Stadt Fürth · Menschen und Gewerbe
Johann Haffner – der Fürther, der kleine Welten erschuf
Ein „Ritterturnier“ aus Zinn und Holz im Germanischen Nationalmuseum ist ein seltenes greifbares Zeugnis der Fürther Spielwarenherstellung. Hinter der Werkstatt stand Johann Haffner, der 1838 aus einem Handwerksbetrieb einen Hersteller für einen überregionalen Markt machte.
Ein Meister mit ungewöhnlichem Weg
Johann Haffner wurde 1813 geboren. Seine in einer ausführlichen Firmengeschichte wiedergegebenen Ausbildungsunterlagen führen vom Lehrbeginn 1827 beim Fürther Zinngießer Friedrich Seybold bis zur Meisterprüfung im April 1837. Der Weg war keineswegs selbstverständlich: Der junge Handwerker musste die Voraussetzungen für Niederlassung und Gewerbe erfüllen. Zeitgenössische Aktenauszüge berichten von früheren Krankheiten, finanziellen Anforderungen und einer Entscheidung des Magistrats über seine Zulassung.
Eine wesentliche Voraussetzung für den eigenen Betrieb war das Vermögen seiner Braut Dorothea Johanna Juliana Schwemmer. Der überlieferte amtliche Bericht führt ihre Mittel ausdrücklich als Kapitalbasis auf. Im November 1837 heirateten beide. Die Geschichte der Haffner-Werkstatt ist deshalb nicht allein die Geschichte eines Meisters, sondern auch die einer familiär finanzierten Unternehmensgründung.
Wie aus einer Werkstatt ein Wirtschaftszweig wurde
1838 begann Haffner in der Schwabacherstraße mit der Zinnfigurenherstellung. Die Arbeit reichte vom Entwurf über das Gravieren und Gießen bis zur Bemalung und Verpackung. Zu den Beschäftigten gehörten auch Frauen, die Figuren vielfach außerhalb der Werkstatträume bemalten. Die Firmenüberlieferung schildert Wachstum und mehrere Standortwechsel; Angaben zur Beschäftigtenzahl unterscheiden sich je nach Jahr und Quelle.
Die Werkstatt zeigte ihre Waren auf Gewerbe- und Industrieausstellungen. Für die Pariser Weltausstellung von 1867 beschreibt die Firmenchronik eine Beteiligung und eine Medaille. Ein Reisehandbuch von 1868 nennt ungefähr 50 Beschäftigte sowie einen Absatz in unterschiedliche Regionen. Diese Zahlen und Auszeichnungen sind als historische Angaben der zitierten Literatur zu verstehen, bis die jeweiligen Ausstellungsberichte erneut im Original geprüft werden.
Das erhaltene „Ritterturnier“
Ein Stück aus der damaligen Produktion ist heute im Objektkatalog des Germanischen Nationalmuseums nachgewiesen: ein um 1840 in Fürth entstandener Figurenkasten mit dem Titel „Ritterturnier“, Inventarnummer SZ3269,0. Er umfasst 34 Teile. Als Hersteller nennt das Museum die Familie Haffner; der Ausstellungstext verbindet die Offizin mit Johann Haffner. Die gegossenen und bemalten Zinnfiguren wurden in einer Holzschachtel aufbewahrt.
Der Katalog enthält eine wichtige Einordnung: Das Turnier folgt einer Vorlage der Firma Heinrichsen, die nicht in jedem Detail übernommen wurde. Die Ähnlichkeit ist damit ein Befund zur Herstellungsgeschichte, kein Nachweis dafür, dass Johann Haffner jede Figur selbst entworfen oder gegossen hat.
1840: Fürther Figuren auf einer Nürnberger Ausstellung
Dass Haffners Werkstatt nicht bloß für einen örtlichen Markt arbeitete, lässt sich bereits am Jahr 1840 erkennen. Eine zeitgenössische Ausstellungsbesprechung, die der Nürnberger Historiker Erhard Schraudolph in seiner Untersuchung zum Zinnfigurengewerbe nachweist, nennt einen „Hafner“ aus Fürth zusammen mit dem Nürnberger Hersteller Ammon. Das abweichende Schriftbild mit nur einem f ist dabei nicht ohne Weiteres ein anderer Familienname. Im Zusammenhang mit der belegten Fürther Werkstatt spricht viel für Johann Haffner; die Identität der Ausstellungsnennung bleibt eine quellenkritische Zuordnung.
Die Ausstellung macht auch die Konkurrenz und den Austausch zwischen beiden Städten sichtbar: Firmen zeigten Figuren, Formen und Muster, die nachgeahmt, verändert und neu zusammengestellt werden konnten. Das später bewahrte „Ritterturnier“ der Haffner-Werkstatt ist dafür ein besonders anschauliches Beispiel – das Museum bezeichnet es ausdrücklich als nicht detailgetreue Übernahme eines Heinrichsen-Vorbilds.
Was die nächste Generation aus den Figuren machte
Die Geschichte der Produkte endet nicht mit Haffners Tod. Das Germanische Nationalmuseum stellt unter der Inventarnummer SZ3347,0 eine Serie „Bilder und Scenen aus Alt-Nürnberg“ von Johann Haffner’s Nachfolger vor. Um 1900 brachte die Firma historische Persönlichkeiten und Nürnberger Baudenkmäler im Kleinformat in die Kinderzimmer: darunter Dürer, Hans Sachs, Martin Behaim und städtische Wahrzeichen. Das Museum nennt Ausgaben mit 52 oder 70 Figuren.
Darin zeigt sich eine Veränderung des Angebots: Neben Soldaten, Jagden und Ritterturnieren wurden Stadtgeschichte und Erinnerungskultur zum Spielstoff. Der Firmenname Johann Haffner stand weiterhin auf den Produkten, doch Johann Haffner selbst war bereits 1874 gestorben. Die Serie belegt deshalb die Arbeit späterer Inhaber und nicht eine eigene Schöpfung des Firmengründers.
Auch bei einem weiteren Museumsbestand ist Vorsicht nötig: Der Katalog führt 661 Teile mit Soldaten aus den Kriegen 1866 und 1870/71 auf. Darunter ordnet er 47 Figuren der Offizin Haffner zu; weitere 52 Figuren weist er nur alternativ Haffner oder Ammon zu. Beide Gruppen gehören zu einer Sammlung mit mehreren Herstellern. Die 47 Werkstattzuschreibungen sind kein Beweis für eine persönliche Arbeit Johann Haffners, und die 52 weiteren Stücke dürfen nicht ohne zusätzliche Untersuchung einer einzigen Firma zugewiesen werden.
Die Schattenseiten des Spielzeugs: Ostafrika 1888
Ein weiterer Museumsfund zeigt, wie sehr die Figuren der Fürther Werkstatt ihre Zeit spiegelten. Die Serie „Kämpfe in Ostafrika“ von 1888 (GNM SZ3328,0) stellte die deutsche Kolonialexpansion als dramatische Szene zum Nachspielen dar. Das Germanische Nationalmuseum macht auf das stereotype, abwertende Bild des afrikanischen Gegners aufmerksam. Eine Darstellung solcher Figuren als harmlose Abenteuerwelt würde die koloniale Gewalt und die propagandistische Perspektive des Spielzeugs ausblenden.
Der Museumsbeitrag nennt bei diesem Objekt „Johann Haffner“ als Hersteller, obwohl der Firmengründer schon 1874 gestorben war. Gemeint ist hier also die unter seinem Namen weitergeführte Werkstatt; die Angabe ist kein Beleg, dass Johann persönlich 1888 noch Figuren entworfen oder hergestellt hätte. Auch die Nordpol-Expedition Nansens wurde um 1896 von „Johann Haffner’s Nachfolger“ in einer Schachtel als Figurenszenerie dargestellt. Beide Objekte zeigen, wie die Nachfolger aktuelle Nachrichten und Weltbilder zu marktfähigen Spielwaren machten.
Der Firmenname überlebt den Gründer
Haffners Sohn Konrad erlernte das Gewerbe im Familienunternehmen und erhielt 1862 eine eigene Meisterzulassung. Im Jahr 1871 wurde die Fertigung in die Mathildenstraße verlegt. Eine wiedergegebene Anzeige des Fürther Tagblatts bezeichnet Konrad als Inhaber der unter dem Namen Johann Haffner geführten Werkstatt. Johann selbst lebte inzwischen als Privatier. Die Fachchronik datiert seinen Tod anhand historischer Zeitungsanzeigen auf den 26. Februar 1874.
Noch lange nach seinem Tod blieb der Name in Firmenbezeichnungen erhalten. Spätere Produkte von „Johann Haffner’s Nachfolger“ entstanden jedoch unter anderen Eigentümern. Sie dürfen dem Gründer nicht allein wegen des Etiketts persönlich zugeschrieben werden. Auch sein Sohn Konrad Haffner hat eine eigenständige Lebens- und Unternehmensgeschichte: Seine zweite Zinnfigurenproduktion begann erst 1904, unabhängig von der bereits verkauften Nachfolgerfirma.
Quellen
- [1]Germanisches Nationalmuseum: Ritterturnier, Inventar SZ3269,0 – Katalogdatierung, Werkstattzuordnung, Material und Ausstellungstext
- [2]Germanisches Nationalmuseum: Zeit & Zinn, „Bilder und Scenen aus Alt-Nürnberg“, „Kämpfe in Ostafrika“ und Nansens Nordpol-Expedition – Museumsinterpretationen der Serien von 1888, um 1896 und um 1900, darunter SZ3328,0, SZ3291 und SZ3347,0
- [3]Germanisches Nationalmuseum: Soldaten verschiedener Nationen 1866 und 1870/71, HG8020 – Sammelobjekt mit mehreren Herstellern, keine Einzelzuschreibung
- [4]Erhard Schraudolph: Untersuchung zur Nürnberger Zinnfigurenherstellung, Mitteilungen Bd. 81 – Nachweis einer Ausstellungsbesprechung von 1840 mit Fürther Hafner-Nennung
- [5]Bernhard Schwarz: Johann Haffner – Firmen- und Familienchronik – mit dokumentierten Aktenauszügen und reproduzierten Anzeigen von 1841 bis 1874
Die frühesten Lebensdaten, Gewerbeentscheidungen und Todesanzeigen sind hier aus einer Fachchronik mit historischen Quellenzitaten übernommen; die entsprechenden Originalakten und Zeitungsseiten sind noch gesondert zu kontrollieren. Das Museumsobjekt ist unabhängig katalogisiert. Auf Abbildungen wird mangels abgeschlossener Lizenzprüfung vorerst verzichtet.