Fürther Sportgeschichte
Mehr als ein Olympiasieger: die Fürther Gehergruppe
Bernd Kannenbergs Olympiasieg von 1972 ist der bekannteste Fürther Gehererfolg. Zur Geschichte gehören auch Herbert Meiers später Einstieg, Alwin Reng und Meisterschaften, bei denen die Mannschaft als Ganzes zählte.
In diesem Artikel 13 Kapitel und Abschnitte
Ein Anfang jenseits der dreißig
Herbert Meier begann 1969 im Alter von 35 Jahren mit dem Wettkampfgehen. Zuvor hatte er Ausdauer beim Laufen entwickelt. Der Verbandsrückblick von Bertram Böhm nennt ihn den Gründer der Fürther Geherbewegung. Bereits 1970 wurde er deutscher Vizemeister über 50 Kilometer. Seine Entwicklung zeigt, dass die Gruppe auch aus sportlichen Umwegen und einem ungewöhnlich späten Wechsel der Disziplin entstand. [2]
Die Mannschaft neben dem Einzelstar
1972 gewann Meier mit Bernd Kannenberg und Alwin Reng die deutschen Mannschaftstitel über 20 und 50 Kilometer. Für Meier blieb dennoch eine Enttäuschung: Sein fünfter Platz bei der deutschen 50-Kilometer-Meisterschaft reichte nicht zur Olympianominierung. Die Teamleistung und die Auswahl für ein internationales Einzelrennen folgten unterschiedlichen Maßstäben. Ein Vereinskollege konnte deutscher Mannschaftsmeister sein und die Spiele trotzdem verpassen. [2]
1971: Meier vor Kannenberg
Ein Blick auf die deutsche Meisterschaft von 1971 korrigiert den Eindruck, Kannenberg habe seine Vereinskameraden jederzeit überragt. In Achern-Önsbach gewann Bernhard Nermerich aus Frankfurt das 50-Kilometer-Rennen. Meier wurde Zweiter, Kannenberg Dritter und Reng Sechster. Die veröffentlichte Ergebniszusammenstellung nennt für die drei Fürther 4:15:51,4, 4:20:11,6 und 4:28:40,4 Stunden. Zusammen ergeben diese Zeiten 13:04:43,4 Stunden – das dort ausgewiesene Mannschaftsergebnis. Die Teamwertung macht damit eine Leistung sichtbar, die sich nicht im Sieg eines Einzelnen erschöpft. Rengs sechster Platz war für den Mannschaftserfolg ebenso Teil der Rechnung wie die beiden Medaillenplätze. Für das Verständnis der Gruppe zählt deshalb nicht nur, wer später Olympiasieger wurde. [4]
Vier Fürther vorn – und ein Titel im eigenen Ort
Die bayerische Meisterschaft über 20 Kilometer am 11. Mai 1972 in Mühldorf zeigt die Breite der Gruppe besonders deutlich. Vier Fürther belegten die ersten vier Plätze. Die ersten drei bildeten zugleich das siegreiche Team mit 4:39:16,0 Stunden. Diese Zeit gehört zur bayerischen Meisterschaft und ist von der deutschen Mannschaftsmeisterschaft desselben Jahres zu unterscheiden.
| Platz | Athlet | Zeit |
|---|---|---|
| 1 | Bernd Kannenberg | 1:28:36,0 |
| 2 | Dr. Herbert Meier | 1:32:36,0 |
| 3 | Alwin Reng | 1:38:04,0 |
| 4 | Dr. Werner Hupfeld | 1:39:14,0 |
Am 15. Oktober 1972 gewann Meier dann die bayerische 50-Kilometer-Meisterschaft in Fürth in 4:15:19,2 Stunden vor Vereinskamerad Josef Wimmer. Mit Werner Hupfeld holten beide außerdem den Mannschaftstitel. Der Erfolg macht die Gruppe auch unabhängig vom Olympiasieger sichtbar. [1]
Kannenbergs außergewöhnliches Jahr
Auch Kannenbergs Weg zur Weltspitze verlief rasch. World Athletics datiert seinen Beginn mit leistungsorientiertem Gehtraining auf 1969. Am 27. Mai 1972 erreichte er in Bremen über 50 Kilometer eine Weltbestleistung. Das zeitgenössische BLV-Jahrbuch verzeichnet 3:52:44,6 Stunden; die spätere Darstellung des Weltverbands gibt 3:52:45 wieder. Diese Bestzeit lag vor dem Olympiasieg und war ein anderes Rennen. [1] Im Münchner Finale am 3. September setzte er sich nach etwa 35 Kilometern von Wenjamin Soldatenko ab und gewann mit olympischem Rekord; der Weltverband nennt die auf volle Sekunden wiedergegebene Zeit 3:56:11. [3]
Die olympische Entscheidung in Zahlen
Die detaillierte olympische Ergebnisübersicht führt Kannenbergs Siegerzeit mit Zehntelsekunden als 3:56:11,6 Stunden. Soldatenko folgte in 3:58:24,0, Larry Young gewann Bronze in 4:00:46,0. Die Differenz zwischen Gold und Silber betrug damit gut zwei Minuten. Die Zwischenzeiten zeigen Kannenberg und Soldatenko über weite Strecken gemeinsam an der Spitze. Diese Zahlen ergänzen die Erzählung des entscheidenden Vorstoßes, ohne eine nicht belegte Unterhaltung oder Gefühlslage der Beteiligten zu erfinden. Auch die unterschiedlichen Schreibweisen der Zeiten lassen sich erklären: Der auf volle Sekunden verkürzte Nachruf und die Ergebnisliste bezeichnen denselben olympischen Sieg, nicht zwei verschiedene Leistungen. [5]
Gehen ist eine eigene Technik
Für Außenstehende wirkt Wettkampfgehen manchmal wie ein ungewöhnlicher Laufstil. Tatsächlich ist die Fortbewegung selbst Teil der sportlichen Aufgabe. In einer Erläuterung von World Athletics zur Beintechnik beschreiben internationale Spitzengeher, dass das nach vorn gesetzte Bein vom Bodenkontakt bis zur senkrechten Position unter dem Körper gestreckt sein muss. Diese moderne Erklärung hilft, die Eigenständigkeit der Disziplin zu verstehen. Sie wird hier nicht als unveränderter Wortlaut der Regeln von 1972 verwendet. Für die historische Gruppe bleibt der entscheidende Punkt: Ausdauer allein erklärt ihre Leistung nicht. Eine möglichst schnelle Fortbewegung musste mit den jeweils geltenden technischen Anforderungen verbunden werden. [6]
Ein Erfolg, mehrere Lebenswege
Der Olympiasieg machte einen Einzelnen weltbekannt. Die Mannschaftstitel bewahren zugleich die Namen seiner Vereinskameraden. Meier konnte seine sportliche Laufbahn nicht beliebig verlängern: Der Lehrer erhielt nach Böhms Rückblick keine Freistellung von der Schule. 1973 beendete er seine kurze Geherkarriere. Beruf, Lebensalter und Auswahlentscheidungen gehören deshalb ebenso zu dieser Geschichte wie Medaillen. [2]
Die nächste Generation bleibt national erfolgreich
Fürths Gehsportgeschichte endete nicht mit Kannenbergs Olympiasieg. Bei der deutschen 50-Kilometer-Meisterschaft am 19. Mai 1985 in Lippstadt gewann Horst-Joachim Matern für den LAC Quelle in 4:02:39 Stunden. Robert Fritz Mildenberger wurde in 4:03:31 Dritter; dazwischen lag Karl Degener aus Wolfsburg. Die historische Meisterschaftsdatenbank trennt die Athleten und ihre damaligen Vereine ausdrücklich. Das spätere Ergebnis belegt eine fortgesetzte Fürther Präsenz in derselben Ausdauerdisziplin. Daraus folgt noch keine lückenlose gemeinsame Trainingslinie seit 1972. Es zeigt aber, warum die Vereinsgeschichte mehr Namen und mehrere Generationen braucht, wenn sie die Bedeutung des Gehens angemessen darstellen will. [7]
Zwei Maßstäbe für dieselbe Vereinsgeschichte
Olympische Einzelmedaillen und nationale Mannschaftstitel beantworten verschiedene Fragen. Die erste betrifft die stärksten Athleten eines internationalen Rennens. Die zweite zeigt, welche Leistung mehrere Vereinsmitglieder gemeinsam in einer festgelegten Wertung erreichten. Aus der Verbindung beider Perspektiven entsteht ein genaueres Bild des Fürther Sports: eine herausragende Spitze, daneben weitere eigenständige Laufbahnen. Meier und Reng werden damit nicht bloß zu Begleitfiguren Kannenbergs, und die späteren Geher verschwinden nicht hinter dem berühmten Olympiajahr.
Warum die Gruppe eine eigene Geschichte verdient
Eine Einzelbiografie folgt dem Weg eines Menschen. Die Geschichte der Gehergruppe fragt zusätzlich, wie mehrere Laufbahnen an einem Ort zusammenkamen und wie individuelle und gemeinsame Erfolge auseinanderzuhalten sind. Sie verhindert, dass aus dem Olympiasieg rückwirkend eine reine Heldengeschichte wird. Zugleich erklärt sie, warum ein Verein Mannschaftserfolge erinnert, die in der öffentlichen Wahrnehmung hinter olympischem Gold zurücktreten. Dazu gehört auch, Ergebnisse nicht zwischen Wettkampftagen auszutauschen. Kannenbergs Bremer Bestzeit, sein Münchner Olympiasieg und die deutschen Mannschaftswertungen sind jeweils eigene Ereignisse. Erst wenn Ort, Datum und Wertung erhalten bleiben, lässt sich erklären, worin die Leistung der Fürther Gruppe tatsächlich bestand. Die drei Betrachtungsebenen lassen sich nebeneinander lesen: persönliche Entwicklung, Ergebnis eines einzelnen Rennens und langfristige Vereinsgeschichte. Keine davon ersetzt die andere. Zusammen erklären sie, warum sowohl der außergewöhnliche Olympiasieg als auch weniger bekannte Meisterschaftsplätze und beruflich begrenzte Karrieren zum historischen Bild des Fürther Gehens gehören.
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Quellen
- [1]Bayerischer Leichtathletik-Verband: Jahrbuch der bayerischen Leichtathletik 1972/73, S. 8, 33, 50 und 81. Zeitgenössische Verbandsquelle: Bremer Bestleistung, Olympiasieg und bayerische Meisterschaften. Originalscans geprüft (PDF-S. 10, 35, 52 und 83).↩ Zur Textstelle
- [2]Bertram Böhm: Dr. Herbert Meier, der Gründer der Fürther Geherbewegung, wird heute 80, BLV, 9. Februar 2014. Später biografischer Rückblick; für Laufbahn und Mannschaftszusammenhang, nicht zur Ableitung eines exakten Geburtstags verwendet.↩ Zur Textstelle
- [3]World Athletics: 1972 Olympic 50km race walk champion Kannenberg dies, Januar 2021. Verbandsnachruf: Trainingsbeginn, Bremer Bestzeit und olympischer Rennverlauf.↩ Zur Textstelle
- [4]Deutsche Leichtathletik-Meisterschaften 1971/Resultate: 50 km Gehen. Spätere Ergebniszusammenstellung; Einzelzeiten und Mannschaftssumme abgeglichen, kein originales Ergebnisprotokoll.↩ Zur Textstelle
- [5]Olympedia: 50 kilometres Race Walk, Men, München 1972. Detaillierte Ergebnisübersicht mit Zehntelsekunden und Zwischenzeiten.↩ Zur Textstelle
- [6]World Athletics: Way of the walk: straightened leg rule, 2018. Moderne technische Erläuterung, ausdrücklich nicht als historische Regelquelle von 1972 eingesetzt.↩ Zur Textstelle
- [7]Holtermann/Schoch: Deutsche Meisterschaft 50 km Gehen und Gehen Frauen 1985, Event 462. Ergebnisdatenbank für den 19. Mai 1985 in Lippstadt.↩ Zur Textstelle