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Stadtgeschichte · Stadt und Umwelt · 1989–2014

Fürths unsichtbares Erbe: Die Quecksilber-Altstandorte

Wie eine längst vergangene Industrie in den 1990er-Jahren erneut zu einer Aufgabe für die Stadt wurde.

Stufen einer historischen Erhebung von 1991–1993, keine drei zusätzlichen Gruppen und keine aktuelle Gefahrenkarte. Eigene Darstellung nach Stadt Fürth, OA/084/2014.

1989 ergaben Raumluftmessungen im ehemaligen Amtshaus am Kohlenmarkt 3 Hinweise auf Quecksilberbelastungen. Damit rückte ein Erbe der alten Fürther Spiegelherstellung in den Mittelpunkt, das an den Hausfassaden nicht zu erkennen war: Das Metall aus früheren Belegarbeiten konnte in Gebäuden zurückgeblieben sein, deren ursprüngliche Nutzung längst vorüber war. [1]

Von alten Adressbüchern zu modernen Messungen

Die Stadt begann, mögliche frühere Belegstandorte anhand historischer Unterlagen zu erfassen. Zwischen 1991 und 1993 wurden zunächst 264 Verdachtsanwesen identifiziert. Nach ergänzenden Bauaktenprüfungen verblieben 124 Anwesen mit konkreterem Verdacht. Diese wurden orientierend durch Raumluftmessungen untersucht; dabei wurden 45 unterschiedlich mit Quecksilber belastete Objekte bekannt. [1]

Diese drei Zahlen sind Stufen eines Untersuchungsverfahrens und dürfen nicht addiert werden. Eine historische Nennung im Adressbuch bedeutete außerdem noch nicht, dass ein Haus tatsächlich belastet war. Erst die Kombination von Hausgeschichte, Bauakten und Messungen erlaubte eine genauere Bewertung.

Sanieren, obwohl die Verfahren erst entwickelt werden mussten

Die Stadt hielt in ihrem rückblickenden Bericht von 2014 fest, dass Anfang der 1990er-Jahre noch keine etablierten Sanierungsverfahren zur Verfügung standen. Daher wurden 1993 bis 1995 zwei benachbarte Anwesen in der Blumenstraße in einer Modellstudie untersucht und saniert. Die dokumentierten Kosten beliefen sich auf rund 1,38 Millionen Euro; an der Finanzierung beteiligten sich mehrere öffentliche Stellen. [1]

1996 begann ein Förderprogramm zur Untersuchung und Sanierung weiterer Altstandorte, das im Oktober 2004 endete. Die Stadt nannte für das Programm förderfähige Kosten von rund 3,10 Millionen Euro und Fördermittel von rund 1,17 Millionen Euro. Diese Beträge beziehen sich auf die damals beschriebenen Programme, nicht auf alle späteren Sanierungsarbeiten. [1]

Ein Zwischenstand von 2005 – keine Bilanz für heute

Bis Anfang 2005 waren nach städtischer Darstellung in 19 Fällen fachtechnisch dokumentierte Sanierungsmaßnahmen durchgeführt worden. Bei 14 weiteren Objekten waren Sanierungen empfohlen, aber nicht umgesetzt worden; elf weitere Standorte waren noch nicht abschließend abgegrenzt. Zusammen waren damit damals 25 Standorte ohne abgeschlossene Sanierung oder genaue Untersuchung verzeichnet. [1]

Die Quelle berichtete diesen Stand aus der Perspektive des Jahres 2014. Sie ist keine aktuelle Liste belasteter Gebäude im Jahr 2026. Ob und wie die einzelnen Eigentümer danach sanierten, muss für jedes Anwesen gesondert überprüft werden. Ebenso wenig lässt sich aus einer ehemaligen Spiegelwerkstatt ohne Messbeleg auf eine gegenwärtige Gesundheitsgefahr schließen.

Was moderne Forschung erkennen kann – und was nicht

Die medizinische Studie von P. Lederer und K. Werkmeister aus dem Jahr 1995 untersuchte 42 Personen, die in ehemaligen Spiegelbelegräumen mit gemessenen Raumluftkonzentrationen zwischen 1 und 70 µg/m³ gelebt hatten. Zwei Personen zeigten reversible klinische Zeichen einer Quecksilbervergiftung; ausgeprägte schwere Vergiftungsbilder wurden in dieser Studiengruppe nicht festgestellt. Die Angaben stammen aus der veröffentlichten Zusammenfassung der Studie. [2]

Die 42 untersuchten Menschen sind keine Untergruppe, die man ohne weiteres den 45 von der Stadt erfassten Gebäuden zuordnen könnte. Menschen, Messungen, Untersuchungszeiträume und Gebäude sind unterschiedliche Dateneinheiten.

Die Stadtgeschichte steckt auch in den Wänden

Das Beispiel der Gustavstraße 44 führt das Thema bis in die Gegenwart: Eine städtische Bauvorlage von 2025 beschreibt die vorgesehene vollständige Entkernung des alten Hauses wegen einer hohen Quecksilberbelastung. Das zeigt, wie weit die Folgen historischer Gewerbenutzungen in späteren Bau- und Denkmalschutzentscheidungen reichen können. Die Vorlage belegt jedoch nicht, dass eine Sanierung zum Zeitpunkt ihrer Erstellung bereits abgeschlossen war. [3]

Die Spiegelindustrie formte die Wirtschaft Fürths, den Arbeitsalltag vieler Familien und die Bebauung der Altstadt. Ihre Spuren sind nicht immer sichtbar. Gerade deshalb lohnt es sich, die alten Adressbücher und Fabrikgeschichten mit den städtischen Akten zu verbinden – sachlich, einzeln und ohne aus einem historischen Verdacht ein heutiges Urteil zu machen.

Quellen

  1. [1]Stadt Fürth, Umweltausschuss, OA/084/2014, Sachstandsbericht zur Quecksilberbelastung vom 30. Januar 2014. Vorlage und Zahlen.
  2. [2]P. Lederer/K. Werkmeister, „Quecksilberbelastung bei Menschen durch Wohnungen in ehemaligen Spiegelbelegsälen“, Gesundheitswesen 57 (1995), S. 391–396. Wissenschaftliche Zusammenfassung.
  3. [3]Stadt Fürth, Bau- und Werkausschuss, BaF/0172/2025, Gustavstraße 44. Beschlussvorlage.

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