Stadtgeschichte · Biografien · Kunst und Museen · 19. Jahrhundert
Der Fürther, dessen Bilder zum Grundstein eines Museums wurden
Joseph Maillinger wuchs nicht in München auf. Doch die Geschichte der bayerischen Residenzstadt hielt er in Tausenden Bildern fest. Als seine Sammlung 1879 in städtischen Besitz überging, begann ein Kapitel, das bis zur Eröffnung des Münchner Stadtmuseums 1888 und weit darüber hinaus reicht.
In diesem Artikel 9 Kapitel und Abschnitte
Ein Geburtshaus am Fürther Marktplatz
Am 25. Mai 1831 wurde Joseph Maillinger in Fürth geboren. Der Fürther Historiker Adolf Schwammberger nennt in seinem 1968 erschienenen Geschichtslexikon nicht nur das Datum, sondern auch die damalige Adresse Marktplatz 4. Er überliefert den ausführlichen Namen Josef Maria Gottfried Maximilian Maillinger und bezeichnet den Vater Max Carl Theodor Hermann von Maillinger als damals in Fürth tätigen Steuer-Liquidations-Commissär.
Das ist ein wichtiger Hinweis auf eine Fürther Familiengeschichte, die hinter der späteren Münchner Berühmtheit leicht verschwindet. Die Angaben beruhen hier auf Schwammbergers historischem Lexikon; ein originaler Tauf- oder Geburtsregistereintrag und die damaligen Hausunterlagen wurden für diesen Beitrag nicht eingesehen. Ebenso ist die Fürther Adresse des Jahres 1831 nicht ohne weitere Prüfung mit einem heutigen Gebäude gleichzusetzen.
Maillinger wurde später in München als Kunsthändler bekannt. Nach der biografischen Überlieferung übernahm er 1859 die Montmorillon’sche Kunsthandlung. Dort begegnet er auch in zeitgenössischen Auktionskatalogen. Sein Handel mit Bildern und Druckgrafik bot die Grundlage für eine besondere Leidenschaft: Er wollte die Stadt München nicht nur in Kunstwerken darstellen, sondern ihre Veränderung über Jahrhunderte in Bildern dokumentieren.
Eine Stadtgeschichte aus Bildern statt nur aus Worten
Die Idee war für das 19. Jahrhundert ungewöhnlich systematisch. Wo andere Sammler vor allem nach berühmten Malern oder kostbaren Einzelstücken suchten, sammelte Maillinger auch nach dem historischen Aussagewert eines Bildes. Ihn interessierten Straßen, Kirchen, Stadtplätze, Gebäude, Feste, berühmte Persönlichkeiten und Ereignisse – alles, was München in unterschiedlichen Zeiten sichtbar machte.
Dabei bildete sich eine Chronik, die man betrachten konnte. Zeichnungen, Aquarelle, Holzschnitte, Kupferstiche und Lithografien bewahrten das Aussehen von Bauwerken und Orten, die wenige Jahrzehnte später bereits verändert oder verschwunden waren. Zu den vertretenen Künstlern zählen nach dem heutigen Münchner Stadtmuseum Johann Georg von Dillis, Gustav Wilhelm Kraus und Franz Xaver Nachtmann. Der Bestand umfasste sogar größere Planfolgen wie Entwürfe Leo von Klenzes zur Walhalla.
Maillinger war damit nicht bloß ein Besitzer schöner Bilder. Er stellte sich eine historische Frage: Was wird eine Stadt künftig über ihr früheres Aussehen wissen, wenn niemand die alten Ansichten sammelt? Die spätere Bildersammlung beantwortete diese Frage für Generationen von Historikern, Künstlern und Stadtbewohnern.
1876: Maillinger veröffentlicht seine Bilder-Chronik
Im Jahr 1876 veröffentlichte Maillinger in der Montmorillon’schen Kunsthandlung die dreibändige Bilder-Chronik der Königlichen Haupt- und Residenzstadt München. Schon der lange Untertitel erläuterte seinen Plan: Es ging um ein Verzeichnis graphischer Zeugnisse zur Orts-, Kultur- und Kunstgeschichte Münchens vom 15. bis ins 19. Jahrhundert.
Das Werk ordnete die Bilder chronologisch und erschloss sie mit Beschreibungen. Es war daher nicht mit einem bloßen Ausstellungskatalog zu verwechseln, sondern zugleich ein Nachschlagewerk zur Münchner Stadtgeschichte. Bibliothekskataloge weisen die Ausgabe von 1876 heute digital nach; der erste Band zählt VIII und 253 Seiten. Die Veröffentlichung machte einen Bestand sichtbar, den noch längst nicht alle Interessierten im Original sehen konnten.
Nach Maillingers Tod erschien 1886 eine weitere Folge aus seinem Nachlass, bearbeitet von August Maillinger. Dieser vierte Band gehört zur Geschichte des Bestandes, darf aber nicht als noch von Joseph selbst 1886 verfasste Veröffentlichung beschrieben werden.
[6] · Bibliografischer Nachweis von Band I (1876)
Eine Lotterie für die Erinnerung an München
Mit seiner Sammlung stellte Maillinger die Stadt vor eine große Gelegenheit – und ein Finanzierungsproblem. Eine so umfangreiche, bereits geordnete Bilderchronik war teuer. Nach der Darstellung des Münchner Stadtmuseums kam sie mithilfe einer von Münchner Bürgerinnen und Bürgern finanzierten Lotterie in städtischen Besitz. Hier sammelte nicht nur ein einzelner Liebhaber: Die Stadtgesellschaft beteiligte sich daran, ihre eigene Vergangenheit zu sichern.
Der Münchner Museumshistoriker Thomas Weidner beschreibt eine mehrstufige Geschichte: Maillinger bot die Sammlung 1876 zum Kauf an; nach schwierigen Verhandlungen konnte die Stadt sie 1879 erwerben. Vollständig abgeschlossen war die Übernahme nach dieser Darstellung erst 1889. Das erklärt, weshalb verschiedene historische Darstellungen unterschiedliche Jahre nennen. Die beiden Daten stehen nicht notwendigerweise im Widerspruch: Sie können Hauptbestand und späteren Nachlasszuwachs bezeichnen.
Schwammbergers Fürther Lexikon nennt sogar den 6. Februar 1879 als Übergang in den Besitz der Stadt. Dieses genaue Datum ist als historische Sekundärüberlieferung interessant; ohne die städtischen Kauf- und Lotterieakten sollte es aber nicht als selbst geprüfter Vertrags- oder Auszahlungstermin ausgegeben werden. Maillinger starb am 19. September 1884 in München, also vor dem abschließenden Erwerb von 1889.
Eine spätere historische Ausstellungsüberlieferung spricht außerdem von einem weiteren Ankauf aus Maillingers Nachlass durch die Stadt. Kaufpreis, Eigentumsübergang und Umfang einzelner Nachlassgruppen sind anhand der ursprünglichen Rechnungen und Ratsbeschlüsse noch genauer zu klären.
1880: Die Bilder werden öffentlich gezeigt
Die Sammlung sollte nicht auf Dauer in Schränken verschwinden. Thomas Weidner nennt bereits für 1880 eine Ausstellung zum 700-jährigen Jubiläum des Hauses Wittelsbach als Auftakt einer Folge öffentlicher Präsentationen. Verantwortlich für die Betreuung war der Stadtarchivar Ernst von Destouches, der zugleich die Pläne für ein städtisches Geschichtsmuseum vorantrieb.
Die frühe Museumsgeschichte war also keine geradlinige Erfolgsgeschichte. Die aufwendige Finanzierung und Betreuung der Maillinger-Sammlung band Mittel und Aufmerksamkeit. Weidner weist sogar darauf hin, dass der teure Sammlungserwerb die parallele Planung des neuen Stadtmuseums zeitweise eher bremste als beschleunigte. Die Bilderchronik war zunächst eine eigenständige historische Sammlung, nicht einfach schon das fertige Stadtmuseum.
29. Juli 1888: Ein Museum öffnet im Zeughaus
Am 29. Juli 1888 wurde das Historische Museum der Stadt München offiziell eröffnet. Der Münchner Stadtarchivbericht nennt diesen Tag im Zusammenhang mit dem hundertjährigen Erinnerungsfest für König Ludwig I. Für die Unterbringung wählte die Stadt das spätgotische Zeughaus am St.-Jakobs-Platz. Wo zuvor Waffen und Ausrüstungsgegenstände der Bürgerwehr aufbewahrt worden waren, sollten nun Zeugnisse der Stadtgeschichte gezeigt werden.

Die historischen Sammlungen bestanden allerdings nebeneinander. Das Münchner Stadtmuseum erläutert ausdrücklich, dass das Historische Stadtmuseum und die Maillinger-Sammlung anfangs als zwei eigenständige Museen präsentiert wurden – unter demselben Dach. Die Aussage, Maillinger habe das Museum allein gegründet, wäre deshalb ebenso verkürzt wie die Behauptung, sein Bestand habe mit dem Museum nichts zu tun.
Ernst von Destouches übernahm bei der Gründung die prägende fachliche Rolle. Nach dem Bericht des Stadtarchivs wurde ihm die Leitung erst 1894 formell übertragen. Im selben Jahr erschien sein 128 Seiten umfassendes Buch Geschichte des historischen Museums und der Maillinger Sammlung der Stadt München. Darin ist bereits der doppelte Ursprung dieser Institution im Buchtitel festgehalten.
Historische Ansicht des Zeughauses, Holzschnitt von 1876 (Bayerische Staatsbibliothek; Public Domain Mark) · [7]
18.000 oder 30.000 Bilder? Die Zahlen richtig lesen
Für Maillingers Sammlungen kursieren zwei besonders häufig genannte Größenordnungen. Die Abteilung Graphik & Gemälde des heutigen Münchner Stadtmuseums spricht von rund 18.000 Blättern der von Maillinger angelegten Bilder-Chronik. Die Museumsdarstellung zur Gründung nennt dagegen 30.000 grafische Blätter für den in städtischen Besitz gelangten Bestand. Auch der Fachaufsatz von Weidner beschreibt den zum Verkauf angebotenen Komplex mit mehr als 30.000 Blättern.
Hier ist Zurückhaltung nötig: Die Quellen bezeichnen offensichtlich nicht durchweg dieselbe Zähleinheit, denselben Zeitpunkt oder denselben Bestandsteil. Die 18.000 Blätter dürfen deshalb nicht stillschweigend in 30.000 umgerechnet werden. Eine sichere Auflösung würde alte Kataloge, Zugangsbücher und die Nachlassübernahme von 1889 erfordern.
Heute umfasst die Sammlung Graphik und Gemälde nach Museumsangaben etwa 250.000 Zeichnungen und Druckgrafiken. Das ist der über lange Zeit gewachsene Gesamtbestand, keineswegs die Zahl der von Maillinger allein gesammelten Bilder. Die große Differenz zeigt gerade, wie stark die späteren Bestände erweitert wurden.
Vom Buchhalter zum Kunsthändler: Das Münchner Geschäft seit 1859
Eine Bilderchronik mit Tausenden Blättern entstand nicht außerhalb des Wirtschaftslebens. Der Fürther Joseph Maillinger arbeitete in München zunächst als Buchhalter, bevor er 1859 die Montmorillon’sche Kunst- und Antiquitäten-Handlung übernahm. Die ältere Firma blieb im Namen sichtbar: Zeitgenössische Kataloge nennen die Montmorillon’sche Kunst- und Antiquitäten-Handlung (Jos. Maillinger). So lässt sich der Geschäftsmann zwischen Kunsthandel, Auktionswesen und der privaten Leidenschaft für Münchner Ansichten genauer verorten. Die kunsthistorische Forschung beschreibt dabei ausdrücklich den Übergang von Ludwig Albert von Montmorillon, der bereits 1854 verstorben war, auf Maillinger; seine neue Stellung war also mehr als die Fortführung eines bloßen Firmenschildes. [9]
Zum Geschäft gehörten Zeichnungen, Kupferstiche, Radierungen, Kunstgegenstände und Nachlässe. Die Kataloge machen seine Tätigkeit auch unabhängig von späteren biografischen Erzählungen greifbar. Beispielsweise kündigte sein Unternehmen für 1872 eine Auktion mit 1.311 Katalogpositionen aus dem Besitz des Wiener Juristen Edmund J. Posonyi an. Edmund bezeichnete den Dürer-Sammler Alexander Posonyi ausdrücklich als seinen Bruder. Damit begegnen uns zwei verwandte, aber unterschiedliche Sammlungen. Bereits 1867 war eine Versteigerung der Dürer-Sammlung Alexander Posonyis unter Maillingers Leitung geplant; sie fand nach der späteren Provenienzforschung nicht in dieser angekündigten Form statt, weil der Bestand noch 1867 geschlossen an Auguste Anatole Hulot ging. [10][11]
Auch die räumliche Geschichte der Kunsthandlung ist weniger eindeutig, als eine einzelne Adresse vermuten lässt. Das Forschungsregister German Sales führt das Unternehmen unter Karlsplatz 15; ein später beschriebenes Auktionslokal erscheint unter Karlsstraße 21. Diese Angaben werden hier nicht zu einer vermeintlich sicheren Umzugschronologie zusammengesetzt. Laden, Auktionsraum und verschiedene Jahre können sich unterscheiden. Entscheidend sind die datierten Originaladressbücher und Katalogtitelseiten. Ein Schreiben des Sammlers Bernhard Hausmann von 1862 sowie mehrere an Maillinger gerichtete Briefe des Malers Andreas Müller zwischen 1863 und 1867 sind in Kalliope verzeichnet. Solange die Briefe selbst nicht gelesen sind, belegen sie Kontakte, aber keine bestimmten Geschäfte oder persönlichen Freundschaften. [12]
Nach dem Tod: Die Sammlung wird weiter gezeigt
Maillinger starb 1884. Dass seine Bilder dennoch keineswegs nur in ein abgeschlossenes Magazin gelangten, zeigen die historischen Ausstellungskataloge des Münchner Stadtmuseums. In den 1890er-Jahren veranstaltete die Stadt Serien, die unterschiedliche Epochen, historische Persönlichkeiten und Alltagsereignisse sichtbar machten. Der erhaltene Katalog zur dritten Nachlass-Ausstellung von 1899 ist dabei besonders aufschlussreich: Er unterscheidet Ausstellungsnummern von den tatsächlich vorgeführten einzelnen Blättern. Für die zweite Nachlassreihe 1898/99 nennt die Vorbemerkung 618 Nummern bei ungefähr 1.200 Blättern, für die dritte Reihe 967 Nummern bei ungefähr 1.370 Blättern. Die Nummern sind daher keine schlichte Zählung von Objekten. [13]
Die Themen reichen weit über berühmte Künstler hinaus. Der Katalog von 1899 verzeichnet unter Nummer 127 eine Folge von 18 Blättern zu einem historischen Festzug von 1858. Unter Nummer 148 folgt ein Holzschnitt über den Einsturz eines Neubaus im Juli 1877 und das Unglück dreier Mörtelträgerinnen. Ein Oktoberfest-Heimzug, Einladungsblätter und illustrierte Programme gehörten ebenfalls zum Ausstellungsspektrum. Hier wird das sozialgeschichtliche Potenzial der Bilder-Chronik deutlich: Sie bewahrte nicht nur das Aussehen von Palästen, sondern auch den Alltag von Arbeit, Festkultur und bürgerlichen Vereinen. Die historischen Katalogtexte sind Belege dafür, was die Ausstellung beschrieb; eine unabhängige Prüfung der Unfälle oder jedes einzelnen Bildes ersetzen sie nicht. [13]
1901 bis 1910: Zehn Serien und ein wachsendes Geschichtsmuseum
Der Schritt ins 20. Jahrhundert lässt sich ungewöhnlich gut nachvollziehen. Die Universitätsbibliothek Heidelberg verzeichnet eine Folge von zehn thematischen Ausstellungsserien zwischen 1901 und 1910. Zunächst ging es um Münchens Geschichte von der Entstehung der Frauenkirche bis 1726 (1901), um die Kurfürstenzeit 1726 bis 1799 (1902) und um die Epoche Maximilian Josephs von 1799 bis 1825 (1903). Eine Folge mit Künstlerarbeiten schloss sich 1904 an. Gerade der Titel von 1905 ist eine Warnung vor zu groben Zuschreibungen: Die Schau wurde ausdrücklich aus der Maillinger-Sammlung und aus Beständen des Historischen Stadtmuseums zusammengestellt. Nicht jedes ausgestellte Bild kann deshalb automatisch Maillinger als persönlichem Sammler zugerechnet werden. [14]
Die Reihe setzte sich 1906 mit Schützen- und Jagdwesen, 1907 mit Ludwig I. und seinen Zeitgenossen und 1908 mit dem Stadtjubiläum von 1858 fort. 1909 rückten noch einmal Künstlerarbeiten aus der Zeit Ludwigs I. ins Zentrum, 1910 das hundertjährige Jubiläum des Oktoberfestes beziehungsweise Zentral-Landwirtschaftsfestes. So wurde die Sammlung über Jahre hinweg immer neu zusammengestellt. Ihre Bedeutung liegt auch darin, dass spätere Museumsmacher an ihr wechselnde Fragen stellten: Wie sah eine Stadt früher aus? Welche Feste und Berufe prägten sie? Wie veränderten sich Stadtbild und Öffentlichkeit? Die Katalogtitel belegen die Ausstellungsprogramme, aber keine genauen Besucherzahlen und keine lückenlose Liste sämtlicher tatsächlich gezeigten Objekte. [14]
Eine weitere Spur bietet der Magistratsbeschluss vom 28. Dezember 1899, den ein städtischer Ausstellungskatalog von 1903 wiedergibt. Danach sollte die chronologische Bilderfolge fortgesetzt und um Sonderausstellungen ergänzt werden. Das ist eine zeitgenössische, schriftliche Überlieferung des Beschlussinhalts, nicht die eigenständige Einsicht in das originale Sitzungsprotokoll. Maillinger selbst war zu diesem Zeitpunkt längst verstorben. [15]
Zwei Bilder-Chroniken – die Verwechslungsgefahr mit Philipp Pfister
Die Münchner Bilderwelt kann noch durch eine zweite Sammlergeschichte schärfer verstanden werden. Der Regierungsrat Philipp Pfister legte ebenfalls eine umfangreiche Sammlung städtischer Ansichten und historischer Grafiken an. Sein Bestand war aber nicht identisch mit Maillingers Bilder-Chronik. Der 1888 erschienene Katalog Kunstsammlung Pfister München wird bibliografisch mit 287 Seiten erschlossen. Im Vorwort beschrieb Franz Reichardt die Sammlung als Ergänzung und Fortsetzung der städtischen Maillinger-Sammlung: Bereits diese Unterscheidung verbietet es, Bilder allein aufgrund ähnlicher Motive in Maillingers Eigentum umzubuchen. Der überlieferte Vorworttext liegt vorerst in Transkription vor, nicht als hier vollständig überprüftes Faksimile. [16]
Auch die spätere Provenienz trennte sich. Eine Münchner Nachricht von 1890 bezeichnete die Pfister-Sammlung als Besitz seiner Witwe; 1904 kündigte das Auktionshaus Hugo Helbing ihre Versteigerung an. Der digitale Auktionskatalog reicht bis zur Losnummer 1730; ein annotiertes Auktionshaus-Exemplar enthält sogar Gebote, Käufer und Zuschlagspreise. Das ermöglicht künftig die Untersuchung einzelner Werkwege. Aus einer Losnummer folgt weder, dass der Gegenstand verkauft wurde, noch, dass er irgendwann zur Maillinger-Sammlung gehörte. Diese Quellentrennung ist besonders wichtig, wenn Bilder zur Geschichte Fürths, Münchens und ihrer Kunsthändler miteinander verknüpft werden. [17]
Ein einzelnes Blatt als Forschungsfrage: Galvanographie II/2381
Wie aus einer breit angelegten Bilder-Chronik eine präzise Objektforschung werden kann, zeigt ein Hinweis des Kunsthistorikers Rainer Schoch. Er nennt in einer Buchbesprechung von 1994 eine Galvanographie von Leo Schöninger nach August Riedel, geführt in der Maillinger-Sammlung unter der Inventarreferenz II/2381. Das ist ein konkreter Ansatz zur Recherche im Münchner Museum. Die Besprechung ersetzt jedoch nicht die Prüfung der Inventarkarte oder des Blattes; auch die Identifizierung des Motivs bleibt vorsichtig. Das kleine Beispiel erinnert daran, dass hinter den großen Sammlungszahlen einzelne Werke mit eigener Technik, Urheberschaft und Provenienz stehen. [18]
Familie, Nachlass und die noch offenen Verbindungen
Ein Staatsarchiv-Findmittel nennt im Familienarchiv von Schiber unter den Nummern 422 und 426–428 Stammbäume und Materialien zum bayerischen Maillinger-Zweig. Eine darin belegte Familienverbindung zum Kunsthändler ist damit noch nicht festgestellt. Besonders zu trennen ist Joseph Maillinger (1831–1884) von einem älteren Joseph von Maillinger (1784–1856) im bayerischen Staatsdienst. Auch ein namensverwandtes Augsburger Kunst- und Musikaliengeschäft des August Maillinger ist nicht allein aufgrund des Namens mit der Münchner Kunsthandlung oder deren Nachlass identisch. Für eine verbindliche Familien- und Firmenchronologie sind Urkunden, Handelsregister und Inventarakten erforderlich. [19]
Die Geschichte des Fürthers endet damit nicht beim Verkauf einer berühmten Sammlung. Sie verbindet das Kunsthandelsgewerbe des 19. Jahrhunderts, den Aufbau städtischer Museen und die heutige Quellenkritik an Inventaren. Gerade das Nebeneinander gesicherter Drucke, archivarischer Findmittel und noch ungeprüfter Werküberlieferung macht Maillingers Lebensweg historisch ergiebig.
Die Bilder überdauern ihren Sammler
Joseph Maillinger erlebte die Museumseröffnung von 1888 nicht mehr. Doch seine Sammlung blieb eine der Grundlagen für die Beschäftigung mit Münchens Stadtgeschichte. Stadtansichten machen Straßenverläufe und verschwundene Gebäude sichtbar. Porträts geben Menschen der Vergangenheit ein Gesicht. Pläne und Architekturzeichnungen lassen erkennen, was gebaut wurde, was verändert wurde – und was vielleicht nur geplant war.
Dieser Nutzen hat eine Kehrseite. Wie der Münchner Stadtarchivbericht heute kritisch erläutert, wurden bei der frühen Museumsarbeit auch Pläne aus archivischen Zusammenhängen gelöst und der Grafiksammlung zugeführt. Das konnte den ursprünglichen Entstehungskontext der Dokumente verdecken. Die moderne Forschung muss deshalb nicht nur Bilder identifizieren, sondern auch ihre Provenienz rekonstruieren.
Für Fürth liegt die Pointe dieser Lebensgeschichte auf der Hand: Ein Mann, der am Fürther Marktplatz geboren wurde, hinterließ seiner späteren Wirkungsstadt eine visuelle Erinnerung von außergewöhnlicher Dauer. Seine Bilder-Chronik machte München für die Nachwelt lesbar. Die sorgfältige Suche nach seiner Fürther Familie und den einzelnen Erwerbungsvorgängen kann diese Geschichte noch vertiefen.
Quellen und Nachweise
- [1]Adolf Schwammberger: Fürth von A bis Z. Ein Geschichtslexikon, 1968, Eintrag „Maillinger“, S. 255 (digitalisierte Textfassung); Fürther Geburt, Adresse, Vater, Datierung 1879.
- [2]Münchner Stadtmuseum: Graphik & Gemälde; 18.000 Blätter der Bilder-Chronik, Künstler und heutiger Bestand.
- [3]Münchner Stadtmuseum: Geschichte des Münchner Stadtmuseums; Bürgerlotterie, 30.000 Blätter, Zeughaus, Museumseröffnung und institutionelle Trennung.
- [4]Thomas Weidner: Erfundene Traditionen und historische Hypotheken, in Museum heute 32 (2007), insbesondere S. 45–46; Kaufangebot 1876, Erwerb 1879/1889 und Ausstellung 1880.
- [5]Stadtarchiv München: Tätigkeitsbericht 2017/2018, veröffentlicht 2020, S. 11–12; Museumseröffnung am 29. Juli 1888, Amtsübertragung 1894 und archivische Provenienzprobleme.
- [6]Joseph Maillinger: Bilder-Chronik der Königlichen Haupt- und Residenzstadt München, 1876, drei Bände; bibliografischer Nachweis digitalisierter Exemplare.↩ Zur Textstelle
- [7]Ernst von Destouches: Geschichte des historischen Museums und der Maillinger Sammlung der Stadt München, München 1894, Bayerische Staatsbibliothek, Digitalisat und Titelbeschreibung.↩ Zur Textstelle
- [8]Münchner Personenverzeichnis: Joseph Maillinger; ergänzende biografische Daten, unter Rückgriff auf ältere Sekundärliteratur.
- [9]Ruth Negendanck: Die Galerie Ernst Arnold in Dresden, Weimar 1998, S. 21, zum Übergang der Montmorillon’schen Kunsthandlung (1859); Buchvorschau.
- [10]Montmorillon’sche Kunst- und Antiquitäten-Handlung (Jos. Maillinger): Catalog der ausgezeichneten Sammlung von Kupferstichen ... des Herrn Edmund J. Posonyi, München 1872, Digitalisat bei der UB Heidelberg.
- [11]Maillinger: Dürer-Katalog von 1867, Titelblatt und Nachtrag; Staatliche Museen zu Berlin: „Dürer für Berlin“, Ausstellungstexte 2023, Posonyi-Hulot-Überlieferung.
- [12]German Sales: Montmorillon’sche Kunst- und Antiquitäten-Handlung, Körperschaft GND 16035976-4; Hausmann-Brief 1862 und Müller-Briefe 1863–1867, jeweils archivalische Metadaten, nicht gelesene Briefinhalte.
- [13]Historisches Stadtmuseum München: Historische Ausstellung aus der Maillinger-Sammlung, III. Serie der Nachlass-Sammlung, 1899, Katalognachweis und Digitalisat; Stück- und Blattzählungen aus zeitgenössischer Vorbemerkung.
- [14]Universitätsbibliothek Heidelberg: Verzeichnis der Historischen Ausstellungen der Stadt München, Einzelserien 1901–1910, 10.11588/diglit.62744; Katalogtitel belegen Programme, nicht vollständige Ausstellungsobjekte.
- [15]Historisches Stadtmuseum München, Vorwort der Ausstellungsserie 1903, Wiedergabe eines Magistratsbeschlusses vom 28. Dezember 1899; Originalprotokoll nicht eingesehen.
- [16]Franz Reichardt: Kunstsammlung Pfister München, München 1888, transkribiertes Vorwort von 1888 und Bibliografie; Originalfaksimile des Vorworts ausstehend.
- [17]Hugo Helbing: Kunstsammlung des Ph. Pfister, München 1904, annotiertes Auktionshausexemplar und unannotierter Katalog, UB Heidelberg; Angebote sind keine sicheren Einzelverkäufe.
- [18]Rainer Schoch: Besprechung, in: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg 81 (1994), S. 302, Textübertragung; Inventarhinweis II/2381, noch keine Originalinventarprüfung.
- [19]Staatsarchiv München: Familienarchiv von Schiber, Nr. 422 und 426–428; gesonderter Eintrag Joseph von Maillinger (1784–1856). Archivfindmittel sind keine gelesenen Personenakten.
Auch lesen: Die Dürer-Auktion, die nicht stattfand – Maillinger und Posonyi 1867