Kleeblattmuseum · Jüdische Medizin- und Familiengeschichte
Lazarus Elieser Farntrog
Ein Fürther Familienvater zwischen Textilhandel, Rotkreuzdienst und nationalsozialistischer Verfolgung.
Herkunft und berufliche Wege
Lazarus Elieser Farntrog wurde nach den vorliegenden biografischen Darstellungen am 10. April 1886 in Fürth geboren. Er wird mit dem Textilhandel in Verbindung gebracht. Aus der Zeit des Ersten Weltkriegs ist eine Aufnahme in der Rolle eines Rotkreuzhelfers überliefert; die genaue Tätigkeit bedarf eines Abgleichs mit zeitgenössischen Unterlagen.
Familie und Verbindungen
Seine Ehefrau war Jettchen Jael, geborene Nachmann. Zur Familie gehörten unter anderem die Töchter Rosi Rivka und Betti Bilha, deren Lebenswege in die Geschichte jüdischer Krankenpflege und nationalsozialistischer Deportationen führen.
Bei Edith Rosalie Farntrog ist die Elternzuordnung in den veröffentlichten Darstellungen widersprüchlich. Sie wird deshalb nicht ohne Originalbeleg als Tochter dieses Ehepaars bezeichnet.
Offene Fragen
Ausführlichere Aussagen zu Geschäftstätigkeit, Kriegseinsatz und einzelnen Familienmitgliedern erfordern noch einen Abgleich mit Gewerbe-, Melde- und Personenstandsquellen. Die vorhandenen Porträts werden nur als externe Quelle verlinkt, bis die Bildrechte geprüft sind.
Elternhaus, Ehe und fünf Kinder
Lazarus wurde am 10. April 1886 in Fürth als Sohn von Isaak (Yitzchok) Farntrog und Emma, geborene Berliner, geboren. Seine Ehefrau Jettchen Jael Nachmann stammte aus Hamburg: Sie wurde am 28. Januar 1899 als Tochter von Moses Nachmann und Betti, geborene Cohen, geboren. Die Familie verband damit die jüdischen Lebenswelten Fürths und Hamburgs.
Aus der Ehe gingen nach der überlieferten Familienrekonstruktion Rosi Rivka (1919), Betti Bilha (1920), Gerda (1922), Erwin Isaak (1923) und Emmy Esther (1925) hervor. Zwei der Töchter, Rosi und Betti, wurden Krankenschwestern. Gerda überlebte als später verheiratete Weinstein durch die Flucht nach Palästina.
Vom Sanitätsdienst zum Textilhandel
Während des Ersten Weltkriegs war Lazarus nach der biografischen Überlieferung als Rotkreuz-Sanitäter tätig. Eine ihm zugeschriebene Aufnahme aus der Zeit um 1916 zeigt ihn in dieser Rolle. Über Einheit, Einsatzorte und Dauer seines Dienstes liegen in den hier verwendeten Quellen keine hinreichend überprüften Angaben vor.
Später führte Lazarus ein Textilgeschäft gegenüber dem Fürther Rathaus an der Königstraße. Der genaue Geschäftsverlauf, mögliche Inhaberwechsel und die wirtschaftlichen Folgen der nationalsozialistischen Ausgrenzung sind anhand von Adressbüchern, Gewerbeakten und zeitgenössischen Anzeigen weiter zu klären.
Chewra Kadischa: Verantwortung für Kranke und Verstorbene
Besonders aussagekräftig ist Lazarus' Tätigkeit für die israelitische Beerdigungsbruderschaft, die Chewra Kadischa. Zur jüdischen Gemeindefürsorge gehörten Krankenbesuche und die würdevolle Versorgung Verstorbener. Der Zeitzeuge Ludwig Rothschild erinnerte Lazarus als einen der letzten, die diese religiöse Verpflichtung unter der nationalsozialistischen Verfolgung erfüllten.
Für 1937 wird ein Antrag Lazarus' auf einen Ausweis als Leichenbegleiter erwähnt, damit er das Fahrzeug der jüdischen Gemeinde für entsprechende Fahrten nutzen konnte. Diese konkrete Verwaltungsspur bietet einen Ansatzpunkt, seine Aufgaben jenseits allgemeiner Erinnerungen genauer zu rekonstruieren.
Jettchen Farntrog als Unternehmerin und Verfolgte
Auch Jettchens eigene Tätigkeit gehört zur Familiengeschichte. Nach der pflegehistorischen Forschungsdarstellung führte sie noch 1933 in der Königstraße 137 ein Grabsteingeschäft. Die Verbindung zum Bestattungswesen der Gemeinde ist auffällig, doch Eigentumsverhältnisse und Geschäftsorganisation müssen mit Originalakten überprüft werden.
Am 6. Mai 1942 verurteilte das Amtsgericht Hamburg Jettchen laut der zitierten Überlieferung zu 25 Reichsmark Geldstrafe, ersatzweise fünf Tagen Haft, weil sie die Führung eines vom NS-Staat erzwungenen zusätzlichen jüdischen Vornamens nicht ordnungsgemäß angezeigt habe. Der Vorgang verdeutlicht die bürokratische Entrechtung bis in persönliche Namensangelegenheiten.
Gescheiterte Flucht und Deportation
Die Familie versuchte nach den vorliegenden biografischen Darstellungen, nach Palästina zu entkommen. Während Gerda 1940 die Flucht gelang, blieben die übrigen Angehörigen weitgehend im Zugriff des NS-Verfolgungsapparats. Rosi wurde 1942 deportiert, Betti im Juni desselben Jahres. Für Lazarus und Jettchen verzeichnet das Bundesarchiv-Gedenkbuch nach der Sekundärüberlieferung den 18. Juni 1943 als Deportationsdatum.
Der weitere individuelle Weg des Ehepaars ist in den hier geprüften Quellen nicht lückenlos dokumentiert. Ein genauer Todesort wird deshalb nicht behauptet. Die Familiengeschichte kann ohne diese Unsicherheit zu verschweigen dennoch die Dimension des Verlusts sichtbar machen.
Quellenkritik und Querverbindungen
Besonders ergiebig sind die von Gerda Weinstein für Yad Vashem eingereichten Gedenkblätter, die Erinnerung Ludwig Rothschilds, der Ausweisantrag von 1937 sowie Handels- und Adressbücher zur Königstraße. Die widersprüchliche Elternzuordnung von Edith Rosalie Farntrog bleibt ausdrücklich offen. Weitere Zusammenhänge erschließen die Biografie von Betti und der Artikel zum Jüdischen Krankenhaus Fürth.
Erwins Weg nach Frankreich
Die ausführliche Forschungsdarstellung zur Familie berichtet, dass Lazarus' Sohn Erwin Isaak eine Ausbildung an einer Jeschiwa in Frankreich aufnehmen sollte. Er wird außerdem mit dem französischen Lager Casseneuil und einer späteren Deportation nach Auschwitz in Verbindung gebracht. Diese Spur ergänzt die bisherige Familiengeschichte um einen bislang wenig beachteten internationalen Zusammenhang.
Eine namentliche französische Lager- oder Deportationsliste ist für diesen Artikel noch nicht selbst eingesehen worden. Daher bleiben die konkrete Station, die zeitliche Abfolge und der individuelle Todesnachweis ausdrücklich prüfbedürftig. Quelle: Jüdische Pflegegeschichte, Familie Farntrog.
Erwin Isaak: eine französische Deportationsspur
Für den Sohn Erwin Isaak (geboren am 31. Mai 1923) lässt sich die bisher allgemein beschriebene Verfolgung in Frankreich nun konkreter eingrenzen. Die französische Gedenkdatenbank AJPN nennt einen 19-jährigen Erwin Farntrog aus Fürth, Stationen in Colmar und Cambes, die Internierung in Casseneuil sowie die Zuordnung zum Drancy-Konvoi Nr. 30 vom 9. September 1942 nach Auschwitz. Der vollständige Abgleich der zugrunde liegenden französischen Originallisten steht noch aus.
Quellen und Bildnachweise
- Betti Bilha Farntrog und Familie – Jüdische Pflegegeschichte ↗
- Familien- und Pflegeverbindungen – Jüdische Pflegegeschichte ↗
Forschungsdarstellung mit Einzelnachweisen und Zeitzeugenüberlieferung ↗
Historische Fotografien werden erst nach Prüfung von Herkunft, Zuschreibung und Nutzungsrechten unmittelbar eingebunden.