Stadtgeschichte · Wirtschaft und Handwerk · 1792–1900
Wie Fürth zur Spiegelstadt wurde
Glashütten, Wasserkraft, Handwerker und Händler: Wie aus zahlreichen verstreuten Betrieben eine Industrie mit Fürth als Mittelpunkt entstand.
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Wer im 19. Jahrhundert einen Fürther Spiegel kaufte, hielt ein Produkt in den Händen, dessen Entstehung oft an mehreren Orten stattgefunden hatte. Die Glastafel kam aus einer Hütte, wurde andernorts geschliffen und poliert, erhielt an einem weiteren Arbeitsplatz ihren spiegelnden Belag und wurde schließlich gerahmt und verkauft. Fürth war nicht einfach der Standort einer großen Spiegelglasfabrik: Die Stadt war der Knotenpunkt eines weit verzweigten Gewerbes. [1][2]
Ein Spiegel entsteht an mehreren Orten
Das Rohglas entstand in Glashütten unter anderem in der Oberpfalz und im Bayerischen Wald. Um eine klare, weitgehend ebene Oberfläche zu erhalten, mussten viele Tafeln in Schleif- und Polierwerken bearbeitet werden. Hier half die Wasserkraft: Mühlen an Flüssen und Bächen trieben die Maschinen an, während Kaufleute und Unternehmer in Fürth Kapital, Aufträge und Absatz organisierten. Der letzte Schritt, das sogenannte Belegen, machte aus der durchsichtigen Glastafel einen Spiegel. Beim älteren Verfahren verwendeten die Arbeiter Zinnfolie und Quecksilber, aus denen sich die spiegelnde Amalgamschicht bildete. [1][2]
Das erklärt ein scheinbares Paradox: Fürth wurde zur Stadt der Spiegel, obwohl das Rohglas in der Stadt selbst in der Regel gar nicht hergestellt wurde. Die Produktionsorte reichten bis nach Schniegling und Doos, nach Georgensgmünd und in weiter entfernte Täler. Fürther Unternehmen verbanden diese Plätze über Aufträge, Wasserrechte, Transporte und Absatzmärkte. Die Namen auf den Geschäftsschildern in Fürth erzählen somit nur einen Teil der Geschichte. [1]
Vom Handwerk zum Handelszentrum
Die Arbeitsteilung war keine späte Erfindung großer Aktiengesellschaften. Eine zeitgenössische Darstellung von 1860 schildert die damalige Herstellung als Netz selbstständiger Geschäfte: Unternehmer bezogen Glas, bestellten Schleif- und Polierarbeiten und ließen das Belegen teilweise von Familien in deren eigenen Wohnungen gegen Stücklohn erledigen. Die Unternehmer stellten dazu Quecksilber und Zinnfolie. [2]
Diese Organisation bot den Fürther Kaufleuten Beweglichkeit und förderte den Export, verlagerte jedoch Arbeit und gesundheitliche Belastung auf zahlreiche Haushalte. Es sind gerade diese Menschen – Glasbeleger, Schleifer, Polierer, Spiegelschreiner, Händler und ihre Familien –, ohne die Fürths wirtschaftlicher Erfolg nicht zu verstehen ist.
Die Größenordnung lässt sich an einem Adressbuch ablesen: Für 1895 ermittelte der Historiker Gilbert Krapf 77 Unternehmen der Spiegelherstellung und des Spiegelhandels, daneben ungefähr 40 Rahmenhersteller und zehn Firmen im Bereich der Spiegelbelegung. Diese Zahlen beschreiben verschiedene Gewerbegruppen; sie sind weder eine Gesamtzahl der Fabriken noch eine Beschäftigtenstatistik. [1]
Der technische Umbruch: Silber statt Quecksilber
Das ältere Quecksilberverfahren war für Beschäftigte gefährlich. Die Veröffentlichung von 1860 beschreibt eindringlich die gesundheitlichen Folgen. Fürther Gewerbeschulleiter Johann Caspar Beeg setzte sich deshalb gemeinsam mit dem Chemiker Justus von Liebig für eine Alternative ein: die chemische Versilberung von Glas. Dabei wurde Silber auf der Glasfläche abgeschieden, ohne das traditionelle Quecksilberamalgam zu benötigen. [2][3]
Der Wechsel gelang nicht auf einen Schlag. Das neue Verfahren stellte andere technische Anforderungen, musste in den Betrieben wirtschaftlich tragfähig werden und konkurrierte mit eingespielten Arbeitsweisen. Noch Jahrzehnte später beschäftigten sich Mediziner und Behörden mit den Gefahren der alten Belegung. Das Nebeneinander beider Techniken ist deshalb ein wesentlicher Teil der Fürther Industriegeschichte. [1][2][3]
Familienunternehmen, entfernte Werke und neue Produkte
Die Fürther Unternehmer bauten ihr Netz im 19. Jahrhundert aus. Zu den prägenden Namen gehörten die verschiedenen Büchenbacher-Unternehmen und die Firma Seligman Bendit & Söhne. Ihre Betriebe waren über Standorte, Handelsbeziehungen und Familien verbunden; gleiche Nachnamen oder ähnliche Firmierungen bedeuten aber nicht, dass sie rechtlich ein einziges Unternehmen bildeten. Auch bei Ortsnamen ist Vorsicht geboten: Die Neumühle an der Rednitz bei Oberasbach und die Neumühle bei Erlangen waren zwei verschiedene Standorte mit unterschiedlichen Firmengeschichten. [1][4]
Mit wachsender Industrialisierung veränderten sich Glasherstellung, maschinelle Bearbeitung und die Verwendung von Spiegeln. Aus der handwerklichen Belegung und dem Handel mit Zimmer- und Handspiegeln entwickelte sich später unter anderem die Fertigung für Fahrzeuge. Ein bemerkenswerter jüngerer Zweig begann 1932 im Hinterhof der Geierstraße 3 in Stadeln: Hans und Frieda Lang gründeten gemeinsam einen Spiegelbetrieb, aus dessen Geschichte später die Lang-Unternehmensgruppe hervorging. [5]
Der Glanz und seine Kosten
Die wirtschaftliche Bedeutung der Spiegelindustrie ist bis in das Stadtbild zurückzuverfolgen. Ihre Geschichte endet jedoch nicht mit dem Ende eines Produktionsverfahrens. Als die Stadt Fürth 1989 im früheren Amtshaus am Kohlenmarkt 3 auffällige Quecksilberwerte feststellen ließ, zeigte sich, dass einstige Werkstätten Jahrzehnte später noch Sanierungsfragen aufwerfen konnten. Eine systematische Untersuchung zwischen 1991 und 1993 dokumentierte zahlreiche Verdachtsobjekte und unterschiedliche tatsächliche Belastungen. [6]
So erzählt die Spiegelgeschichte zwei miteinander verbundene Geschichten: von Fürths Erfindungsgeist, Unternehmertum und internationalem Handel – und von den Menschen, Arbeitsbedingungen und Gebäuden, die den Preis dieses Erfolgs mittrugen. Die Stadt der Spiegel bestand aus weit mehr als Glas.
Quellen
- [1]Gilbert Krapf: „Spiegelglas für Fürth. Glashütten, Schleif- und Polierwerke im 18. und 19. Jahrhundert“, Fürther Geschichtsblätter 1/2006, besonders S. 3 ff. Digitalisat.
- [2]„Ueber die Silberspiegelfabrication“, Polytechnisches Journal, Band 157, 1860, S. 206 ff. Volltext.
- [3]Gilbert Krapf: „Spiegelglas für Fürth“, Fürther Geschichtsblätter 1/2006, insbesondere technische Entwicklung und Übergang zur Silberspiegelbelegung. Digitalisat.
- [4]Michael Müller: „Seligman Bendit & Söhne“, Fürther Geschichtsblätter 2/2006; Firmen- und Standortgeschichte sowie dortige Einzelnachweise.
- [5]MEKRA Lang: 90 Jahre – Tradition und Innovation, Firmenchronik, S. 7 ff. Festschrift.
- [6]Stadt Fürth, Umweltausschuss, Vorlage OA/084/2014, 30. Januar 2014. Sachstandsbericht.