bei dieser Prüfung nicht zuverlässig geöffnet werden. Vor allem die Namensform Senf/Fentz und die tatsächlichen Anstellungsdaten bleiben deshalb ausdrücklich offen. [1] [2] [3]

Die historische Pointe ist dennoch belegbar: Eine Zeitung konnte organisatorisch verschmelzen und als lokales Kopfblatt weiterbestehen. Fürths eigene politische Öffentlichkeit verschwand nicht automatisch mit der Umorganisation ihres Verlags. Die Geschichte dieser Fortsetzung lässt sich bereits erzählen, ohne ein rechtliches Ende, einen Personalwechsel oder eine private Lebensstation zu erfinden.

Quellen

  1. [1]Jahrbuch für Partei- und Gewerkschafts-Angestellte, 1908, gedruckte S. 69
  2. [2]Jahrbuch für Partei- und Gewerkschafts-Angestellte, 1910, gedruckte S. 49–50
  3. [3]Handbuch des Vereins Arbeiterpresse, 1914, gedruckte S. 102–103
  4. [4]SPD-Parteitag Leipzig 1909, gedruckter Bericht des Parteivorstandes, S. 42–43
  5. [5]Helmut Beer, „Fränkische Tagespost“, Historisches Lexikon Bayerns

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