Stadt Fürth

Ernst (Ernest) Caspary (1896–1942) – Kaufmann, Vater und Opfer der Deportation

Forschungsentwurf, nicht zur öffentlichen Publikation freigegeben. Family v525 + Wikimedia Commons Quellen im Text. Alle abweichenden Datierungen und Verwandtschaftszuschreibungen stehen unter Quellenprüfung.

Cité de la Muette / Drancy, Aufnahme 2006
Cité de la Muette, ehemaliges Internierungslager Drancy; heutiges Ortsbild (Foto Jpcuvelier, CC BY-SA 4.0). Original-Bildseite (CC BY-SA 4.0). Kein Foto der Familie Caspary; Dateiname 2016, Commons-Metadaten unterscheiden sich, Datierung nicht als sicher behaupten

Eine Person zwischen deutschen und französischen Akten

Cité de la Muette, ehemaliges Internierungslager Drancy; heutiges Ortsbild (Foto Jpcuvelier, CC BY-SA 4.0). Quelle: Wikimedia Commons. Lizenz.

Bei der Rekonstruktion von Ernst Casparys Leben kommt es auf eine scheinbare Kleinigkeit an: In der 1994 veröffentlichten französischen amtlichen Bekanntmachung erscheint er als „Caspary (Ernest)“. Der Erlass nennt als Geburtsort Quedlinburg, als Geburtstag den 11. Juli 1896 und als Todesangabe 1. Dezember 1942, Auschwitz. Die deutsche Familienbiografik führt ihn unter der Schreibweise Ernst Caspary. Die Verbindung der Angaben wird durch Herkunft, Familie und Verfolgungskontext gestützt, muss aber bei Originalregisterabgleichen immer auch die französische Namensform berücksichtigen. 1 2

Die Quelle ist außergewöhnlich konkret, jedoch quellenkritisch genau zu beschreiben. Frankreich ordnete mit dem Erlass vom 1. März 1994, veröffentlicht im Journal officiel am 9. April, die Ergänzung des Sterbeeintrags um die rechtliche Bezeichnung „Mort en déportation“ an. Damit ist ein amtlicher Sterbedatensatz belegt, nicht zwingend eine zeitgenössische Augenzeugenfeststellung des tatsächlichen Todestages. Diese Differenz ist insbesondere bei Deportationsopfern wichtig. Ein im Familienmaster gedrucktes Datum sollte daher als amtlich eingetragener Todestag und nicht als unmittelbar beobachteter Zeitpunkt erscheinen. 1

Kaufmann und Ehemann einer Fürtherin

Ernst war Kaufmann und heiratete Sophie Gertrude Krautheimer, die am 29. Mai 1900 in Fürth geboren worden war. Die Deutsche Biographie nennt Nürnberg als beruflichen Bezugspunkt. Die Verbindung brachte ihn in ein weitverzweigtes Fürther Netzwerk: Sophies Vater Nathan Krautheimer betrieb einen Großhandel mit Kurz- und Schuhwaren; ihre Mutter Martha stiftete nach dessen Tod die Krautheimer-Krippe; ihr Bruder Richard wurde Kunsthistoriker. Ernst darf trotzdem nicht ohne Registereintrag als Teilhaber der Krautheimer- oder Berneis-Unternehmen geführt werden. Seine eigene Kaufmannstätigkeit ist bisher nur allgemein nachgewiesen. 2 3

Das Paar hatte einen Sohn, Gerard Ernest Caspary, geboren am 10. Januar 1929 in Frankfurt am Main. Zwischen den Fürther Herkunftsverbindungen der Mutter, dem Frankfurter Geburtsort des Kindes und dem späteren Aufenthalt in Frankreich liegen mehrere Wohn- und Berufsstationen, die noch nicht in einer lückenlosen Aktenkette dokumentiert sind. Ein Forschungsauftrag an die Melde- und Handelsregister in Nürnberg und Frankfurt ist darum konkreter als die pauschale Formulierung, die Familie habe „in Süddeutschland gelebt“. 2 4

Flucht nach Paris

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flohen Ernst, Sophie und ihr Sohn 1933 nach Paris. Die Gedenkschrift der University of California nennt Frankreich als neue Lebensumgebung des Kindes. Aus der Rückschau des Sohnes lässt sich erkennen, dass die Flucht nicht in Sicherheit mündete. Die deutsche Besetzung und antisemitische Verfolgungsmaßnahmen erfassten auch jüdische Flüchtlinge in Frankreich. Ernst und Sophie wurden 1942 verhaftet und in die Deportationsmaschinerie überführt. Bei der exakten Datierung von Festnahme, Zwischenstationen und Transport darf man unterschiedliche Kurzbiografien nicht ohne personenbezogene Listen zusammenziehen. 4 5

Das Durchgangslager Drancy bei Paris war einer der zentralen Orte der Deportation jüdischer Menschen aus Frankreich. Dort wurden Menschen vor ihrem Weitertransport unter Zwang festgehalten. Das United States Holocaust Memorial Museum dokumentiert die Funktion des Lagers und den Weg vieler Transporte nach Auschwitz. Für Ernst und Sophie ist Drancy in der Familienüberlieferung belegt; welcher konkrete Transport ihnen zugeordnet werden muss, bedarf einer Prüfung ihrer namentlichen Lagerkarten oder der Deportationsliste. Allgemeine Zahlen über das Lager können individuelle Originalbelege nicht ersetzen. 2 6

Zwei amtliche Sterbedaten, eine zerstörte Familie

Für Ernst nennt der französische Erlass 1. Dezember 1942; für Sophie weist ein anderer französischer Erlass aus dem Jahr 2022 den 11. November 1942 als Todesangabe aus. Die verschiedenen Daten sind ein eindeutiger Warnhinweis gegen das bisherige Schema „beide starben am selben Tag“. Zugleich lassen sie die Frage offen, welche individuelle Überlieferung oder rechtliche Feststellung jeweils zugrunde lag. Bevor aus den Daten ein präziser Ablauf abgeleitet wird, sind die jeweiligen Sterbeakte, Transportlisten und die zugrunde liegenden administrativen Verfahren zu prüfen. Beide wurden in Auschwitz ermordet; die amtlichen Eintragungen gehören sichtbar in ihre einzelnen Biografien. 1 7

Der Sohn Gerard entging der Deportation und überlebte als verstecktes Kind in Südfrankreich. Die UC Berkeley nennt die Unterstützung durch die Familie Westheimer und andere Helfende. Später nahm sich sein Onkel Richard Krautheimer seiner an und unterstützte seine Ausbildung in den USA. Ernsts Lebensgeschichte endet deshalb nicht allein in einem Registereintrag über den Tod; sie berührt Rettung, Verlust und die Lebensgeschichte eines Sohnes, der als Historiker selbst Fragen der Erinnerung bearbeitete. Allerdings darf man dessen späteren wissenschaftlichen Erfolg nicht zum Ausgleich für die Ermordung der Eltern stilisieren. 4 5

Quellenkritik und nächste Schritte

Zur Person selbst fehlen weiterhin eine unabhängig eingesehene Quedlinburger Geburtsurkunde, Heiratsakte, Firmennachweise, Pariser Meldekarten und die individualisierte Deportationsliste. Die französische Rechtspublikation ist eine wertvolle amtliche Quelle, aber sie bietet weder eine vollständige Biografie noch eine sichere Beschreibung aller letzten Lebenswochen. Besonders relevant wären die französischen Akten hinter dem Mort-en-déportation-Eintrag. Die Recherchen sollten unter Ernst / Ernest Caspary und Sophie / Gertrude Caspary, geb. Krautheimer laufen. 1 7

Nachrecherche: die Vorfahren und der letzte dokumentierte Weg

Ein ungewöhnlich detaillierter familiengeschichtlicher Bericht des Forschers David B. Marblestone verbindet Ernst mit Cesar Caspary und Agnes (Alice) Hahn, seinen Eltern. Danach wurde Alice im Jahr 1872 in St. Louis geboren; ihr Vater war Ferdinand Hahn, ihre Mutter Jette, geborene Oberndorfer. Nach dem Tod des Vaters kehrte der Familienzweig aus Amerika nach Bayern zurück. Cesar und Alice lebten später in Coburg; ihre Kinder werden als Else und Ernst genannt. Die Datierungen beruhen auf einer publizierten, mit Belegnotizen versehenen Familienzusammenstellung und sind als solche zu kennzeichnen. 8

Für Ernst und Sophie gibt dieselbe Quelle eine Hochzeit im Juni 1923, die Flucht nach Paris im April 1933 und die Überstellung nach Drancy im Oktober 1942 an. Neu hinzu kommt die städtische Erinnerung von Sèvres: Sie bezeichnet die beiden als Geschäftsleute aus Binelles-Eiffel und nennt den Transport Nr. 42 vom 6. November 1942. Damit gibt es einen präzisen nächsten Prüfweg in Arolsen-Sammlungen mit Transport- und alphabetischen Listen. Die Aufnahme in diese Archive als einzelne Zeile ist zwar plausibel, wurde hier noch nicht durch Sichtung der betreffenden Originalseiten verifiziert. 8 9 10

Eine neue Quellenabweichung beim Geburtstag darf nicht übersehen werden: Die 1998 zusammengestellte, auf dem Server des US Holocaust Memorial Museum bereitgestellte Liste Germans, Swiss and Austrians Deported from France druckt für „Caspary, Ernest“ 11/4/96 (11. April 1896), während der amtliche französische Rechtsakt 11. Juli 1896 nennt. Diese einzelne Transkription ist keine ausreichende Grundlage, den rechtlich belegten Geburtstag zu ändern; der Fall gehört in die Geburtsregisterprüfung in Quedlinburg. 1 11

Quellen und Nachweise

<a id="quelle-1"></a> [1] Légifrance, Erlass vom 1. März 1994, *Journal officiel* 9. April 1994. Amtlicher Geburts- und Todeseintrag Ernst/Ernest Caspary.

<a id="quelle-2"></a> [2] Deutsche Biographie, Genealogie Richard Krautheimer. Ernst und Sophie im Familienzusammenhang, Verfolgung.

<a id="quelle-3"></a> [3] Haus der Bayerischen Geschichte, Martha Krautheimer. Familien- und Fürther Unternehmerkontext.

<a id="quelle-4"></a> [4] UC Senate, Gerard Ernest Caspary – In Memoriam. Zeitzeugennahe Nachrufüberlieferung zu Sohn und Eltern.

<a id="quelle-5"></a> [5] UC Berkeley, Nachruf 9. April 2008. Familienflucht und Versteck des Sohnes.

<a id="quelle-6"></a> [6] USHMM, Drancy. Allgemeiner Lager- und Deportationskontext, keine Einzelakte.

<a id="quelle-7"></a> [7] Légifrance, Erlass vom 12. April 2022. Amtliche Todesangabe Sophie Caspary.

<a id="quelle-8"></a> [8] David B. Marblestone, Familiengeschichte Hahn–Oberndorfer (2008), S. 1–5. Vorfahren, Eheschließung, Flucht und Internierung als Familienüberlieferung. <a id="quelle-9"></a> [9] Stadt Sèvres, *Le Sévrien*, April 2022. Konvoi Nr. 42, Wohnviertel, Beruf. <a id="quelle-10"></a> [10] Arolsen Archives, Sammlung 1434000. Transportliste Nr. 42 als Bestandsnachweis, Personeneintrag offen. <a id="quelle-11"></a> [11] USHMM, Liste Peter W. Landé (1998). Abweichender Geburtstag 11/4/96 in Sekundärtranskription.

Redaktionsstand: Forschungsentwurf. Eintrag im Journal officiel ist ein amtlicher Quellenbeleg; individuelle Sterbe- und Deportationsakten sind nicht selbst eingesehen.

Bild- und Filmnachweise zum historischen Umfeld

Bildredaktion: Historischer Gegenstand und Lizenzstatus werden separat geprüft; Kontextfotos sind keine Porträts der genannten Personen. Die verlinkten Videos sind keine Caspary-Filmaufnahmen.

Bildquellen, Sammlungen und Kontextmaterial

Vertiefte Quellenprüfung

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